Kolumne von Willi Lemke Günstig wohnen in Genossenschaften

Wohnen in Genossenschaften ist eine kostengünstige und sichere Wohnform, schreibt Willi Lemke in seiner Kolumne. Umso erstaunter ist er, dass es in Bremen vergleichsweise wenig Genossenschaftswohnungen gibt.
09.07.2019, 07:16
Lesedauer: 3 Min
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Von Willi Lemke

An diesem Sonnabend ist Internationaler Tag der Genossenschaften. Das ist eine gute Gelegenheit, um auf das Wohnen in Genossenschaften aufmerksam zu machen – eine Wohnform, die in der Regel kostengünstig und sicher ist. Um so erstaunlicher war es für mich zu erfahren, dass es in unserer Stadt vergleichsweise wenig Genossenschaftswohnungen gibt. Es sind nicht einmal sechs Prozent des Wohnungsbestandes, in Leipzig dagegen fast 16 Prozent und in Hamburg mehr als 14 Prozent. Auch in Berlin, wo das genossenschaftliche Wohnen vor 170 Jahren in Deutschland seinen Anfang nahm, sind es 11,5 Prozent. Übrigens hieß die Straße, in der in Berlin die erste Wohngenossenschaft entstand, ­„Bremer Höhe“.

Die Mitglieder von Genossenschaften sind Miteigentümer und Mieter zugleich. Das heißt, sie haben einerseits sicheres Wohnen, sind aber flexibler als Wohnungseigentümer, weil sie den Miet- bzw. Nutzungsvertrag ganz normal kündigen können. Es gibt verschiedene Modelle von Wohnungsgenossenschaften, aber fast allen ist gemein, dass man Mitglied der Genossenschaft werden muss, wenn man dort wohnen will. Dafür hat man einen Mitgliedsbeitrag oder Genossenschaftsanteil zu zahlen, dessen Höhe von Genossenschaft zu Genossenschaft unterschiedlich sein kann. Wenn eine passende Wohnung frei wird, kann man zu einem günstigen Mietpreis wohnen. Wenn man will, bis zum Lebensende.

Genossenschaften arbeiten nicht gewinnorientiert, sie sind nur ihren Mitgliedern gegenüber verpflichtet. Überschüsse werden in die Erhaltung und Modernisierung der Bestände, aber auch in den Neubau und für die Erweiterung der Service-Angebote, beispielsweise Handwerkerdienste, investiert. Auch die begrenzte Verzinsung von Genossenschaftsanteilen kann es geben. Die Mitglieder der Genossenschaft haben Stimmrecht und entscheiden gemeinschaftlich über die Verwaltung ihrer Wohnungen und die Ziele ihrer Gemeinschaft.

Europas Vorzeigestädte für genossenschaftliches Wohnen sind Wien und Zürich. In Zürich, einer der teuersten Städte der Welt, wäre sonst ein innenstadtnahes Wohnen nicht bezahlbar. In Wien sorgt die Verbreitung von Wohngenossenschaft in jedem Stadtbezirk für ein reichhaltiges Angebot an bezahlbaren Wohnraum.

Die älteste Bremer Genossenschaft ist die Espabau, der Eisenbahn Spar- und Bauverein Bremen. Die 1893 gegründete Genossenschaft, die auch beim Bausparen hilft, hat gut 3000 Wohnungen in ihrem Bestand. Kaum jünger ist die 1894 gegründete ­Gewosie, derzeit größte Wohnungsgenossenschaft in Bremen, die ihre rund 4000 Wohnungen in verschiedenen Stadtteilen in Bremen-Nord vorhält. Es gibt aber auch jüngere und viel kleinere Genossenschaften wie die „Anders wohnen eG“, die seit 1995 ein Haus mit 23 Wohnungen in der Neustadt besitzt.

Verschiedene Genossenschaften stehen in den Startlöchern, wie die Stadtteilgenossenschaft Hulsberg eG, die auch mit dem Ableger Casa Colorida ein ökologisches Wohnprojekt im Ellener Hof plant.

Mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen ist notwendig und ein oft formuliertes Ziel, auch in Bremen. Aber viel Aktivität in dieser Richtung spüre ich noch immer nicht. Der Senat hat zwar zugesichert, mehr Sozialwohnungen bauen zu lassen, aber von Fördermaßnahmen zur Unterstützung von ­Genossenschaften, beispielsweise durch Baulandbereitstellung oder Hilfe bei Neubau und Bestandserwerb bzw. Bestandsmodernisierung, habe ich noch nicht viel vernommen. Aktuell will die Hulsberg eG das ehemalige Bettenhaus auf dem Gelände des Klinikums Mitte erwerben und dort Wohnungen für Genossenschaftsmitglieder ­einrichten.

Mehr Geld könnte die hoch verschuldete Geno vermutlich mit einem freien Verkauf einnehmen. Ich will und darf mich nicht in die Verhandlungen einmischen, aber ich denke, hier könnte die Politik Zeichen setzen und deutlich machen, dass genossenschaftliches Wohnen auch in Bremen eine willkommene Wohnform ist und hier eine Zukunft hat.

Das ist nicht zum Nulltarif zu bekommen, aber für die Menschen allemal besser als ausschließlich gewinnorientierten Wohnungsbaukonzernen, Miethaien und Immobilienspekulanten den Markt zu überlassen.

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Zur Person

Willi Lemke (72)

schreibt jeden Sonnabend im WESER-KURIER über seine Heimatstadt und was ihn in dieser Woche in Bremen bewegt hat.

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