Vogel-Exponate in Osterholz Scharmbeck

Das Norddeutsche Vogelmuseum bietet mehr als ausgestopfte Tiere

MIt 500 Präperaten von 240 verschiedenen Vogelarten aus dem mitteleuropäischen Raum lockt das Norddeutsche Vogelmuseum in Osterholz-Scharmbeck.
23.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ulrike Schumacher
Das Norddeutsche Vogelmuseum bietet mehr als ausgestopfte Tiere

Norbert Lowka, Leiter des Norddeutschen Vogelmuseums mit seinem Falken. Es gehöre zum Konzept des Museums, auch einen lebenden Vogel zu zeigen.

CARMEN JASPERSEN

Still und regungslos hockt der Vogel auf der Stange. „Ein Exemplar aus der Sammlung“, denkt sich der Besucher. Nichts Ungewöhnliches. Schließlich gibt es in diesem Haus Hunderte gefiederter Exponate. Ein Besuch im Norddeutschen Vogelmuseum in Osterholz-Scharmbeck ist ein Streifzug durch die mitteleuropäische Vogelwelt. Der Falke auf der Stange in Norbert Nowkas Büro passt also ins Bild. Bis er kurz den Kopf dreht. Dieser Vogel ist ziemlich lebendig. Der Museumsleiter ist eben auch Falkner, und das Jungtier durfte ihn heute zur Arbeit begleiten. „Es gehört zum Konzept des Museums, auch einen lebenden Vogel zu zeigen“, erklärt Norbert Nowka.

OHZ: Kas-Serie Guck - Norddeutschen Vogelmuseum

Austernfischer ­bevorzugen anders als der Name ­ver­muten lässt, keine Austern – viel lieber frisst er ­Muscheln, Borstenwürmer, Krebse und Insekten. Am liebsten stochert er im Watt nach Nahrung.

Foto: CARMEN JASPERSEN

Der ehemalige Leiter einer Grundschule hat vor vielen Jahren begonnen, sich in seiner Freizeit im Vogelmuseum zu engagieren – zusammen mit dessen Gründer Walther Baumeister. Ohne den Augenarzt und dessen „Liebe zu den Gefiederten, die er auf seinen Streifzügen durch die Natur beobachtete“, würde es das Norddeutsche Vogelmuseum auf der Museumsanlage in Osterholz-Scharmbeck nicht geben. „Viele denken Vogelmuseum, na ja!“, sagt Norbert Nowka und lächelt verschmitzt. „Aber dann sind sie doch überrascht, wie groß es ist und wie vielfältig.“

500 Präparate von 240 Vogelarten

Das Norddeutsche Vogelmuseum ist ein besonderes Haus. Nicht nur, weil es vom Auerhahn bis zur Zwerg-­ohreule rund 500 Präparate von rund 240 verschiedenen Vogelarten zeigt. Sondern auch, weil es dem Gründer damals wichtig war, nicht einfach nur ausgestopfte Vögel auszustellen. „Sein Anliegen war es immer, die Vögel auch in ihrem Umfeld zu zeigen“, sagt Nowka. Etliche Dioramen dienen dazu, den Lebensraum der Vögel möglichst wirklichkeitsnah darzustellen.

Auf diese Weise kam das Wattenmeer nach Osterholz-Scharmbeck – en miniature und derart naturgetreu, als könnten jeden Moment die Wellen übers Watt gluckern. Das breite Schaufenster lenkt den Blick in Richtung Neuwerk. Vor der Insel hocken in Watt und Dünen die heimischen Vögel: Austernfischer, Säbelschnäbler, Strandläufer, Rotschenkel. In nächtelanger Arbeit hat Walther Baumeister hier zusammen mit Erich Böttcher, dem Präparator und Gestalter am Bremer Überseemuseum, in den 1980er-Jahren an den Dioramen getüftelt. „Da wurde jeder Grashalm einzeln eingeklebt“, sagt Norbert Nowka. Mit viel Hingabe zur Detailgenauigkeit. Wie sieht es aus, wenn ein Vogel im Watt steht? Aus welcher Richtung muss der Wind kommen? Wie verläuft das Wasser? Fragen, die beim Gestalten der nachempfundenen Landschaft eine Rolle spielten. Alles sollte so aussehen, als stehe man in Duhnen am Strand. Alles naturgetreu. Bis hin zu den Hügelchen der Wattwürmer. 968 hatte Walther Baumeister begonnen, seine Vogelsammlung aufzubauen. Im Februar 1989 wurde die Ausstellung offiziell eröffnet. Sie entwickelte sich weiter und wurde im August 1994 mit der Fertigstellung einer Singvogelausstellung abgeschlossen. Besucher können jetzt auf mehr als 800 Quadratmetern – verteilt auf drei Etagen – Raum für Raum tiefer eintauchen in die ­Vogelwelt.

