23-Jähriger flieht aus Zelle im Landgericht / Behörde vermutet: Gefangener bekam Hilfe im Gebäude Häftling klettert am Seil in die Freiheit

Wahrscheinlich hat er Hilfe bekommen, denn anders kann sich das niemand erklären: Ein Mann allein in seiner Zelle, der wie von Zauberhand das Spezialschloss eines Gitters öffnet und sich in die Freiheit abseilt. Der Häftling war zuvor mehrere Male durchsucht worden, auch den Haftraum hatten die Beamten inspiziert. Woher kam also das Werkzeug, mit dem ihm am Donnerstagvormittag die Flucht gelang?
11.08.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Häftling klettert am Seil in die Freiheit
Von Jürgen Hinrichs

Wahrscheinlich hat er Hilfe bekommen, denn anders kann sich das niemand erklären: Ein Mann allein in seiner Zelle, der wie von Zauberhand das Spezialschloss eines Gitters öffnet und sich in die Freiheit abseilt. Der Häftling war zuvor mehrere Male durchsucht worden, auch den Haftraum hatten die Beamten inspiziert. Woher kam also das Werkzeug, mit dem ihm am Donnerstagvormittag die Flucht gelang?

Bremen. Ein Mann flieht aus seiner Gefängniszelle, und keiner weiß, wie das passieren konnte. Er öffnet mit einem Spezialschlüssel das Schloss des Gitters vor dem Fenster, hangelt sich an einem meterlangen Seil in den Innenhof und verschwindet in die Freiheit. Am Donnerstag war das, am helllichten Tag und quasi unter den Augen der Öffentlichkeit.

Der Zellentrakt des Landgerichts, aus dem der Häftling entwischt ist, liegt direkt an der belebten Buchtstraße, man hätte jenseits der Mauer die Flucht bequem beobachten können. Ein ungewöhnlicher Fall, der viele Fragen aufwirft. "Wir stehen vor einem Rätsel", sagt Thomas Ehmke, Sprecher des Justizressorts.

Der Gefangene, ein 23-Jähriger, gegen den vor dem Landgericht wegen schweren Bandendiebstahls verhandelt wird, war Donnerstag früh mit einem Transporter aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Oslebshausen zum Gerichtsgebäude gebracht worden. Die Beamten, die ihn in Empfang nahmen, hatten nach eigenem Bekunden nichts Außergewöhnliches an ihm bemerkt. Alles wie immer, sagten sie gestern bei einem Pressetermin im Landgericht.

Es war in dem Verfahren, das seit Januar läuft, bereits der 38. Verhandlungstag, der Angeklagte kannte also die Gepflogenheiten und war nach Aussage der Beamten zuvor bereits mehrere Male in derselben Zelle untergebracht, aus der er dann floh. Der 23-Jährige habe aber eigentlich nicht wissen können, dass er wieder dort untergebracht wird.

Nichts am Mann, nichts in der Zelle

Ehmke erklärt, dass der Mann vor seinem Abtransport in der JVA durchsucht worden sei. Genauso später, als er nach der Verhandlung zu seiner Zelle im Landgerichtsgebäude gebracht wurde. "Wir haben ihn gefilzt und mit der Metallsonde untersucht", berichteten die Beamten von der JVA-Station im Gericht. Auch die Zelle selbst sei routinemäßig durchsucht worden. Nichts am Mann also und nichts in der Zelle, falls sorgfältig genug nachgeschaut wurde.

Woher hatte er dann aber das Spezialwerkzeug zum Öffnen des Gitterfensters, nichts, was man mal eben im Baumarkt kaufen könnte, wie die Beamten sagten? Woher hatte er das Seil, daumendick und mindestens zwei Meter lang?

In Zelle 5, einem sieben Quadratmeter großen Raum mit Toilette, liegen noch seine Hinterlassenschaften herum. Die Bild-Zeitung vom Tag zuvor, eine leere Schachtel Marlboro, Essensreste und eine halb volle Flasche mit einem Mixgetränk. "Das Werkzeug wurde nicht gefunden", sagt Ehmke.

Kurz nach zehn Uhr am Vormittag war der Gefangene von der Verhandlung zurück in seine Zelle gebracht worden. Eine gute halbe Stunde blieb er dort allein, bis einer der Beamten ihn für den Abtransport in die JVA abholen wollte. Doch da war es zu spät und die Flucht gelungen.

An einem der Gitterstäbe hing noch das Seil, an dem sich der Mann – ein stämmiger Typ, der den Beschreibungen zufolge etwa 100 Kilo auf die Waage bringt – hinuntergehangelt hat. Im Innenhof des Landgerichts hatte er es dann nicht mehr besonders schwer, zu entkommen. Der Hof wird zwar von hohen Mauern umgrenzt, sie haben aber zwei Türen, schwere Stahltüren, die von innen jederzeit problemlos zu öffnen sind – "aus Brandschutzgründen", wie Ehmke erklärt.

Der Pressesprecher kann sich aus den Umständen der Flucht keinen anderen Reim machen, als dass der Häftling Hilfe bekommen haben muss – und zwar im Gerichtsgebäude: "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er das Fluchtwerkzeug bei sich geführt hat." Gleichzeitig gebe es derzeit keine Hinweise darauf, dass irgendwer vom JVA-Personal oder von den Wachtmeistern im Gericht seine Dienstpflichten verletzt habe. "In der kommenden Woche werden alle Personen, die mit dem Häftling Kontakt hatten, zum Hergang befragt", kündigte Ehmke an.

Sollte jemandem nachgewiesen werden, dass er den Mann bei der Flucht unterstützt hat, müsste er sich vor den Gerichten wegen Gefangenenbefreiung verantworten. Die Flucht selbst ist nicht strafbar, "Freiheitsdrang", sagt einer der Beamten lapidar.

Ein Drang, der im Gefängnis wegen der rigorosen Sicherheitsvorkehrungen normalerweise nicht ausgelebt werden kann. Im Zellentrakt des Landgerichts ist es nun aber gelungen. Für das Justizressort hat das offenbar eine Bedeutung, die weit über den einzelnen Fall hinausgeht.

"Natürlich werden wir in den nächsten Tagen zunächst mal nach den offenkundigen Schwachstellen suchen", sagt Thomas Ehmke. Darüber hinaus werde man den Ausbruch aber auch zum Anlass nehmen, zusammen mit der Justizvollzugsanstalt über ein neues gemeinsames Sicherheitskonzept nachzudenken. Selbstredend, so der Sprecher, dass auch der Rechtsausschuss der Bürgerschaft ausführlich über den Vorfall im Landgerichtsgebäude informiert werde.

Flucht glückte auch anderen

n Es ist nicht das erste Mal, dass ein Häftling das Landgerichtsgebäude zur Flucht nutzt. Vor sechs Jahren war

ein Mann entkommen, der in der

Sicherheitsschleuse seine Handschellen

loswerden konnte, wie genau, blieb damals

ungeklärt. Er sprang auf die Motorhaube des Gefangenentransporters und überwand von dort den fünf Meter hohen Stahlzaun. In einem anderen Fall war vor zwei

Jahren ein Untersuchungshäftling mit einem beherzten Sprung aus einem

offenen Fenster des Landgerichts

entkommen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+