Blog im Monat Januar 2010 Haider Zwei.Null

Bremen. Was den Chefredakteur bewegt: An dieser Stelle bloggt Lars Haider Gesprächsthemen aus Bremen und Umgebung. Diskutieren Sie mit!
06.01.2010, 12:06
Lesedauer: 18 Min
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Von Lars Haider

+++Die Städte und der Winter: Das war einfach nur peinlich+++

Sonntag, 31. Januar 2010

Dieser Winter macht Angst. Nicht, weil es sehr kalt ist oder weil es schneit oder weil die Gewässer zufrieren. Das ist normal und oft (Schlittschuhlaufen, Rodeln) schön. Nicht normal ist dagegen, dass Norddeutschlands Kommunen mit den Folgen des Winters in etwa so überfordert sind es Grundschüler mit Goethes Faust wären. Um es mit Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) zu sagen: Es war peinlich, was sich selbst große Städte in den vergangenen Wochen geleistet haben. Auf der einen Seite spiegelglatte Hauptverkehrsstraßen, zugefrorene Einkaufs- und andere wichtige Wege und Bahnsteige, die aussahen wie Langlaufloipen. Auf der anderen Seite: Ältere Menschen, die sich zum Teil wochenlang nicht aus dem Haus wagten, weil sie befürchteten, schwer zu stürzen. Geschäfte, die auf Kunden und Umsätze verzichten mussten, weil sie nur schwer zu erreichen waren. Und Touristen, die sich wunderten, dass ausgerechnet das für seine Perfektion und Akkuratesse bekannte Deutschland nicht in der Lage war, einen halbwegs geregelten Ablauf in seinen Städten zu organisieren. Dieser Winter hat dem Staat beziehungsweise den zuständigen Ämter Grenzen in einer Art und Weise aufgezeigt, die den Steuerzahler nachdenklich macht: Was, wenn es bei uns wirklich mal eine Katastrophe geben sollte? Wie würde das Krisenmanagement dann aussehen? Haben die Behörden in ihrer offensichtlichen Detailverliebtheit längst den Blick für das große Ganze verloren? Sind sie schlicht überfordert, wenn mal etwas anderes auf sie zurollt als zu schnell fahrende Autos? Der Verdacht liegt leider nahe, hatten wir kurz vor dem Winter- doch erst den Schweinegrippen-Gau, der die Länder noch bis weit in das laufende Jahr mit Kosten in Millionenhöhe belasten wird. Weder das eine noch das andere darf sich wiederholen und allen Städten und Gemeinden ist dringend geraten, bereits jetzt (Notfall-)Pläne für den kommenden, den Winter 2010/11 vorzubereiten. Und die Bürgermeister sollten sich ein Vorbild an Ole von Beust nehmen, der sich nicht nur für den winterlichen Auftritt seiner Stadt entschuldigt, sondern auch versprochen hat, dass das im nächsten Jahr ganz anders wird – und er dafür die Verantwortung übernimmt.

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+++Alle wollen Manieren+++

Freitag, 29. Januar 2010

Da soll noch einer sagen, dass sich immer weniger Menschen um ihr Benehmen scheren. In Bremen ist genau das Gegenteil der Fall – zumindest, wenn man das Interesse an der Broschüre „Gutes Benehmen, schlechtes Benehmen“ unserer Zeitung als Maßstab nimmt. Nachdem die erste Auflage in einer Woche verkauft war, geht die zweite jetzt noch schneller zur Neige: Innerhalb von nur zwei Tagen wurden in  den Geschäftsstellen mehr als 2000 Exemplare verkauft, insgesamt sind von der Broschüre jetzt schon 5000 Stück weg. Sehr oft erwerben übrigens Großeltern und Eltern das 64 Seiten starke Heft (2,50 Euro) für ihre Enkel beziehungsweise Kinder. Wenn das kein gutes Zeichen ist . . .

