Urteil nach Schlägerei in Discothek / Opfer ist auf einem Auge so gut wie blind Haftstrafen für Clan-Brüder

Bremen. Ohne die Bilder aus den Überwachungskameras, machte die Vorsitzende Richterin Monika Schaefer klar, hätte es weder eine Anklage noch ein Urteil gegeben. Doch anhand der Filme konnten die beiden Angeklagten, Brüder im Alter von 22 und 23 Jahren, überführt werden. Für das Gericht steht fest: In der Nacht zum 1. Mai vergangenen Jahres haben sie in einer Disko in der Innenstadt zwei Gäste schwer verletzt. Der 23-Jährige muss deshalb für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis, die zweijährige Haftstrafe gegen seinen Bruder wurde zur Bewährung ausgesetzt.
06.04.2010, 19:40
Lesedauer: 3 Min
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Von Elke Gundel

Bremen. Ohne die Bilder aus den Überwachungskameras, machte die Vorsitzende Richterin Monika Schaefer klar, hätte es weder eine Anklage noch ein Urteil gegeben. Doch anhand der Filme konnten die beiden Angeklagten, Brüder im Alter von 22 und 23 Jahren, überführt werden. Für das Gericht steht fest: In der Nacht zum 1. Mai vergangenen Jahres haben sie in einer Disko in der Innenstadt zwei Gäste schwer verletzt. Der 23-Jährige muss deshalb für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis, die zweijährige Haftstrafe gegen seinen Bruder wurde zur Bewährung ausgesetzt.

1. Mai, gegen 3 Uhr: Das Lokal ist gut besucht, die Gäste tanzen in den ersten Maitag hinein. Auch der 23-jährige Angeklagte, schilderte Monika Schaefer die Ereignisse jener Nacht, will feiern. Kurz nach 3 Uhr erreicht er mit mehreren Begleitern die Disko, spricht mit den Türstehern, unterhält sich dann mit anderen Bekannten. Knapp zehn Minuten später taucht auch sein Bruder, ebenfalls mit Begleitern, in dem Lokal auf. Und dann, sagte die Richterin, geht alles ganz schnell.

Die Videobilder zeigen, wie das ebenfalls 23 Jahre alte Opfer, angegriffen, zu Boden geschlagen wird. 'Von wem, wissen wir nicht.' Dann taucht der 23-jährige Angeklagte im Blickfeld der Kamera auf. Er reagiert laut Schaefer 'blitzschnell' und tritt dem Mann, der bereits fällt, mit voller Wucht gegen den Kopf. Der 23-Jährige knallt auf den Boden, erleidet mehrere Brüche im Gesicht - und ist seither auf dem rechten Auge praktisch blind. 'Seine Sehkraft liegt bei zwei Prozent.' Das heißt: Der junge Mann kann allenfalls noch Schatten wahrnehmen. Der 23-jährige Angeklagte hat während des Prozesses zu den Vorwürfen geschwiegen. Erst gestern nutzte er das letzte Wort, das jedem Angeklagten vor der Urteilsverkündung eingeräumt wird, um zu sagen: 'Es tut mir leid.'

Sein Verteidiger hatte zuvor für eine Bewährungsstrafe plädiert. Doch dafür, das machte die Vorsitzende Richterin klar, sieht das Gericht keine Möglichkeit. Der Grund: Zur Tatzeit stand der 23-Jährige unter Bewährung. Er war Anfang 2007 im Zusammenhang mit der Schießerei auf der Disko-Meile im Januar 2006 von der Jugendkammer I des Landgerichts zu zwei Jahren und elf Monaten verurteilt worden. 'Sie sind das erste Mal sehr schnell aus der Haft entlassen worden. Man hatte sehr große Hoffnungen in Sie gesetzt', sagte Monika Schaefer. 'Aber Sie haben es nicht geschafft, Ihre Bewährung durchzuhalten.'

Gleichzeitig betonte die Vorsitzende: Die Ermittlungen gegen die zwei Brüder, die Anklage und die gestrigen Urteile hätten nichts mit der grundsätzlichen Strategie der Polizei zu tun. Das Gericht habe einzig und allein die Ereignisse jener Nacht bewertet. Hintergrund: Die Brüder gehören zu der libanesisch-kurdischen Großfamilie M.; einige Mitglieder der Familie fallen immer wieder mit zum Teil auch schweren Straftaten auf. So hatte Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) im vergangenen Herbst 'Null Toleranz' angekündigt. Das wiederum war in dem Verfahren wiederholt kritisiert worden. Motto: Die Polizei überzieht die Sache. Monika Schaefer sagte gestern dazu: Es sei nicht wegen ihres Familiennamens gegen die beiden jungen Männer ermittelt worden, sondern weil in jener Nacht zwei Menschen schwer verletzt worden sind - und weil das Brüderpaar auf den Videobildern eindeutig zu erkennen sei.

So konnte das Gericht auch den zweiten Übergriff nahezu lückenlos rekonstruieren. Als in jener Nacht vor fast einem Jahr mehrere Angreifer die Türsteher des Lokals attackieren, mischt sich ein 40-jähriger Gast ein. Er hatte vor der Tür eine Zigarette geraucht. Er kommt den Türstehern zu Hilfe - und wird daraufhin selbst angegriffen. Der Mann flüchtet in die Diskothek. Als er eine Treppe hinunterrennt, packt der 22-jährige Angeklagte mit beiden Händen einen Stand-Aschenbecher, holt aus und wirft ihn dem 40-Jährigen mit voller Wucht hinterher.

Der Aschenbecher trifft den Mann am Rücken, dabei reißt ein Fortsatz eines Lendenwirbels ab. Darunter leidet der 40-Jährige bis heute. 'Er hat Schmerzen, wenn er schwere Gegenstände hebt', sagte Monika Schaefer. Zudem könne der Mann nicht mehr in seinem alten Beruf arbeiten, was ein niedrigeres Einkommen bedeute. Anders als sein Bruder hat der 22-Jährige im Laufe des Verfahrens ein Geständnis abgelegt. Er entschuldigte sich bei dem 40-Jährigen und zahlte ihm 1000 Euro als Entschädigung. Weitere 1000 Euro sollen folgen - diese Vereinbarung hat das Gericht als Bewährungsauflage mit aufgenommen. Vor diesem Hintergrund hatte auch der Anwalt des 40-Jährigen dafür plädiert, den jüngeren Angeklagten nur zu einer Bewährungsstrafe zu verurteilen.

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