Herbstserie: Teil 7 Grüne Insel im Zentrum

Der Stadtwerder ist eine Bremer Besonderheit. Sollten Bebauungspläne für die Halbinsel geschmiedet werden, dann gehen die Kleingärtner als wichtige Gesellschaftsgruppe auf die Barrikaden, soviel ist sicher.
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Grüne Insel im Zentrum
Von Sara Sundermann

Mitten im Herzen der Stadt liegt die grüne Halbinsel, ein Ruheort, der von allen Seiten von bebauten Gebieten umschlossen ist. Der Stadtwerder ist eine Bremer Besonderheit, das Wort „Werder“ bedeutet Flussinsel. Die Werderinsel ist ein Ort, den man schon mal vergisst, wenn man die großen Grünflächen der Stadt aufzählt, und der doch zu den größten Naherholungsgebieten Bremens zählt.

Mehr als drei Quadratkilometer umfasst die Halbinsel allein ohne ihre dicht bebaute Spitze in der Innenstadt, den Teerhof. Dabei gibt es einen simplen Grund, warum dieses zentrale Stück Land über die Jahrhunderte hinweg weitgehend grün und unbebaut bliebt: Es wäre schlicht zu aufwendig und gefährlich, den Stadtwerder insgesamt zu bebauen, denn die komplette Halbinsel ist Überflutungsgebiet, das bestätigt die Baubehörde.

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Anselm Züghart zeigt eine Markierung an einer alten Wand auf der Werderinsel: 1994 stand demnach das Wasser hier fast hüfthoch. Für die Halbinsel hieß das „Land unter“. Züghart ist Geschäftsführer des Kulturzentrums Lagerhaus im Viertel und zudem Vorsitzender eines besonderen Ortes auf der Werderinsel: dem Lichtluftbad, kurz Lilubad.

Ein nostalgisches Stück Natur, von alten Bäumen bestanden und mit Duschen und Umkleidekabinen, die vor 100 Jahren gebaut wurden. Ein Bad zum Sonnenbaden und Atmen? Tatsächlich entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts vielerorts in Deutschland Lichtluftbäder – sie wurden als Teil der Naturheilkundebewegung gegründet.

Dort konnten Frauen und Männer – selbstverständlich streng getrennt mit gesonderten Eingängen und Zaun zwischen den ihnen zugedachten Bereichen – nackt Sonne und frische Luft tanken. Nun ja, was damals so nackt hieß, präzisiert Züghart: Die hochgeschlossenen Gewänder des Bürgertums wurden dann gegen gewagte kurzärmlige Oberteile getauscht.

Auch für erwachsene Naturfreunde

Heute wird das Lichtluftbad für Entspannung, Sport und Kultur genutzt: Puppentheater und Blaumeiers Maskentheater fanden hier statt, Mitglieder können hier übernachten, Hochzeiten und Geburtstage feiern oder sich in Federball und Bogenschießen üben. Seit einem Jahr gibt es zudem einen Waldkindergarten mit Bauwagen und Mobilbauten in schwedischem Stil: Ein Dutzend Kinder kann hier toben und sich unter den Bäumen ausprobieren.

Auch für erwachsene Naturfreunde hat der Stadtwerder einiges zu bieten: Wer Obstbäume betrachten und Äpfel und Pflaumen reifen sehen will, kann durch die ungezählten kleinen Kieswege streifen, von denen die meisten auf normalen Stadtplänen gar nicht verzeichnet sind. „Der Stadtwerder ist ein sensationelles Gebiet, auch ein hochinteressantes Gebiet für Stadtentwicklung, das in Zukunft noch Begehrlichkeiten wecken wird“, ist sich Züghart sicher.

Doch wenn Bebauungspläne für die Halbinsel geschmiedet werden, dann gehen die Kleingärtner als wichtige Gesellschaftsgruppe in Bremen auf die Barrikaden, soviel ist sicher: „Gegen eine Bebauung des Stadtwerders würden wir konsequent vorgehen“, sagt August Judel, Vorsitzender der Bremer Gartenfreunde. Mehr als 2300 Kleingärten gibt es auf dem Stadtwerder, damit beherbergt die Insel Bremens zweitgrößtes Parzellengebiet.

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Als 2008 beschlossen wurde, kleinere Teile der Halbinsel im Westen zu bebauen, demonstrierten nicht nur Kleingärtner und Inselanrainer für einen Erhalt der Grünflächen. Hinzu kommt: Würde man den Stadtwerder eindeichen, dann müsste das Wasser der Weser bei Hochständen andernorts ausweichen. Den bis dicht an den Fluss bebauten Gebieten der Innenstadt würde dann Überflutung drohen.

