Wegen fehlerhaften Arbeitsblatts

Debatte über Qualifikation von Grundschullehrern

Hitler als „König von Deutschland“: Das mit Fehlern und peinlichen Formulierungen gespickte Unterrichtsmaterial für eine Bremer Grundschule hat eine Debatte über die Qualifikation von Lehrkräften angestoßen.
15.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Debatte über Qualifikation von Grundschullehrern
Von Jürgen Theiner
Debatte über Qualifikation von Grundschullehrern

In der Grundschule wird die Basis für den weiteren Bildungserwerb gelegt, deshalb sind diese Jahre so entscheidend.

Peter Steffen

Es war ein Ausreißer, ein Extremfall, eine Art pädagogischer Blackout: Das mit Fehlern übersäte Arbeitsblatt für den Sachkundeunterricht an der Grundschule am Buntentorsteinweg, über das der ­WESER-KURIER vor einer Woche berichtete, erlaubt keine pauschalen Rückschlüsse auf die Kompetenzen heutiger Primarstufen-Pädagogen. Gleichwohl sorgt der Vorgang, der weit über Bremen hinaus ein Echo fand, für Diskussionen in der Fachwelt. Die Frage lautet: Wie steht es um Allgemeinbildung und Studierfähigkeit junger Menschen, die sich heute für den Lehrerberuf entscheiden, insbesondere für das Grundschullehramt? Darüber gibt es auch unter den Verantwortlichen an der Universität Bremen durchaus unterschiedliche Ansichten.

Elisabeth Hollerweger ist Dozentin für Literaturdidaktik im Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften, sie bildet Grundschulpädagogen im Fach Deutsch aus. Den Bericht über das desaströse Arbeitsblatt empfindet sie als Weckruf zur richtigen Zeit. Als kürzlich das neue Semester begann, habe sich einmal mehr gezeigt, dass schon beim Zugang zum Studium einiges im Argen liegt. So gebe es einen hohen Anteil von Bewerbern, die sich per Klage vor dem Verwaltungsgericht einen Studienplatz verschaffen. Manche Anwaltskanzleien hätten sich darauf spezialisiert, mit standardisierten ­Widersprüchen gegen ablehnende Bescheide vorzugehen und für ihre Mandanten auf diese Weise einen Studienplatz zu erzwingen. „Im Ergebnis haben wir teilweise 40 Prozent mehr Studierende als Plätze“, lautet Hollerwegers Erfahrung.

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Unter den Erstsemestern gebe es eine wachsende Gruppe, deren Studierfähigkeit und Eignung für den Lehrerberuf bezweifelt werden müsse. „Manche unserer Studierenden erfüllen nicht einmal das für das Ende der Grundschule festgelegte Sprachniveau“, diagnostiziert die Dozentin. Ihre Kollegin Jennifer Reiske stimmt zu. Bei einer Einführungsveranstaltung, in der die Studieneinsteiger eine Bilderbuchrezension verfassen sollten, habe sich gezeigt, „dass ungefähr 30 Prozent kaum die absoluten Basics beherrschten“. Syntax, Grammatik im Allgemeinen, die Fähigkeit,

Verben korrekt zu konjugieren – an diesen und anderen Grundanforderungen habe es teilweise gewaltig gehapert. „Diese Studierenden arbeiten aber trotzdem nicht daran, solche Defizite aufzuarbeiten, und das zeigt leider: Sie nehmen ihren späteren Beruf nicht ernst“, beklagt Reiske. „Manche Leute erweisen sich als ausgesprochen beratungsresistent. Schlechte Leistungen oder nicht bestandene Prüfungen lösen da keinerlei kritische Selbstreflexion aus.“

Im Beruf überfordert

Überhaupt, die Leistungskontrolle. Nicht bestandene Zwischenexamen können nach Hollerwegers Darstellung viel zu oft wiederholt werden, „weil in der Prüfungsordnung nur festgelegt ist, dass eine Prüfung innerhalb von fünf Semestern erfolgreich abgeschlossen werden muss, aber nicht, wie oft sie bis dahin wiederholt werden darf“. Elisabeth Hollerweger und Jennifer Reiske sind sich einig in der Forderung, dass es „ernst zu nehmende Barrieren“ im Studium geben muss. Auch für die betroffenen Studenten selbst sei es schließlich nicht sinnvoll, sich mehr schlecht als recht durch die Zeit an der Uni zu hangeln und dann anschließend im Beruf überfordert zu sein.

