Bremen weitet Hilfsangebote aus

Die Sorge vor mehr häuslicher Gewalt in Bremen

Noch ist in Bremen kein Anstieg von häuslicher Gewalt in Zeiten von Corona zu beobachten, doch Frauenhäuser und Beratungsstellen stellen sich auf höhere Zahlen ein. Das Land sucht alternative Unterbringung.
01.04.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sara Sundermann und Sabine Doll
Die Sorge vor mehr häuslicher Gewalt in Bremen

In Bremer Frauenhäusern sind Plätze knapp, nun sollen Hotels aushelfen.

Peter Steffen/dpa

In China haben Frauenorganisationen während der Corona-Krise von einem starken Anstieg der Anrufe wegen häuslicher Gewalt berichtet. Und auch die Opferorganisation Weißer Ring warnte, man müsse in Deutschland „mit dem Schlimmsten“ rechnen, wenn existenzielle Nöte und Ausgangsbeschränkungen in Familien Anspannung und Aggressionen beförderten. In Bremen ist die Situation derzeit noch ruhig.

Nach Angaben der Landesfrauenbeauftragten Bettina Wilhelm ist in der Hansestadt bislang noch keine Zunahme von Hilferufen wegen häuslicher Gewalt gegen Frauen zu verzeichnen. „Wir haben bei Beratungsstellen und Frauenhäusern nachgefragt: Es gibt noch keinen Anstieg“, sagt Wilhelm. Sie sagt aber auch: „Es wird befürchtet, dass der Anstieg kommt.

Wir vermuten, dass es derzeit noch nicht mehr Anrufe gibt, weil viele Frauen bislang eher aushalten und ihre Partner inmitten einer Krise nicht verlassen wollen.“ Die verstärkte Isolation von Familien könne ein Gefühl des Eingesperrt-Seins erzeugen. „Gerade in ohnehin belasteten Familien steigt dann die Gefahr.“

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Hinzu kommt ein Problem, dass es in Bremen schon länger gibt: „Die Frauenhäuser sind schon ohne Corona-Auswirkungen voll, wir haben kaum freie Plätze“, sagt Wilhelm. „Ich mache mir Sorgen, weil wir jetzt schon am Limit sind.“ Von etwa 123 Plätzen in Frauenhäusern oder Schutzwohnungen im Land Bremen seien derzeit drei Plätze frei, vermeldet die Zentralstelle für die Verwirklichung Gleichberechtigung der Frau (ZGF). Es müsse jetzt mit Hochdruck daran gearbeitet werden, dass Frauen schnell und unbürokratisch Hilfe bekämen, fordert Wilhelm.

„Aktuell sind wir in der konkreten Vorbereitung, um weitere Hilfsmöglichkeiten für schutzbedürftige Frauen und Kinder zu schaffen“, sagt Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). Eine Option könne sein, dass Frauen und Kinder statt in einem Frauenhaus auch beispielsweise in einem Hotel untergebracht, betreut und geschützt werden könnten, sagt Behördensprecher Lukas Fuhrmann: „Wir stehen da schon in direktem Kontakt mit Hotels.“

Hintergrund dafür ist nicht nur, dass die Frauenhäuser fast voll sind und die Gesundheitsbehörde ebenfalls mit einem Anstieg der Fälle rechnet. Es geht auch um Infektionsschutz: Vermieden werden solle damit auch, dass durch neu aufgenommene Frauen ein Corona-Fall in einem Frauenhaus auftritt, wo oft zwei Dutzend Frauen und Kinder unter einem Dach zusammen leben und sich eine Ansteckung schwer vermeiden lässt.