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+++Liebe Bahn (II) +++

Mittwoch, 27. Januar 2010

Liebe Bahn, ich mache mir Sorgen. Heute in der Früh rief ein Freund an, völlig aufgelöst. Er stände am Bahnhof, sagte er, und er sei total verunsichert. Was ist denn passiert? fragte ich. Der Zug sei, sagte er und machte eine lange Pause, PÜNKTLICH. Einfach so. Keine Durchsagen, kein Laufband, das erst 5, dann 10, dann 15, dann 25 Minuten Verspätung bekannt gibt. Nicht mal ein Ersatzzug! Was soll ich nur machen? fragte mein Freund. Das sei doch nicht normal, ja, beinahe unheimlich. "Ich steig trotzdem ein", sagte er schließlich und legte auf. Eine Viertelstunde später bekam ich eine SMS von ihm: "Geänderte Wagenreihung! Nach dem ersten Halt knapp fünf Minuten zu spät! Alles wieder gut..."

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+++Über mangelnden Mut in den dritten Programmen und Charlotte Roche +++

Dienstag, 26. Januar 2010

Mann, Entschuldigung: Frau kann gegen Charlotte Roche sagen, was sie will: Die inzwischen ehemalige Moderatorin von „3 nach 9“ bringt Radio Bremen auch jetzt noch positive Zeilen. Zuletzt im aktuellen „Spiegel“, der über die zunehmende Verflachung und den mangelnden Mut der dritten Programme berichtet, um dann am Ende als lobenswertes Gegenbeispiel das Bremer Projekt Roche anzuführen. These: Die Macher von Radio Bremen hätten einmal nicht – wie die Kollegen vieler anderer Rundfunksender – versucht, sich dem Publikumsgeschmack bedingungslos anzupassen, um nicht anzubiedern zu sagen. Und ist genau das nicht auch eine Aufgabe der dritten Programme? Gegen den Strom zu schwimmen, etwas Neues auszuprobieren? Radio Bremen ist in der Vergangenheit, siehe Loriot und Hape Kerkeling, sehr gut damit gefahren. Also: Jetzt wegen des Roche-Rückschlags nicht verzagen – und wieder etwas wagen…

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+++Stadtmusikantenpreis reloaded+++

Montag, 25. Januar 2010

Seit dem vergangenen Jahr ist Bremen um eine Attraktion reicher: 2009 wurde erstmals der Stadtmusikantenpreis verliehen, unter anderem an Loriot, Armin Mueller-Stahl, Werder Bremen und Henning Scherf. Zu den Laudatoren gehörten ARD-Moderator Reinhold Beckmann, Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, und Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Der sagte nach der Premiere im Theater: „So eine Besetzung noch einmal zu bekommen, wird nicht einfach.“ Die Organisatoren arbeiten trotzdem bereits wieder dran. Der Termin, 19. August, steht fest, der Ort sowieso: Auch der zweite Stadtmusikantenpreis soll auf der Bühne des Theaters verliehen werden, ein ziemlich einmaliger Ort für ein Menü in Bremen. Und selbst die Gespräche über die Ausgezeichneten gehen allmählich in die Endphase. Noch sind die Namen geheim, aber fest steht: Mindestens die Hälfte der diesjährigen Preisträger werden Frauen sein . . .

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+++Freiheit für die Minibar+++

Mittwoch, 20. Januar 2010

Der Zettel wartet in jedem Zimmer auf dem Schreibtisch: "Liebe Gäste, nach langem Ringen ist es endlich gelungen, dass die Mehrwertsteuer für Hotelübernachtungen auf sieben Prozent gesenkt wurde", steht darauf. "Davon sollen natürlich auch Sie als Gast profitieren." Und dann kommt der entscheidende Satz: " Ab sofort sind sämtliche Getränke in der Minibar kostenlos."

Es gibt sie also doch, die Hotels, die ihre Kunden an der viel kritisierten Absenkung der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent teilhaben lassen. In diesem Fall düpiert das kleine Hotel Ritzi unweit der Münchner Innenstadt einen größeren Teil der Branche. Denn als Gast dort fragt man sich natürlich: Wenn ein Haus mit gerade einmal 25 Zimmern in der Lage ist, auf die in der Vergangenheit nahezu sakrosante Einnahmequelle Minibar zu verzichten - was könnten sich dann eigentlich die Ketten und Top-Hotels erlauben? Und warum tun sie das bitte schön nicht längst und flächendeckend?

