Keine Sonderpädagogen, nicht barrierefrei Gymnasium Hamburger Straße ohne Inklusion

An den weiterführenden Schulen in der Östlichen Vorstadt ist die Inklusion längst angekommen. Nur das Gymnasium an der Hamburger Straße macht nicht mit. Die Begründung dafür wurde im Beirat geliefert.
14.03.2019, 18:13
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Das Hauptthema der Sitzung des Beirats Östliche Vorstadt am Dienstag lautete Inklusion. Als Input für die zentrale Diskussion kamen Vertreter mehrerer Schulen zu Wort und berichteten über den Stand der Dinge und den unterschiedlichen Umgang der Schulen mit dieser Problematik: Ulrike Sander vom Gymnasium Hamburger Straße betonte, dass diese Schule bei etwa 70 Lehrkräften keine Sonderpädagogen eingestellt habe. Denn ein Gymnasium nehme eine andere Stellung als etwa Oberschulen ein, da dieser Schultyp Schülern mit besonderen kognitiven Fähigkeiten vorbehalten sei und deshalb zum Beispiel auch Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf im Bereich Wahrnehmung und Entwicklung dort nicht beschulbar seien.

Angesichts der Treppen und fehlenden Lifte in ihrer Schule könnten zudem Schüler mit bestimmten körperlichen Einschränkungen, wie zum Beispiel Rollstuhlfahrer, nicht aufgenommen werden. Es gäbe jedoch ein Förderkonzept für Schüler, die sich in seelischen Notlagen oder Krisensituationen befinden und verhaltensauffällig seien.

Jeder lernt nach Vermögen

Sabine Schüttpelz von der Oberschule an der Schaumburger Straße zeigte auf, dass an dieser Schule jeder nach seinem Vermögen zieldifferenziert lerne. Dies geschehe mittels eines Arbeitsplans für jeden Schüler, der verschiedene Kompetenzstufen enthalte. Mit diesem Konzept könne jeder zum Beispiel in den sogenannten Lernbüros nach seinem Lerntempo und -vermögen arbeiten. Schüler mit Förderbedarf werden in derzeit elf eigenen Klassen zusammengefasst, den sogenannten Inklusionsklassen, die von Sonderpädagogen betreut werden – dies sei aber auch der Unterfinanzierung des Bildungssystems in Bremen geschuldet, um das zu geringe Personal möglichst effektiv einzusetzen und allen Schülern mit Förderbedarf möglichst viel Betreuung zukommen zu lassen.

Für die Kernfächer Deutsch, Mathematik und Englisch würden die Klassen doppelt besetzt, indem auch Regelpädagogen beteiligt seien. Schüttpelz verhehlte nicht, dass es auch an dieser Schule Probleme mit verhaltensauffälligen Schülern gebe: „Wenn ein Kind oder Jugendlicher allerdings gleich mehrere Lehrkräfte verschleißt, schlagen wir den Eltern eine andere Beschulung vor“, sagt Schüttpelz.

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Ein anderes Schul- und Inklusionskonzept stellte Detlev Naujocks von der Gesamtschule Bremen Mitte vor, die auf zwei Standorte verteilt ist. Einmalig in Bremen sei das jahrgangsübergreifende Konzept mit zugleich stark individualisiertem Arbeiten. Neben den Lernbüros gibt es Werkstätten für künstlerisches und naturwissenschaftliches Tun und zusätzlich den Projektunterricht. Eine weitere Besonderheit seien die multiprofessionellen Teams, die sich aus Regelpädagogen, Sonderpädagogen und Assistenzkräften zusammensetzen und in die Schüler mit verschiedenem Förderbedarf aufgenommen werden. Etwa zehn Prozent der Schüler an der Gesamtschule Bremen Mitte hätten einen Förderbedarf. „Inklusion ist bei uns zur Selbstverständlichkeit geworden und wird auch von den Eltern angenommen“, sagt Detlev Naujocks, was sich auch an den hohen Anwahlzahlen für diese Schule zeige.

Bremen bei Inklusion ganz vorn

In der anschließenden Diskussion mit Publikum und Beiratsvertretern zeigte sich das immer wieder beklagte Problem des Mangels an pädagogischen Fachkräften, der besonders für den Bereich Inklusion relevant sei. Ein Teilnehmer erhoffte sich, dass es nach der Bürgerschaftswahl am 26. Mai zu einer deutlich besseren personellen Ausstattung der Schulen komme.

Es wurde in der Diskussion auch betont, dass sich alle Lehrkräfte, ob Regel- oder Sozialpädagogen oder Assistenzkräfte, für alle Schüler verantwortlich fühlen sollten und nicht die Kompetenzen sektoral aufgeteilt werden. Ein Teilnehmer berichtet von seinen Schulerfahrungen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – er habe festgestellt, dass nirgendwo Inklusion so gut funktioniere wie in Bremen, was Beiratssprecher Steffen Eilers von den Grünen freut: „Es ist ein Riesenerfolg, dass Inklusion in Bremen selbstverständlich geworden ist, das war vor zehn Jahren noch ganz anders.“

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Doch es gab in der Beiratssitzung auch Raum für Fragen aus der Bevölkerung: Warum der Beirat Östliche Vorstadt keine Stellungnahme zum geplanten Leistungszentrum von Werder Bremen abgebe. Beiratssprecher Steffen Eilers antwortete, zunächst müssten die Ergebnisse der Untersuchungen zur Hochwassergefährdung in der Pauliner Marsch abgewartet werden. Das „Aktionsbündnis Wohnen“ forderte den Beirat auf, sich für einen deutlich erhöhten Anteil von Sozialwohnungen im geplanten Hulsbergviertel stark zu ­machen.

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