Interview mit Bremer Gesundheitssenatorin

„Grundschulen bekommen Gesundheitsfachkräfte“

Gesundheitsfachkräfte sollen ab Februar an zwölf Grundschulen in Bremen und Bremerhaven arbeiten. Ab August entfällt zudem das Schulgeld für künftige Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten.
08.01.2018, 15:11
Lesedauer: 5 Min
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„Grundschulen bekommen Gesundheitsfachkräfte“
Von Sabine Doll
„Grundschulen bekommen Gesundheitsfachkräfte“

Bremens Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt will Gesundheitsvorsorge an Schulen stärker zum Thema machen.

Karsten Klama

Frau Quante-Brandt, ab 1. Februar sollen an zehn Grundschulen in Bremen und an zwei Schulen in Bremerhaven Gesundheitsfachkräfte ihren Dienst beginnen. Was wird ihre Aufgabe sein?

Eva Quante-Brandt: Die Gesundheitsfachkräfte sollen Ansprechpartner für gesundheitliche Fragen sein. Sie entwickeln Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, bieten Sprechstunden für Schüler, aber auch für Eltern und die Lehrer an und sind Bindeglieder zu den Kinder- und Jugendärzten. Gesundheit und vor allem Prävention sollen auch im Unterricht stärker berücksichtigt werden. Ziel des Projektes ist es, die Gesundheitskompetenz von Kindern und Familien zu stärken. Gute und langfristige Präventionspolitik beginnt im wahrsten Sinne des Wortes in Kinderschuhen. Es gilt das Motto: Je früher, desto besser.

Worum kümmern sich die Gesundheitsfachkräfte konkret?

Zum Beispiel um Themen wie Bewegung, Ernährung, Sucht, Impfschutz, Mundgesundheit und psychische Gesundheit. Aufgeschlagene Knie und Schürfwunden und andere akute Beschwerden werden versorgt, aber die Arbeit der Gesundheitsfachkräfte geht weit darüber hinaus. Sie werden sich auch mit den Akteuren im jeweiligen Stadtteil vernetzen, mit den Kinder- und Jugendärzten und anderen gesundheitsbezogenen Angeboten. Zu ihnen sollen sie Kontakte aufbauen und auch gemeinsame Angebote mit den Schulen entwickeln. In Gröpelingen wäre das beispielsweise der Gesundheitstreff West.

Wenn es diese Angebote in den Quartieren und Stadtteilen bereits gibt – warum braucht man dann zusätzlich noch Gesundheitsfachkräfte an den Schulen?

Wir wollen die vorhandenen Angebote und die Menschen in Quartieren mit sozialen und finanziellen Schwierigkeiten stärken und ganz gezielt Familien mit Kindern unterstützen. Studien zeigen ganz klar, dass es einen Zusammenhang zwischen einer gesunden Entwicklung, sozialer Teilhabe und Bildungserfolg gibt. Dafür müssen wir diese Familien so früh wie möglich erreichen. Bei Kindern und Jugendlichen sind das die Schulen. Die Gesundheitsfachkräfte sind vor Ort. Wenn ihnen oder den Lehrern ein Bedarf auffällt, können sie umgehend aktiv werden – vor allem in der Gesundheitsvorsorge.

Aktiv werden heißt?

Zum Beispiel sich mit den Eltern in Verbindung setzen, Themen ansprechen und ihnen zum Beispiel den Rat geben: In diesem Fall sollten sie zum Kinderarzt gehen. Etwa wenn ein Kind übergewichtig ist, wenn Sprachstörungen oder mangelnde Konzentrationsfähigkeit auffallen. Wir wissen, dass in vielen Familien der Zug zum Arzt nicht sehr ausgeprägt ist, deshalb sind die Gesundheitsfachkräfte eine wichtige Schnittstelle zu den Kinder- und Jugendärzten.

Welche Grundschulen wurden für das Modellprojekt ausgewählt?

In Blumenthal sind das die Schulen an der Wigmodistraße und die Tami-Oelfken-Schule, in Vegesack die Grundschule am Wasser, in Gröpelingen die Schule am Halmerweg, in Walle die Schule an der Melanchtonstraße, in Huchting die Delfter Straße, in Obervieland die Stichnathstraße, in Woltmershausen die Schule an der Rechtenflether Straße, in Osterholz Am Ellenerbrokweg und in der Vahr an der Paul-Singer-Straße. In Bremerhaven wurden die Astrid-Lindgren-Schule und die Lutherschule ausgewählt.

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Warum sind genau diese Grundschulen ausgewählt worden?