Das Ritzi hat offenbar nicht einmal das Angebot der Minibar eingeschränkt. Der Gast kann frei wählen zwischen Soft-Drinks wie Cola, Wasser, verschiedenen Säften, Bier, Prosecco und Sekt - und müsste bei einem Einzelzimmerpreis von 100 Euro am Tag immerhin für zwölf Euro Getränke verbrauchen, bis sich das Angebot für die Hotelbetreiber nicht mehr lohnt. Soviel müssen die nämlich seit Anfang des Jahres weniger an Mehrwertsteuer an den Staat zahlen.

Soll heißen: Die Geste rechnet sich - allein schon, weil der Gast sich lange daran erinnern und bei seinem nächsten Besuch in München wahrscheinlich gleich ans Ritzi denken wird.

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+++Mein liebstes Verkehrsmittel - ein offener Brief an die Deutsche Bahn +++

Dienstag, 19. Januar 2010

Liebe Deutsche Bahn,

ich gebe zu, es ist ein wenig perfide, aber ich habe für das gerade begonnene Jahr einen besondere Vorsatz gefasst: Ich führe Buch über die Verspätungen Deiner Züge. Ja, das ist kleinlich und spießig sowieso, doch ich sehe keinen anderen Weg um endlich zu beweisen, dass mit Deinen Statistiken etwas nicht stimmt. Denn nach denen kommt ein Zug nur im Ausnahmefall zu spät. Meine Erfahrungen als langjähriger Vielfahrer sind da leider ganz andere - und, hah!, die Erhebungen der ersten knapp drei Wochen des Jahres geben mir Recht: Von den 15 Zügen, die ich entweder selbst oder die Gäste von mir benutzt haben, die ich zum Bahnhof brachte, waren gerade drei pünktlich! Die Verspätungen der anderen lagen zwischen fünf und 70 Minuten, im Mittel bei gut einer Viertelstunde! Inzwischen beeile ich mich gar nicht mehr, rechtzeitig zum Gleis kommen, weil die Wahrscheinlichkeit einer Verspätung so groß ist - gerade in Bremen.

Herrlich sind derzeit auch die obligatorischen Wagenreihenänderungen und -verkürzungen und ausgefallene Reservierungen. Hoffen wir, liebe Bahn, dass es am Winter liegt... Bis bald!

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+++Schlaflos in Bremen+++

Montag, 18. Januar 2010

Bremen erleben!!! So langweilig der Slogan auch ist, so viel gibt es in diesen Tagen tatsächlich in der Stadt zu entdecken: Die Kombination aus 6-Tage-Rennen, Eiswette und unzähligen Neujahrsempfängen verlangt den Bremern alles und nötigt den Gaesten Respekt ab: Kein Tag, der vor Mitternacht wirklich zu Ende geht, überall Musik, Reden und Aktion, überall gute Weine und kuehles Bier. Diese Woche im Januar, sagen Kenner, sei die härteste im ganzen Jahr. Aber auch eine der schönsten - wenn man nur irgendwann mal wieder länger als fünf Stunden schlafen könnte....

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+++Ein Slogan für Bremen+++

Dienstag, 12. Januar 2010

Das Interesse der Bremer an einem neuen Slogan für ihre Stadt ist offensichtlich groß. Als Reaktion auf den Beitrag „Was die Städte uns zu sagen haben“ in der Sonntagausgabe des WESER-KURIER sind bisher rund 50 Vorschläge für einen neuen Spruch eingegngen. Einig sind sich alle Leser in einem Punkt: „Bremen erleben“ ist langweilig.

„Bremen erleben spiegelt das wider, was mir die Politik in Bremen sagt: Müdigkeit und lahmes Verhalten, mit einigen Ausnahmen“, schreibt Julia Spychala. Ihre Alternative: „Bremen. Hanseatisch menschlich, sportlich, offen für alles.“ Auch Karl-Wilhelm Meier ist „Bremen erleben“ zu beliebig, er favorisiert „Bremen bietet Meer“, was an den Slogan Bremerhavens anschließen würde.