Derzeit sind die von Autos befahrenen Wege auf dem Stadtwerder absolut in der Unterzahl. „Für Spaziergänger gibt es zwischen den Parzellen auch einige Bänke zum Verweilen“, sagt Judel. Ebenso wie einen kleinen Spielplatz, der sich im Herzen des Parzellengebiets zwischen Sportanlagen und Fähranleger verbirgt.

Wer es geschickt anstellt, kann auf dem Stadtwerder nicht nur spazieren gehen, sondern sogar eine Wandertour bestreiten, ohne dabei viele Häuser zu sehen – Parzellenhäuschen ausgenommen. Einst wurde der Stadtwerder, den man nur von der Südseite am Ende des Werdersees auf dem Landweg erreichen kann, übrigens als Weideland genutzt. Deshalb wurde die Werderinsel früher auch Kuhwerder genannt.

Eine kleine Landspitze

Heute erinnert an weidende Rinder noch der Name der Traditionsgaststätte in ihrem Herzen: Der „Kuhhirte“. Ein Ausflugslokal mit Tradition ist auch das Café Sand, zudem gibt es zum Beispiel den Beach-Club White Pearl mit Blick auf den gegenüberliegenden Osterdeich. Ansonsten aber sind Gastro-Betriebe eher rar gesät. Wer ein ruhiges Fleckchen sucht, kann also getrost Picknickdecke, Teekanne und Brotzeit einstecken.

Zu entdecken gibt es genug: Obstbäume voller knallroter Äpfel, versteckte Hängematten und Baumhäuser auf der vom Naturschutzverband BUND betriebenen Kinderwildnis. Dort werden übrigens auch Hühner gezüchtet, und – Obacht mit den Hühnern! – immer wieder Füchse gesichtet, erzählt Ekkehart Schultz, Geschäftsführer und Mann vor Ort beim Lichtluftbad. „Auch Fasane und natürlich Eichhörnchen ohne Ende haben wir hier“, sagt er.

Traditionell übernachtet so mancher Kleingärtner schonmal auf Parzelle – und auch das eine oder andere kleine Boot, das hier auf der Insel aufgebockt ist, soll bisweilen dem Kapitän als Schlafstätte dienen. Am nördlichen Inselufer sind die Skipper, Segler und Rudervereine angesiedelt. Dort führt Anselm Züghart zu einem seiner Lieblingsorte auf dem Stadtwerder: Eine kleine Landspitze mit Holzbank zwischen Café Sand und einem etwas weiter westlich gelegenen kleinen Strand.

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„Das ist der Strand, an dem Bremens früherer Bürgermeister Henning Scherf schwimmen lernte“, erzählt Züghart. „Hier sieht man fast alles, was zur Werderinsel dazu gehört: Die Bäume, das Wasser, den alten Wasserturm – der war für mich immer Leuchtturm und Kulturwahrzeichens Bremens, schon als Kind.“ Er bedauert, dass der Turm immer noch weitgehend ungenutzt sei. „Wenn er zumindest beleuchtet würde, das wäre doch schön.“

So aber kehrt gerade bei Anbruch der Dämmerung im Herbst nicht nur am alten Wasserturm, sondern auch insgesamt auf dem Stadtwerder mehr Ruhe ein. Im Winter, wenn die kleine Hal-Över-Fähre die Halbinsel nicht mehr ansteuert, sind die zentralen Teile des Stadtwerders ohnehin nur auf Umwegen zu erreichen.

Wer wochentags hier flaniert, kann schon jetzt im Oktober viel Ruhe tanken. Und einige Bremerinnen und Bremer nutzen das konsequent und verbringen gerade an schönen Herbsttagen jede freie Minute auf einem der kleinen Stege am Werdersee: Die Einen machen Qi-Gong, die anderen kommen zum Lesen oder tauchen unerschütterlich noch einmal ein in die kühlen Fluten.

Info

Zur Sache

Orte auf der Halbinsel

Der Stadtwerder ist für alle frei und kostenlos zugänglich. Das gilt auch für die Kinderwildnis, die sich neben dem Café Sand in direkter Nähe des Anlegers der Fähre Hal Över befindet. Das Lichtluftbad am Strandweg 105 ist ein halböffentlicher Raum. Nach Voranmeldung (Telefon 55 06 01 oder 701 00 00 75) kann jeder das Lichtluftbad nutzen. Die Tagesgebühr kostet für ­Erwachsene zwei Euro und für Kinder einen Euro. Wer zwischen 11 und 16 Uhr zum Lilubad kommt, sollte auch spontan Einlass erhalten, denn in dieser Zeit ist in der Regel jemand vom Betreiberverein vor Ort. Private Feiern im Lichtluftbad veranstalten und dort zum Beispiel übernachten können nur Mitglieder des Betreibervereins Prießnitz in Bremen.

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