Arbeitskreis "Bilder des Krieges" zeigt Ausstellung "In Polen 1942" in der Arbeitnehmerkammer Gruppenbild mit Opfer

Altstadt. Polen 1942. Deutsche Soldaten lassen sich mit einem Kind fotografieren. Schüchtern, aber nicht verängstigt lächelt das jüdische Mädchen in die Kamera, als der SS-Mann auf den Auslöser drückt. Das Gruppenbild aus dem Zweiten Weltkrieg, das in der Ausstellung "In Polen 1942" in der Arbeitnehmerkammer zu sehen ist, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Ein grauenvolles Andenken ist diese Trophäe aus den Alben der Massenmörder. Jeder Blick darauf schmerzt.
13.01.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Gruppenbild mit Opfer
Von Monika Felsing

Altstadt. Polen 1942. Deutsche Soldaten lassen sich mit einem Kind fotografieren. Schüchtern, aber nicht verängstigt lächelt das jüdische Mädchen in die Kamera, als der SS-Mann auf den Auslöser drückt. Das Gruppenbild aus dem Zweiten Weltkrieg, das in der Ausstellung "In Polen 1942" in der Arbeitnehmerkammer zu sehen ist, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Ein grauenvolles Andenken ist diese Trophäe aus den Alben der Massenmörder. Jeder Blick darauf schmerzt.

Im Wissen um die Gräuel platzen Illusionen. Warum sollte, nur weil man es inständig hofft, ausgerechnet dieses Kind nicht von den Nazis ermordet worden sein? Franz Zimmermann, der das Foto mit nach Hause brachte, gehörte zur schwarzen SS. Und wie viele Männer auf dem Vernichtungsfeldzug im Osten folgte er der Aufforderung des Goebbels-Ministeriums, Bilder und Filme für "Die Deutsche Wochenschau" und andere Propagandazwecke zu machen.

Was Soldatenbilder und Feldpostbriefe auslösen können, hat Bremen 1996/97 erlebt. Die Kontroverse über die Wehrmachtsausstellung im Rathaus wurde mit einer Heftigkeit geführt, als müsse die Ehre jedes einzelnen Soldaten verteidigt werden. Nicht die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen und dem Holocaust stand damals im Vordergrund, sondern die persönliche Betroffenheit ob des Verdachts, der Ehemann, der Großvater, der Bruder, der Sohn, der Onkel sei als Wehrmachtssoldat zu Untaten fähig gewesen oder Zeuge davon geworden.

Während Rolf Zimmermanns Vater Nazigegner war und desertierte, als er kurz vor Kriegsende eingezogen wurde, war dessen Bruder Franz bei der SS. Von seiner Mutter erfuhr Rolf Zimmermann sehr früh, dass sein Onkel Juden und andere Zivilisten getötet hatte. Franz Zimmermann galt seit 1944 als verschollen und wurde 1951 für tot erklärt. Sein Nachlass sind die Fotos, die der zehnjährige Neffe auf dem Dachboden entdeckte und die ihn als Heranwachsenden stark belasteten. Bei der Erforschung seiner Depressionen sei Rolf Zimmermann auf den Gedanken gekommen, dass diese familiär-historischen Dokumente sein psychisches Leid mitverursacht haben könnten, dass der Bereich des Persönlichen, sogar des Unbewussten politische und historische Dimensionen haben könnte, hat der Kunsthistoriker Peter Chametzky, Direktor der School of Art and Design an der Southern Illinois University (USA), angemerkt.

Zehnteiliger Zyklus

Um mehr zu erfahren, wandte sich Rolf Zimmermann an den Freiburger Militärhistoriker Manfred Messerschmidt, an das Simon Wiesenthal Forschungsinstitut, das Kriegsarchiv der Alliierten in Berlin und das Institute of Jewish Research in New York. "Als Anklage und Zeugnis jener Verbrechen" malte er in den Jahren 1989 bis 1992 den zehnteiligen Zyklus "In Polen 1942", der nun in der Arbeitnehmerkammer gezeigt wird. Als "Bilder des Wahnsinns und des Schmerzes" hat er sie selbst bezeichnet.

Aus dem jüdischen Mädchen mit dem Kopftuch hat der Maler ein Phantom mit Kapuze werden lassen, aus dem hockenden Mann, der mit dem Zeigefinger auf das Kind deutet, eine Comic-Figur. Einigen der Soldaten hatte schon der Fotograf die Köpfe abgeschnitten. Auf der Leinwand wirkt diese Gesichtslosigkeit absichtsvoller und auf obszöne Weise bedrohlich.

"Die Gemälde dechiffrieren die Fotografien und hinterfragen zugleich die fotogeprägte Erinnerungskultur von heute", schreibt die Projektgruppe "Bilder des Krieges". Dorothea Hoffmann aus dem Fesenfeld, Edgar Zimmer aus der Neustadt, Eike Hemmer aus Gröpelingen, Thomas Frey und Peter Schenk aus Bremen-Nord, der die Kulturprogramme der Arbeitnehmerkammer leitet, kooperieren mit dem Evangelischen Bildungswerk, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Heinrich-Böll-Stiftung.

Auf der Vernissage haben sich der süddeutsche Künstler Rolf Zimmermann und Professor Peter Chametzky aus Illinois zu den Bildern geäußert. Über die Ästhetik des Erinnerns sprechen Chametzky und der Karlsruher Galerist Raimund Voegtle heute um 19 Uhr ausführlicher in der Arbeitnehmerkammer. Im Vorfeld des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus, dem 27. Januar, hat die Projektgruppe weitere Vorträge organisiert. Am Dienstag, 18. Januar, geht es um 19 Uhr um die privaten Fotos von Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg: "Fremde im Visier". Die Kunsthistorikerin Petra Bopp, die ab 1999 die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" beim Hamburger Institut für Sozialforschung koordinierte, hat von 2004 bis 2008 zu diesem Thema geforscht und gemeinsam mit Sandra Starke eine Ausstellung kuratiert, die seit 2009 in Oldenburg, München, Frankfurt am Main und Jena gezeigt worden ist.

Der Bremer Soldat Heinz M. (23), ein gelernter Drogist und ausgebildeter "Nebelwerfer", hatte in Polen, Frankreich und der Sowjetunion die Acht-Millimeter-Filmkamera und sein Tagebuch dabei. Am Dienstag, 25. Januar, 19 Uhr, werden unter dem Titel "Auch die Infanterie kommt gut vorwärts" Filmausschnitte gezeigt, auf dem Cello begleitet von Stephan Schrader von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, erläutert von Diethelm Knauf vom Landesfilmarchiv. Sarah Steffen und Peter Schenk haben den Film geschnitten und montiert. Der Bremer Sozialpsychologe Professor Gerhard Vinnai spricht am Dienstag, 8. Februar, um 19 Uhr unter dem Titel "Lange Schatten" über Familiengeschichte und NS-Vergangenheit.

Die Ausstellung läuft bis 11. März in der Arbeitnehmerkammer, Bürgerstraße 1. Weitere Termine: Heute, 19 Uhr, "Offene Wunden? Über die Ästhetik des Erinnerns", Dienstag, 18. Januar, 19 Uhr: "Fremde im Visier", Dienstag, 25. Januar, 19 Uhr, "Der Schmalfilm-Feldzug eines Bremer Soldaten 1939-1943", Dienstag, 8. Februar, 19 Uhr, "Lange Schatten: Familiengeschichte und NS-Vergangenheit". Der Eintritt ist frei, telefonische Anmeldung unter 36301987 wird erbeten.

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