„Wir brauchen in der Grundschulpädagogik die Besten“, formuliert es Jennifer Reiske. Ein möglicher Ansatz, um diesem Ziel mittelfristig näher zu kommen, wäre aus Elisabeth Hollerwegers Sicht die Einrichtung von Assessment Centern, wie man sie aus der Wirtschaft kennt. Dort könne eine Auswahl unter den Studienbewerbern getroffen werden, in die nicht nur die formale Qualifikation über das Abiturzeugnis einfließt.

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Die Direktorin des Zentrums für Lehrerbildung an der Bremer Uni, Sabine Doff, kann sich mit diesem Gedanken nicht wirklich anfreunden. Das Abitur als Zugangsberechtigung zu akademischer Bildung sollte seinen Status behalten, findet sie, „alles andere wäre ein massiver Paradigmenwechsel“. Dass es Probleme in der Pädagogenausbildung gibt, ist auch ihr bewusst, doch diese seien zum Teil struktureller Natur und hätten gar nicht in erster Linie etwas mit den Studienbewerbern zu tun. So sei es etwa „politisch gewollt, dass wir nicht Spezialisten, sondern Generalisten ausbilden“, die dann vielfach fachfremd unterrichten und in manchen Fällen schlicht zu wenig über den Unterrichtsgegenstand wüssten.

„Dabei ist doch eines klar“, sagt die Anglistik-Professorin: „Je mehr ein Lehrer weiß, desto besser kann er auch Wissen vermitteln.“ Auch die zunehmende Förderung des Quereinstiegs in den Lehrerberuf habe der Unterrichtsqualität nicht gutgetan. Gemeint sind Menschen mit anderen beruflichen Biografien, die in fortgeschrittenem Alter umsatteln und sich für den Lehrerberuf entscheiden. Was die Seiteneinsteiger an ergänzender Qualifikation für den Schuldienst erhielten, sei oft schlicht nicht ausreichend.

Kritik an Wissensstand und Motivation

An der Spitze der Universität hält man die oft zu hörende Kritik an Wissensstand und Motivation der heutigen Studentengeneration für „manchmal etwas hochnäsig“, wie es Konrektor Thomas Hoffmeister ausdrückt. So ist das Arbeitsblatt aus der Grundschule im Buntentor, an dem sich die aktuelle Diskussion entzündet hat, zwar auch aus seiner Sicht „skandalös“, es drücke aber „nicht den Stand der Lehrerqualifikation in Bremen aus“. „Gravierende Ausfälle bei einzelnen Personen“ könne es immer geben. Die Universität Bremen gibt laut Hoffmeister viel Geld dafür aus, Bildungslücken bei Studienanfängern durch Vorprogramme und Tutorien abzubauen.

Wie Sabine Doff weist auch der Konrektor der Politik ein hohes Maß an Verantwortung dafür zu, dass es gerade im Grundschulbereich einen Mangel an gut ausgebildeten Pädagogen gibt – nicht nur in Bremen, sondern bundesweit. Hoffmeister: „Wenn die Schülerzahlen steigen, dann kündigt sich das Jahre vorher über höhere Geburtenzahlen an.“ Derzeit werde der Primarbereich „von einem riesigen Lehrkräftebedarf überrollt“, der dann zum Teil mit unzureichend vorbereiteten Seiteneinsteigern gedeckt werde. Auf die demografische Herausforderung nicht rechtzeitig reagiert zu haben, ist für den Konrektor „ein historischer Fehler“ der Kultusminister.

Info

Zur Sache

Der Stein des Anstoßes

Ein Arbeitsblatt für den Sachkundeunterricht an der Grundschule am Buntentorsteinweg hat in der vergangenen Woche auch außerhalb Bremens für Aufsehen gesorgt. Das Unterrichtsmaterial für eine dritte Klasse sollte Wissen über die deutsche Geschichte seit dem Mittelalter vermitteln, strotzte aber nur so von inhaltlichen Fehlern und hanebüchenen Formulierungen. Nicht einmal die Jahresangabe zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten stimmte. Zum Dritten Reich hieß es, 1933 habe Deutschland wieder einen König namens Adolf Hitler bekommen.

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