Mehrere Leser fordern eine Verbindung der städtischen Botschaft mit dem Bereich, in dem Bremen gerade wieder punkten konnte: der Raumfahrt. „Mit den Entscheidungen zu Galileo ließe sich die Einführung eines neuen Spruchs auch gut begründen“, so Dietmar Kjesa. Das Bremer Unternehmen OHB bekam ja, wie berichtet, den Zuschlag für den Bau von Satelliten für das europäische Navigationssystem im Wert von fast 600 Millionen Euro. Unter anderem deshalb lautet Kjesas Vorschlag: „Bremen. Greift nach den Sternen.“ Da wäre auch noch „ein Schuss Selbstironie dabei, wenn wir als Bittsteller durch die deutschen Lande ziehen (müssen)“. In eine ähnliche Richtung gehen die Ideen von Thomas Bergmann („Bremen - Stadt der Raumfahrt“) und Hans Jochem Effert („Bremen … im Orbit“). Efferts Begründung: „In der heutigen Zeit meine ich, dass die Technologie mehr Eindruck hinterlässt als alles andere.“

Die Slogans, die Bremens starke Stellung in der Raum- beziehungsweise Luftfahrt aufgreifen, haben zumindest einen Vorteil: Sie spielen auf eine Spezialität der Stadt an, die schon bekannt ist. Und darauf komme es an, sagt Bremens oberster Vermarkter Klaus Sondergeld. Auch er beobachtet die Diskussion mit Interesse, weist aber darauf hin, dass Image-Kampagnen immer nur „so wirksam sind, wie das Budget hoch ist: Baden-Württemberg hat schon mehr als 50 Millionen Euro für ‚Wir können alles außer Hochdeutsch’ ausgegeben. Sonst hätten wir im Norden den Spruch noch gar nicht zu Gesicht bekommen“, so Sondergeld. Außerdem müsse man Stadtmarketing immer als Zusammenspiel von Bild- und Wort-Marken verstehen. „Die meisten Städte setzen wie wir eher auf ein visuelles als auf ein verbales Konzept.“

Was natürlich nicht ausschließt, dass sich die Bremer trotzdem mit dem letzteren Teil, also der Botschaft der Stadt, auseinandersetzen. Peter Wührmann greift die erfolgreiche Kampagne der Baden-Württemberger auf, wenn er schreibt: „Bremen. Wir können nix. Außer Fußball.“ Wolf Warncke will Werder und die Musik berücksichtigt wissen. Sein Vorschlag: „Bremen. Spielkultur pur.“ Gisela Themann plädiert für „Bremen – tierisch gut“, Hannelore Stöver unter anderem für „Bremen spielt auf“, und Rüdiger Toebert findet, man könnte doch sagen: „Bremen – einfach gut“. Hans-August Kruse kündigt schließlich an, dass aus dem Kreis derer, die „Bremen kommt“ unterstützen, in den nächsten Monaten einiges zu hören sein werde.

Außerdem können mehrere Leser mit Botschaften wie „Bremen. Da ist Musik drin“ oder „Bremen. Hier spielt die Musik“ leben. Dagegen wendet Sondergeld jedoch ein: „Wenn sie rein metaphorisch, also im übertragenen Sinne gemeint sind, sind diese Slogans auch ziemlich verwechselbar. Wenn sie auf reale Qualitäten Bremens mit Differenzierungskraft gegenüber Wettbewerbern abzielen, dann sind sie von außen betrachtet nicht überzeugend.“ Dass eine Stadt mehrere oder wechselnde Slogans haben kann, ist im Übrigen nicht unüblich. Der von Delmenhorst heißt allerdings „Delmenhorst verbindet“ und nicht, wie es auf unserer Deutschland-Karte in der Sonntagsausgabe stand, „Delmenhorst: Da geht was“. „Ich glaube, dass die Delmenhorster Stadtmarketing GmbH einmal für einen kurzen Zeitraum diesen Spruch genutzt hat“, sagt Timo Frers, Pressesprecher der Stadt.