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Die Sorge um den Infektionsschutz treibt auch Susanne Eilers um. Sie ist Leiterin des Frauenhauses in Bremen-Nord. „Derzeit sind noch keine zusätzlichen Anfragen da“, sagt sie. „Und wir hoffen, dass sie auch nicht kommen.“ Im Fokus steht für die Leiterin der Schutz der bisherigen Bewohnerinnen vor dem Coronavirus: „Im Supermarkt soll man zwei Meter Abstand halten, und im Frauenhaus neue Bewohnerinnen aufnehmen, die sich dann mit anderen im Haus Bad und Küche teilen – das geht einfach nicht.“ Sie hält eine Betreuung von Frauen, die sich jetzt melden, in Hotels für eine „optimale Alternative“.

Auch die Expertinnen beim „Notruf – Psychologische Beratung bei sexueller Gewalt für Menschen ab 14 Jahren“ rechnen damit, dass die Einschränkungen wegen der Corona-Krise zu einer Zunahme von häuslicher Gewalt führen können. Die Anlaufstelle hat ihr Angebot um eine Online-Beratung ergänzt. „Wir bieten zweimal in der Woche eine Live-Chat an, dienstags von 17 bis 19 Uhr und donnerstags von 13 bis 15 Uhr“, sagt Psychologin Sedef Sahin-Yavuz, die auf Deutsch und Türkisch berät. „Mit dem zusätzlichen Angebot wollen wir Menschen, die gerade jetzt in der Corona-Krise Gewalt erleben und nicht nach draußen gehen können oder wollen, eine Anlaufstelle bieten“, sagt Gesundheitsökonomin und Notruf-Mitarbeiterin Sonja Schenk.

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„Wir beobachten die Lage mit Sorge“, sagt ebenso die Beraterin Anna Fischbeck vom Bremer Kinderschutz-Zentrum. Bei der Nummer gegen Kummer, die beim Kinderschutz-Zentrum angesiedelt ist, gebe es seit anderthalb Wochen einen deutlichen Anstieg der Anrufe, beim Kinderschutz-Zentrum sei die Zahl „gleichbleibend hoch“. „Entlastungsmöglichkeiten für Familien wie zum Beispiel Kinderbetreuung, Austausch mit Freunden und Mannschaftssport fallen derzeit weg“, sagt Fischbeck. Und für Kleinkinder fielen Vertrauenspersonen in Kitas weg, denen auffallen könne, wenn es einem Kind nicht gut gehe.

Die Bremer Polizei analysiert die Lage zur häuslichen Gewalt nach eigenen Angaben täglich. Es sei aber zu früh, um seriös vergleichen zu können, ob es mehr Fälle gebe, sagt Polizeisprecher Nils Matthiesen. Bei häuslicher Gewalt schreite die Polizei konsequent ein: Die Beamten könnten einen Täter zum Beispiel aus der Wohnung verweisen, nach dem Grundsatz „Wer schlägt, der geht.“ Momentan komme es durch Covid-19 und der resultierenden Isolierung in fast allen Haushalten zu ungewohnt viel gemeinsamer Zeit mit Partnern und Familie, sagt Matthiesen. Die daraus entstehenden Stresssituationen führten schneller zu Konflikten. Die Polizei rät: „Achten Sie auf sich und auf Familien in der Nachbarschaft und bieten Sie in Notsituationen Hilfe an!“

Info

Zur Sache

Wo Frauen und Kinder sich Hilfe holen können

Opfer sexueller Übergriffe und alle, die von psychologischer oder körperlicher Gewalt betroffen sind, können sich an die Beratungsstelle Notruf wenden, montags bis freitags von 12 bis 13 Uhr unter 0421 / 151 81. Persönliche Gespräche können ausgemacht werden. Informationen unter www.notrufbremen.de.

Ein Überblick über Bremer Hilfsangebote und Notruf-Nummern für Frauen, auch in mehreren Sprachen, findet sich auf einer Seite der ZGF unter www.gewaltgegenfrauen.bremen.de

Das Kinderschutz-Zentrum ist erreichbar unter 0421 / 24 01 12 20, der Kinder- und Jugendnotdienst unter 0421 / 699 11 33, die bundesweite Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche unter 116 111.

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