Grundlage sind die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen. Ein weiteres Kriterium für die Auswahl ist der Förderbedarf der Stadtteile. Außerdem spielt die Größe der Schule eine Rolle, denn möglichst viele Schüler sollen mit dem Projekt erreicht werden.

Was haben die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen konkret gezeigt?

Im vergangenen Jahr hat das Gesundheitsamt einen Bericht zur Zahngesundheit von Grundschülern vorgelegt. Dabei ist deutlich geworden, dass die Prävention in bestimmten Stadtteilen verstärkt werden muss, weil dort der Anteil der Kinder mit Zahnschäden wie Karies deutlich höher ist als in anderen Stadtteilen. In den Schuleingangsuntersuchungen werden etwa Sehen, Hören, Sprache, Motorik, soziale und körperliche Entwicklung getestet. Anhand der Ergebnisse haben wir festgestellt, dass bestimmte Maßnahmen den Lernprozess unterstützen können.

Wie viele Gesundheitsfachkräfte sollen an den Schulen eingesetzt werden?

Insgesamt sind es sechs Gesundheitsfachkräfte, die jeweils für zwei Schulen in einem eigenen Büro zuständig sind. Die Stellen sind ausgeschrieben. Gesucht werden Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen mit der Zusatzqualifikation Public Health. Außerdem wird das Projekt durch einen Kinder- und Jugendmediziner sowie eine Verwaltungskraft koordiniert und unterstützt.

Werden alle sechs Gesundheitsfachkräfte ihren Dienst am 1. Februar 2018 aufnehmen?

Wir müssen abwarten, was die Bewerbungen betrifft. Voraussichtlich werden die Fachkräfte nach und nach mit der praktischen Arbeit an den Schulen beginnen.

Das Modellprojekt soll zunächst drei Jahre laufen: Was kostet es, und wie wird es finanziert?

Das Modellprojekt wird im Rahmen des Präventionsgesetzes gefördert. Bis Ende 2020 kommen 600.000 Euro von gesetzlichen Krankenkassen in Bremen. Das Gesundheitsressort stellt dazu im kommenden Doppelhaushalt 400.000 Euro und in 2020 vorbehaltlich des Haushalts weitere 200.000 Euro bereit.

Soll es nach 2020 weitergeführt und auch ausgeweitet werden?

Wenn es also gelingt, mit dem Modellprojekt die gesundheitliche Versorgung von Kindern in Bremen positiv zu beeinflussen, dann macht es durchaus Sinn, das auch nach dem Jahr 2020 fortzusetzen und weiterzuentwickeln.

Im vergangenen Jahr haben Sie angekündigt, dass Bremen als eines der ersten Bundesländer das Schulgeld für die Ausbildung von Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten abschaffen will. Bis zu 560 Euro müssen die Auszubildenden oder ihre Eltern jeden Monat selbst zahlen. Bleibt es dabei?

Das Land Bremen übernimmt mit dem Beginn des neuen Ausbildungsjahres am 1. August 2018 das komplette Schulgeld der Auszubildenden, die dann neu einsteigen. Damit stärken wir die Bereitschaft, sich für diese Berufe zu entscheiden. Das Schulgeld war für viele eine Hürde, die Zahl der Auszubildenden ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen.

Eine Kampagne sollte sich damit befassen, dass nur ein geringer Teil der Jugendlichen an den vorgesehenen Vorsorgeuntersuchungen teilnimmt. Startet dieses Projekt 2018 – und worum geht es konkret?

Wir wollen die sogenannte J-1-Vorsorgeuntersuchung beim Arzt, die für Jugendliche von zwölf bis 14 Jahre vorgesehen ist und zum Früherkennungsprogramm für Kinder gehört, gezielt bewerben. Daran nehmen derzeit nur 45 bis 50 Prozent teil. Wir werden die Jugendlichen anschreiben und gezielt auffordern. Die Initiative wird von den Bremer Kinder- und Jugendärzten unterstützt.

Gibt es weitere Projekte?

Wir werden die Ergebnisse einer Studie vorstellen, die den Suchtmittelkonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen untersucht hat. Anfang des Jahres werden die Ergebnisse vorliegen. Es wurde untersucht: In welcher Altersgruppe ist der Konsum besonders hoch? Um welche Suchtmittel handelt es sich? Wir benötigen dringend aktuelle Daten dazu, um eingreifen zu können – etwa durch das Projekt Frühintervention bei erstmals auffälligen Drogenkonsumenten.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

Zur Person:

Eva Quante-Brandt ist seit 2015 Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz. Zuvor war die Sozialdemokratin Bremens Bevollmächtigte beim Bund und für Europa (2011-2012) und Senatorin für Bildung und Wissenschaft (2012-2015).

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