Der aktuell gültige Slogan stehe dafür, dass Delmenhorst „Menschen, Kulturen, Wirtschaft, Kultur etc.“ miteinander verbinde, so Timo Frers weiter. Und: „Es war schön zu lesen, dass viele Städte in Deutschland deutlich weniger zu sagen haben als wir.“

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+++Was die Städte uns zu sagen haben+++

Sonntag, 10. Januar 2010

Wenn eine Stadt schon einen Slogan hat, dann soll dieser ihr doch bitte auch gerecht werden. "Bremen erleben" wird das nicht. Bremen erleben ist einfach nur langweilig und austauschbar. (hier geht es zum Artikel). Das geht viel besser, vor allem geht es aber viel konkreter. Zum Beispiel, wenn man auf Bremens große Stärken und Traditionen im Bereich Musik (Stadtmusikanten, Deutsche Kammerphilharmonie, Musikfest, Philharmoniker, Breminale, Samba-Karneval, etc.) verweisen würde. "Bremen. Da ist Musik drin" oder "Bremen. Hier spielt die Musik" würde sogar im übertragenen Sinn zum Sechstagerennen, zu Werder, zum Freimarkt, zu den großen Erfolgen in Wissenschaft und Wirtschaft passen - und zum Lebensgefühl der Menschen hier.

Oder?

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+++Die Bürger machen das schon+++

Freitag, 8. Januar 2010

Wer noch einen Beweis dafür benötigte, dass die Deutschen zwischen populären und vernünftigen politischen Entscheidungen entscheiden können, hat ihn jetzt bekommen. Deutlich mehr als die Hälfte der Bundesbürger, nämlich 58 Prozent, haben sich in einer aktuellen Umfrage gegen weitere Steuersenkungen ausgesprochen.

Offensichtlich sieht das Wahlvolk in diesem Punkt klarer als die schwarz-gelbe Regierung um Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle. Es hat verstanden, dass sich Entlastungen angesichts der staatlichen Haushaltslage derzeit nicht rechnen lassen. Und dass Maßnahmen wie die Herabsetzung des Mehrwertsteuersatzes für Hotels nicht mehr sind als der unzureichende Versuch der Koalition, ihre Wahlversprechen zumindest scheinbar umzusetzen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die, die wählen, eine Situation realistischer einschätzen, als die, die gewählt worden sind. Zuletzt war das bei den Schweinegrippe-Impfungen der Fall, bei denen die Bundesbürger die politische Panikmache ignorierten und sich angesichts widersprechenden Aussagen auf das verließen, was man gesunden Menschenverstand nennt. Der ist ausgeprägter, als es manche Volksvertreter wahr haben wollen, und er ist durchaus belastbar.

Soll auch heißen: Der Durchschnittsdeutsche kann gut mit der Wahrheit umgehen, selbst wenn sie unangenehm ist. Man muss sie ihm nur sagen. Und damit haben offensichtlich ausgerechnet Politiker Probleme, selbst dann, wenn aktuell keine Wahl ansteht. Dabei wäre es nach der relativ erfolgreichen Bewältigung der Krise in 2009 am besten, jetzt ganz offen zu sagen, was auf die Menschen zukommt – damit die sich dann darauf einstellen können. Dabei sollte man ihnen, anders als oft in der Vergangenheit, nicht zu viele Vorgaben machen.

Der Bürger braucht möglichst viele Fakten und gleichzeitig möglichst wenige Gesetze und Vorgaben. Die Politik muss endlich wieder nur die Leitlinien, die Grundsätze des Zusammenlebens definieren, und nicht mehr bemüht sein, jedes noch so kleine Problem bis in das letzte Detail zu regulieren. So ein Verhalten symbolisiert nämlich nur, dass die Regierenden kein Vertrauen in die Regierten haben. Dabei können sie das, siehe oben, besten Gewissens.