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Foto: Grafik Weser Kurier

„Die meisten Vögel sind durch Funde hierher gekommen“, erzählt Nowka. Gerade gab es einen Anruf von der Naturschutzbehörde in Rotenburg. „Es wurde ein toter Uhu gefunden.“ Das Vogelmuseum in Osterholz-Scharmbeck arbeitet auch mit der Vogelwarte auf Helgoland zusammen. So gibt es ein Modell vom Helgoländer Lummenfelsen. In einer anderen Biotopvitrine ist ein Basstölpel ausgestellt. Der in der Luft äußerst gewandt agierende Fischjäger, dessen ungeschickter Gang an Land ihm seinen Namen bescherte, brütet seit 1991 auf Helgoland. Tragischerweise, so der Museumsleiter, würden sich nicht selten die Jungen in ihren Nestern „mit Resten von Fischernetzen strangulieren“, weil diese heutzutage aus Plastikschnüren hergestellt würden und nicht mehr aus Sisal, was sich im Meer zersetzen konnte. „Ziel des Museums ist es auch, solche Probleme deutlich zu machen“, sagt Nowka. Die Verschmutzung der Meere müsse im Vogelmuseum ein Thema sein. Dazu passt ebenfalls, was der Leiter in einem späteren Raum erzählt. Nämlich, dass man den Moorkolonisator Jürgen Christian Findorff „heute kulturpolitisch anders einordnen würde“. Dazu zeigt das Diorama „Moor“ den einst weit verbreiteten Birkhahn. „Bei uns sind die letzten in den 1960er-Jahren ausgestorben.“ Entwässerung und intensivere landwirtschaftliche Nutzung hätten sie fast überall vertrieben.

Kleine Geschichten vom Museumsleiter

Wer sich von Nowka durch das Vogelmuseum führen lässt, erlebt eine kurzweilige und höchstinformative Tour. Ob sich der Blick auf die 24 verschiedenen Entenarten richtet, auf den exotischen Eisvogel oder den Kuckuck – „jeder hört ihn, aber keiner weiß, wie er aussieht“ –, der Museumsleiter kann immer noch eine kleine Geschichte beisteuern. In der Singvogelabteilung staunt der Betrachter über den Kontrast zwischen dem größten und dem kleinsten Krähenvogel. Während der Kolkrabe es auf stattliche zweieinhalb Kilo bringt, liegt das Gewicht des Wintergoldhähnchens, dessen Eier nur etwas größer als ein Stecknadelkopf sind, bei zehn Gramm.

Gelegentlich bekommen die Führungen durch das Norddeutsche Vogelmuseum auch eine Extra-Prise Unterhaltungswert. Dann, wenn der Biologe und Buchautor Uwe Westphal durch die Sammlung führt. Dann kommt das Zwitschern von Stieglitz und Co. nicht allein per Knopfdruck aus dem Lautsprecher, sondern zum Verwechseln ähnlich aus Westphals Mund. Als Vogelstimmen-Imitator hat er sich längst einen Namen gemacht. „Wenn Herr Westphal hier eine Führung übernimmt“, sagt der Museumsleiter, „bringt er Leben rein.“

OHZ: Kas-Serie Guck - Norddeutschen Vogelmuseum

Eisenten gehören zu den nordischen ­Arten, die in Mitteleuropa als Wintergäste auftauchen. Sie verfügen über ­bemerkenswerte Tauchfähigkeiten und können minutenlang unter Wasser bleiben.

Foto: CARMEN JASPERSEN

Info

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Anfahrt und Öffnungszeiten

Das Norddeutsche Vogelmuseum in der Bördestraße 42 in Osterholz-Scharmbeck ist vom Bremer Hauptbahnhof aus mit dem Zug Richtung Bremerhaven erreichbar. Vom Bahnhof Osterholz-Scharmbeck aus erreicht man das Museum in zehn Fußminuten. Wer mit dem Auto anreist, nimmt auf der A 27 die Ausfahrt Bremen-Nord in Richtung Ritterhude und folgt der B 74 bis zum Ortseingang Osterholz-Scharmbeck. Nach 200 Metern im Kreisel die Ausfahrt in die Bremer Straße nehmen, die zur Bördestraße wird. Ab September ist der Besuch von kleinen Gruppen möglich: dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Auch im Vogelmuseum gelten die Abstands- und Hygieneregeln.

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