Lehrer und Fachkräfte fordern mehr Stellen / Zehn Schulen wegen Personalversammlung geschlossen

Grundschulen an der Grenze

Bremen. Mindestens zehn Grundschulen in der Stadt sind am Dienstag komplett geschlossen geblieben: Eltern mussten sich für die Betreuung ihrer Kinder zusammentun, einen Urlaubstag nehmen oder andere Lösungen finden. Geschlossen blieben unter anderem die Grundschulen Kantstraße, Melanchthonstraße, Korbhauser Weg, In der Vahr und Am Wasser.
10.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Grundschulen an der Grenze
Von Sara Sundermann
Grundschulen an der Grenze

Petra Lichtenberg von der Bildungsgewerkschaft GEW führte den Protestzug der Grundschulbeschäftigten an.

Frank Thomas Koch

Mindestens zehn Grundschulen in der Stadt sind am Dienstag komplett geschlossen geblieben: Eltern mussten sich für die Betreuung ihrer Kinder zusammentun, einen Urlaubstag nehmen oder andere Lösungen finden. Geschlossen blieben unter anderem die Grundschulen Kantstraße, Melanchthonstraße, Korbhauser Weg, In der Vahr und Am Wasser.

Der Grund dafür: Der Personalrat der Grundschulen hatte alle Beschäftigten zur großen Personalversammlung eingeladen. Zunächst sollte diese im Schlachthof stattfinden, doch es gab so viele Anmeldungen, dass der Platz dort nicht ausgereicht hätte, sagt der Personalratsvorsitzende Arno Armgort. Zum Teil meldeten sich komplette Schulen geschlossen an. Deshalb wurde die Veranstaltung ins deutlich größere Musical-Theater verlegt.

Dort kamen am Dienstagvormittag rund 1200 Lehrkräfte, pädagogische Mitarbeiter und Verwaltungskräfte der Grundschulen zusammen, um ihre Forderungen an Bremens künftige Regierung zu beschließen. Etwa 150 Beschäftigte zogen im Anschluss vor die Bildungsbehörde, um ihre Forderungen zu übergeben. Dabei blockierten sie spontan und ohne Polizeibegleitung die Rembertistraße und legten kurzzeitig die Kreuzung unter der Hochstraße lahm.

Die Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeiter fordern eine bessere materielle Ausstattung der Schulen und vor allem mehr Personal. „Die Grundausstattung der Schulen ist mangelhaft, wir lassen uns das nicht länger gefallen“, ruft Petra Lichtenberg als Landesvorstandsprecherin der Bildungsgewerkschaft GEW ins Mikrofon. „Jedes dritte Kind ist von Armut betroffen, jedes dritte Kind hat Migrationshintergrund, und wir haben sehr viele Kinder mit Förderbedarf.“ Wichtig sei, dass tatsächlich 200 Stellen an Bremer Schulen neu und zusätzlich geschaffen würden, wie es Carsten Sieling (SPD) als Bürgermeister in spe zunächst angekündigt habe – und nicht etwa 200 Stellen, die durch interne Umstrukturierungen an den Schulen und durch Verschiebung des bestehenden Personals entstehen sollen, betont Lichtenberg: „Noch sind wir optimistisch, dass es Carsten Sieling tatsächlich um 200 zusätzliche Stellen geht.“ Die Belastung der Lehrkräfte sei sehr hoch und verursache an den Grund- und Oberschulen einen hohen Krankenstand, so Lichtenberg.

Die Lehrer könnten den Kindern im Alltag oft kaum gerecht werden, kritisieren verschiedene Sprecherinnen bei der Personalversammlung. Die Betriebsratsvorsitzende des Martinsclubs berichtet davon, dass eine pädagogische Mitarbeiterin sechs Monate lang den Unterricht in einer Grundschulklasse übernehmen musste, weil die Lehrerin krank war. Eigentlich sollen pädagogische Mitarbeiter gar nicht unterrichten, so sei es mit der Bildungsbehörde vereinbart, sagt Armgort. Eine Lehrerin der Grundschule am Wasser in Vegesack, die selbst eine Inklusionsklasse unterrichtet, erzählt, dass behinderte Kinder von der Schule nach Hause geschickt werden müssen, wenn die Sonderpädagogin ausfällt, die der Lehrerin zur Seite steht. Für die Sonderpädagogin gebe es keine Vertretung. „Damit bleiben dann wieder genau die Kinder zu Hause, die man eigentlich ins Zentrum der Inklusion stellen wollte, damit sie zur Schule gehen und an allem teilhaben“, sagt die Grundschullehrerin.

„Im Grunde bräuchten wir allein für die Inklusion an allen Bremer Schulen 400 zusätzliche Lehrkräfte“, sagt Lichtenberg. Im Vergleich mit anderen Stadtstaaten liege Bremen ohnehin weit zurück, was die Ausgaben für Bildung betrifft. An öffentlichen Schulen gaben Hamburg und Berlin im vergangenen Jahr 7400 Euro pro Schüler aus, sagt sie – in Bremen seien es nur 6300 Euro gewesen. Um das Defizit auszugleichen, fehlten den Bremer Grundschulen im Schnitt 17 Millionen Euro, stellen die Beschäftigten der Bremer Grundschulen nun in ihrem Beschluss fest.

Gebraucht werde dringend ein größerer Pool von Vertretungskräften, mehr Sozialarbeit an den Schulen und eine Doppelbesetzung in schwierigen Klassen, fordern die Grundschulmitarbeiter. Allerdings: Im Grunde sei an den Schulen jede Klasse eine Inklusionsklasse, vor allem in den Brennpunktgebieten, betonen mehrere protestierende Lehrerinnen. „In meiner Klasse hat ein Drittel der Schüler offiziell Förderbedarf“, sagt eine Lehrerin der Grundschule Andernacher Straße in Osterholz-Tenever. „Aber viele andere sind auch kurz davor.“

Notwendig seien auch bessere Arbeitsbedingungen für pädagogische Mitarbeiter, sagt Armgort. Längst arbeiteten – auch bedingt durch die politisch gewollte Inklusion – nicht nur Lehrer an den Grundschulen, sondern auch Sonderpädagogen, Sozialarbeiter, Logopäden, Ergotherapeuten und Krankenschwestern. Armgort spricht sich besonders gegen Leiharbeit und prekäre Beschäftigung an den Grundschulen aus: Viele pädagogische Mitarbeiter seien derzeit ohne Tarifvertrag zum Beispiel bei Schulvereinen angestellt und hätten kaum Kündigungsschutz, so Armgort.

Was die Eltern davon halten, dass durch die Personalversammlung vielerorts der Unterricht ausfiel? „Wir sind natürlich nicht glücklich über die Situation, es gab im Vorfeld Anfragen und Beschwerden von Eltern“, sagt Andrea Spude, Vorstandssprecherin des Zentralen Elternbeirats. „Uns wäre es lieber, die Personalversammlung fände nachmittags statt, aber es ist das Recht der Beschäftigten, sich während ihrer Arbeitszeit zu versammeln.“ Die meisten Eltern verstünden aber das Anliegen der Lehrer: „Viele Themen beschäftigen uns genauso. Die Ressourcen der Grundschulen sind sehr knapp bemessen, die Lehrer stehen unter hohem Druck.“

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