189. Bremer Eiswettfest Grünkohl-Essen mit Rekordspende

An diesem Samstag trafen Größen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Bremer Eiswettfest zusammen - mit Lufthansa-Chef Carsten Spohr als Ehrengast. Bei der traditionellen Spendensammlung geht in diesem Jahr die Rekordsumme von 467.760,04 Euro an die Seenotretter.
20.01.2018, 16:34
Lesedauer: 3 Min
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Grünkohl-Essen mit Rekordspende
Von Nina Willborn

Wenn am dritten Januar-Sonnabend Eisschollen in der Nähe des Bahnhofs das Thema sind, ist das kein Grund zur Beunruhigung. Im Gegenteil, es ist ein Anlass zu großer (Wiedersehens-)Freude. Denn die Eisschollen haben in Bremen nur einen Zweck: An ihnen lässt sich die rund 800 Mann starke Festgesellschaft der Eiswette von 1829 nieder, wenn sie im Hansesaal des Congress Centrums ihr traditionsreiches Stiftungsfest begeht. Man soll Superlative ja sparsam verwenden, aber dem Eiswettfest gebührt einer: Auf keinem anderen der regelmäßigen gesellschaftlichen Ereignisse der Hansestadt kommen so viele Größen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammen.

Stefan Bellinger, Zeremonienmeister der Eiswette, fasst es so zusammen: „Unsere Gäste sind Champions League.“ Diesmal unter anderem in der Start-Aufstellung: Lufthansa-Chef Carsten Spohr und Miele-Vorstand Reinhard Zinkann, Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und Bundeskriminalamt-Boss Holger Münch. Ab 14 Uhr plauderten sie beim Empfang des Präsidenten unter anderem mit Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) und der Bremer Polit-Prominenz. „Ich bin lange Sitzungen gewohnt“, sagte de Maizière, der den Besuch mit einem Treffen bei Freunden verband, „aber nur wenige sind so vergnüglich.“

Gespräche beim Eiswettfest sind oft, sie sollen es auch sein, man will ja Werbung für Bremen machen, strategisch bedeutsam. Neuerdings werden im Foyer auch Selfies gemacht, man tauscht sich aus übers vergangene Jahr oder verabredet sich für die „Raupipau“ bei einem ersten kühlen Pils, das übrigens auch in 0,1-Einheiten gezapft wird. Der restliche Nachmittag und der Abend sind schließlich lang. Die große Rauch- und Pinkel-Pause teilt das siebeneinhalbstündige Fest in zwei Halbzeiten.

Beim Eiswettfest wird indes nicht nur (ein-)genommen, nämlich Grünkohl mit Pinkel und Kartoffeln als Hauptgang, sondern auch gegeben. Seit Jahrzehnten spenden die Genossen und Gäste am Abend für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger – und das nicht zu knapp. 2017 wurde mit 450 238 Euro ein neuer Rekord aufgestellt, der in diesem Jahr übertroffen wurde: 467 760,04 Euro kamen zusammen.

Zu einer gelungenen Eiswettfeier gehören unbedingt die Reden. Eiswett-Präsident Patrick Wendisch nahm die Bundespolitik aufs Korn. Er bezeichnete SPD-Chef Martin Schulz als „Rothirsch aus Würselen“, der sich nach der Wahl mit seiner Partei in Schockstarre befunden und sich dann samt Genossen „in die Büsche geschlagen“ habe. Die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisierte er als richtungslos. „Sie fließt wie Strom, nimmt den Weg des geringsten Widerstands.“

Die schwierigste Aufgabe des Abends hatte nach eigener Darstellung Carsten Spohr mit seiner „Deutschland-und-Bremen-Rede“. Bevor der Lufthansa-Chef zu seinem eigentlichen Thema, Globalisierung und Weltoffenheit, zu sprechen kam, erzählte er humoristisch von den Hinweisen, die ihm das Eiswett-Präsidium an die Hand gegeben hatte. „Nicht zu kurz, aber keinesfalls zu lang. Nicht zu lustig, aber bitte auch nicht zu ernst …“

Sympathien für Bremen und seine lange Tradition der Hanse hat der Manager, seit er an der Weser in den 1990er- Jahren die Ausbildung zum Piloten absolvierte und während dieser Zeit im Steintor wohnte. Angesichts des neuen Protektionismus, der zunehmend unter anderem die Politik der USA bestimme, „ist es höchste Zeit, dass Europa sich auf seine Grundwerte besinnt und sie nachdrücklich in der Welt verteidigt“, sagte Spohr. Man müsse der Propaganda von Populisten, die Abschottung forderten, etwas entgegensetzen.

Spohr: „Wir leben in unruhigen Zeiten. Es ist eine Phase tief greifender Veränderungen. Ohne Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft ist alles nichts. Jeder muss dafür streiten, wir dürfen es nicht nur der Politik überlassen.“ Was sein Unternehmen angeht, ließ Spohr erkennen, dass ihn die Konkurrenz von Ryanair in Bremen stört. Applaus für Spohr, genauso wie auch später für Zinkann („Ich bin ein Halb-Bremer, mein Vater wurde hier geboren“), der nicht nur Vergleiche zum bei Bremer Hanseaten traditionell eher so mittelmäßig beliebten Hamburg zog, sondern sich auch der aktuellen Senatspolitik widmete.

Was die Bremer Eiswette und ihr Fest ausmacht: Es ist ein freundlicher Stolz auf Bremen und seine Tradition, der hier gefeiert wird. Selbstbewusst, aber nicht großspurig und selbstverliebt. Und noch eine Erkenntnis: Auch wenn man es eher bei einer Damen-Gesellschaft vermuten würde – ganz schön viel Radau machen auch 800 Herren in Frack und Fliege, wenn sie gesittet an 50 Eisschollen sitzen.

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