Studie: Was belastet Lehrkräfte in Bremen? Grundschulen: Viel Bürokratie, wenig Zeit fürs Wesentliche

An sechs Bremer Grundschulen wurden für eine Studie Lehrkräfte gefragt, was sie als belastend empfinden. Einer der Autoren der Studie sagt klar, was aus seiner Sicht zuerst verändert werden müsste.
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Grundschulen: Viel Bürokratie, wenig Zeit fürs Wesentliche
Von Sara Sundermann

Die Situation an den Grundschulen sei „dramatisch schlecht“: Wenn nicht bald in Bremen gehandelt werde, dann würden einer ganzen Schülergeneration „verfassungswidrig Leistungschancen vorenthalten“, und eine junge Lehrergeneration werde innerhalb kurzer Zeit „verheizt“. Zu diesem Schluss kommen die Autoren einer Studie, die das Bremer Institut für interdisziplinäre Schulforschung (ISF) mit Unterstützung des Grundschulverbands erarbeitet hat.

Für die Studie wurden Lehrkräfte an sechs Bremer Grundschulen gefragt, was sie bei ihrer Arbeit als belastend wahrnehmen. Widersprüchliche Ziele, dazu eine kaum zu bewältigende Flut verschiedener Aufgaben, viel Bürokratie und wenig Zeit für Unterrichtsvorbereitung, das benannten die Lehrerinnen und Lehrer besonders oft als Problem. Die am Projekt beteiligten Schulen liegen in verschiedenen Stadtgebieten, zum Beispiel in Blockdiek, Huchting, Walle und Bremen-Nord.

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Bremens Grundschullehrkräfte sollten widersprüchliche Erwartungen erfüllen, sagt Helmut Zachau vom ISF. „Einerseits wollen die Eltern am Ende der Grundschulzeit eine Bewertung ihrer Kinder, am besten eine Gymnasialempfehlung“, sagt er. Und andererseits sollten Lehrkräfte im Zuge der Inklusion den Kindern positives Feedback geben und alle mitnehmen. „Das treibt die Lehrkräfte zur Verzweiflung.“

Viele hätten zudem das Gefühl, angesichts einer nicht zu erfüllenden Flut verschiedener Aufgaben kaum Zeit für das Wesentliche zu finden: für Unterrichtsplanung und für die konkrete Arbeit mit den Kindern. „Viele sagen: Die Kinder kommen zu kurz, ich müsste viel mehr tun“, beschreibt Zachau. Wenn Lehrer den Eindruck eigener Unzulänglichkeit hätten, könne das auf Dauer zu Gesundheitsproblemen oder zu Resignation und innerer Emigration bei der Arbeit führen, so der ehemalige Schulleiter und frühere grüne Bürgerschaftsabgeordnete.

Funktion der Leistungsbewertung viel kritisiert

Was also müsste sich aus Sicht der Autoren der Studie als Erstes verändern? „Zu viel Zeit von Grundschullehrkräften fließt in die Dokumentation: Sie müssen jederzeit den Leistungsstand jedes Schülers kennen und ihn auch gerichtsfest dokumentieren können“, sagt Zachau. „Dieses System müsste radikal verschlankt werden.“

Was er meint: Vielfach wurde im Rahmen der Befragung von Lehrkräften kritisiert, wie die Leistungsbewertung an Bremens Grundschulen funktioniert. Denn seit zwei Jahren sollen Grundschullehrer ihre Schüler fortlaufend detailliert bewerten: Sie sollen mit seitenlangen Bewertungsbögen erfassen, was die Kinder im Einzelnen können und was noch nicht. Dieses System hat einen Namen, der ähnlich bürokratisch klingt wie das, was die Lehrer tun sollen: „Kompetenzorientierte Leistungsrückmeldung“, kurz Kompolei.

"Überhaupt nicht handhabbar"

Für ein Fach gebe es vier Lernbereiche mit jeweils zehn Stufen, die Kinder erreichen könnten, erklärt Zachau. In der Praxis erhalten Lehrer demnach für jedes Kind ein ganzes Heft zur Leistungsbewertung für das Fach Deutsch und ein zweites Heft für Mathematik. In diesen Heften sollen die Lehrkräfte Hunderte Kreuze setzen.

„Theoretisch müsste man fortlaufend, also im Prinzip jeden Tag für jedes Kind, mit diesen Tabellen erfassen, welche Kompetenzen ein Schüler hat – selbst wenn man das nur jede Woche macht, ist es sehr aufwendig“, sagt André Sebastiani, Grundschullehrer und Mitglied im Personalrat Schulen. Das System „Kompolei“, das seit zwei Jahren in den Grundschulen die bis dahin üblichen Zeugnisbriefe abgelöst habe, sei von Anfang an von vielen Grundschullehrern als „überhaupt nicht handhabbar“ beschrieben worden, so Sebastiani.

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