Spielzeug- und Schreibwaren-Kaufhaus

"Habü" im Bremer Viertel wird geräumt

Seit 2013 ist das "Habü" im Bremer Viertel geschlossen. Das Gebäude des Spielzeug- und Schreibwaren-Kaufhauses verwahrloste zusehends. Am Freitag hat die Räumung des Geschäfts begonnen.
14.12.2018, 13:44
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Von Sigrid Schuer Marlo Mintel
"Habü" im Bremer Viertel wird geräumt

Die Scheiben des "Habü" sind voller Graffity.

Marlo Mintel

Die Menschen hasten in Vorweihnachtshektik achtlos vorüber. Kaum jemand nimmt Notiz von dem über und über mit Graffitis besprühten Haus Vor dem Steintor 95/97, dessen Türen weit geöffnet sind und vor dem ein gelber Transporter steht, um die Habseligkeiten von Gundo von Bültzingslöwen abzutransportieren. In dem eiskalten Gebäude stapelt sich bis unter die Decke Papier- und Bürobedarf, all das, was das alteingesessene Geschäft Habü, das am 1. Mai 1919, also vor fast 100 Jahren, von Hans von Bültzingslöwen gegründet wurde, einmal ausgemacht hat.

In den Glanzzeiten seien hier viele Fachverkäuferinnen beschäftigt gewesen, erzählt der ehemalige Eigentümer von Bültzingslöwen. Alteingesessene Anwohner können sich noch heute an das Sortiment erinnern, das hier auf drei Etagen verkauft wurde: Spielwaren, Schreibutensilien oder Briefpapier. Doch die Zeiten und die Moden änderten sich im Zuge der Wirtschaftskrise Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre. Die guten Umsätze, die Habü abwarf, brachen sukzessive ein. 1988 übernahm Gundo von Bültzingslöwen die Geschäftsführung nach eigenen Angaben. Vater Hans sei 1996 gestorben, später habe ihn seine Ehefrau verlassen. Beide hatten sich laut von Bültzingslöwen um Buchhaltung und Finanzen gekümmert.

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An der schmutzig-hellgelben Fassade prangt heute noch das Habü-Signet mit dem stolzen Löwen als Wappen. Wenige Tage vor Weihnachten vorläufiger Schlussakkord einer persönlichen Tragödie, wie es scheint. Bereits vor fünf Jahren musste von Bültzingslöwen sein Geschäft schließen, weil er die Steuern nicht mehr bezahlt und das Finanzamt ihm die Gewerbelizenz entzogen hatte. Nun lässt der jetzige Eigentümer des Hauses, Abdullah Ünal, den Laden laut von von Bültzingslöwen per Gerichtsbeschluss räumen. Der frühere Unternehmer schätzt, dass die Räumung des Hauses, das ihm zu Folge drei Etagen zu je 140 Quadratmetern hat, etwa einen Monat dauern dürfte.

„Das Geschäft war mein Ein und Alles“, sagt der ehemalige Inhaber. Die vergangenen Jahre habe er hier auf dem Fußboden geschlafen, um Sprayer, aber auch Einbrecher, die nachts kamen, zu vertreiben, erzählt er. Der neue Eigentümer habe ihm ein Lager zur Verfügung gestellt. „Ich soll die Ware sortieren, damit ich sie verkaufen kann“, erzählt er. Nichts anderes hat er sein Leben lang gemacht, erzählt der heute 68-Jährige und kramt ein leicht verblichenes Foto aus den Wirtschaftswunder-Jahren hervor, das seine Eltern zeigt. Als sein Vater Hans 1949 nach zehn Jahren aus der Kriegsgefangenschaft nach Ost-Berlin entlassen wurde, so erzählt es von Bültzingslöwen, baute dieser sein Unternehmen Habü wieder auf und floh Mitte der 50er-Jahre nach Bremen, wo Gundo von Bültzingslöwens Bruder Herbert bereits Fuß gefasst hatte. Hier habe der Senior die Firma Otto Hauck übernommen und sein Unternehmen in Bremen weiterbetrieben.

Die Tragödie habe begonnen, als die Bank ihm 2009 die Kredite in Höhe von 300.000 Euro, die er habe nicht mehr bedienen können, aufgekündigt und 2011/12 die Zwangsversteigerung des Hauses angeordnet habe, so seine Darstellung. Aus diesem Dilemma habe er 2011 einen Ausweg gesucht und sei über eine Anzeige einer Immobilien, Finanz- und Unternehmensberatung gestolpert, die damit warb, Zwangsversteigerungen zu verhindern, die aber auch Schuldenregulierungen im Portfolio hatte. Eine Mitarbeiterin habe ihm damals versprochen, die Zwangsversteigerung abzuwenden, wenn er die Immobilien der Familie der Firma überschreibe. Das habe er Anfang 2012 getan und das habe sich als folgenschwerer Fehler erwiesen, so die Darstellung von Bültzingslöwens: „Ich habe 1,7 Millionen Euro verloren“. Von Seiten der Immobilien, Finanz- und Unternehmensberatung, deren Name der Redaktion bekannt ist, wird dieser Darstellung indes widersprochen: Man wisse dort definitiv, dass von Bültzingslöwen noch Immobilien-Vermögen in Bremen und in den neuen Bundesländern sowie eine Wohnung in der Stader Straße habe, teilt das Unternehmen mit. Zwischen dem jetzigen Eigentümer des Gebäudes, Abdullah Ünal, und Gundo von Bültzingslöwen sei nun ein Räumungsvergleich geschlossen worden. Abdullah Ünal war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Die Zukunft des Hauses Vor Dem Steintor 95/97 steht indes in den Sternen.

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