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+++Alle Karten auf den Tisch!+++

Donnerstag, 7. Januar 2010

Es war schon immer peinlich, wenn man beim Bezahlen in einem Restaurant oder einem Geschäft die EC-Karte mit Sätzen wie „Ist damit etwas nicht in Ordnung?“ oder „Die nimmt unsere Maschine mit!“ zurück bekam. Wenigstens dafür hat man in diesen Tagen eine gute Ausrede.

Das ist dann aber leider schon das einzig Positive an dem sogenannten Jahr-2010-Problem, von dem mehr als 20 Millionen Inhaber von EC- oder Kreditkarten betroffen sind – und das die Herausgeber in die nächste Vertrauenskrise stürzt. Denn natürlich fragen sich die Kunden zurecht, wie so ein Fehler ausgerechnet in einer Branche passieren kann, von der man wie von keiner anderen Sicherheit und Zuverlässigkeit erwartet. Und dann noch an jenem Teil der Karte, der doch angeblich besonders sicher sein soll, dem Chip. Der wird jetzt, und das macht die ganze Geschichte für die betroffenen Banken leider immer noch nicht besser, von ersten Händlern und Nutzern einfach mit Tesafilm überklebt – was auch tatsächlich hilft.

Die Situation ist fast schon absurd, und deshalb wird den Kreditinstituten nichts anderes übrig bleiben, als so schnell wie möglich zu handeln – notfalls eben mit einer großen Umtausch- oder Rückholaktion der betroffenen Karten, auch wenn die hohe dreistellige Millionenbeiträge kosten sollte.

Das Entscheidende ist, bei der Bewältigung dieser Krise wie bei jeder anderen, dass die Banken ihren Kunden nicht nur zügig, sondern endlich auch umfassend Informationen über die Panne und ihre Auswirkungen zukommen lassen. In den vergangenen Tagen gab es die scheibchenweise: Mal ging es nur um die Benutzung von Geldautomaten, mal lediglich um Kreditkarten, dann doch auch um EC-Karten. Schließlich waren nicht bloß die Kartenbesitzer, sondern zudem die Einzelhändler betroffen, die Bezahlungsprobleme in Zeiten wie diesen nicht gebrauchen können.

Krisenmanagement sieht anders aus, wie, können sich die Banken bei großen Auto- oder Spielzeugherstellern ansehen. Die gehen in der Regel offensiv mit ihren Fehlern um, scheuen sich auch nicht, Hunderttausende von Autos oder Spielgeräte einfach innerhalb weniger Tage zurückzurufen – und ersticken damit die Aufregung der Betroffenen relativ schnell. Also: Alle Karten auf den Tisch!

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+++Was ist denn heute noch privat?+++

Mittwoch, 6. Januar 2010

Die Debatte um die Einführung von Körperscannern konterkariert auf kuriose Weise den Trend zur medialen Entblößung. Dort ist Striptease verpönt, hier beliebt wie nie. Ein Stück persönlicher Freiheit ist bei beiden in Gefahr. Wenn der 'Spiegel' mehr als zwei Seiten seiner aktuellen Ausgabe dem Phänomen 'Big Brother' widmet, und sich damit nicht auf George Orwell, sondern tatsächlich auf eben jene heruntergekommene Fernsehsendung bezieht, stutzt der Leser zunächst: Muss man sich wirklich journalistisch mit jenen niedersten TV-Instinkten auseinandersetzen, die RTLII seit zehn Jahren bedient? Ja, man muss, zumindest dann, wenn man es wie das Hamburger Nachrichtenmagazin tut, und sich zurückerinnert an die Zeit, in der 'Big Brother' im deutschen Fernsehen Premiere hatte.

Damals, Anfang des neuen Jahrtausends, war die Sendung, in der sich junge Menschen freiwillig in einen Wohncontainer sperren und bei ihrem Leben von Kameras beobachten lassen, ein Skandal. Kirchenvertreter, Politiker, Gewerkschafter - aus nahezu allen Bereichen der Gesellschaft wurde gegen die TV-Show, gegen diesen noch nie dagewesenen Ausverkauf des Privaten gewettert und die bange Frage gestellt: Wohin soll uns das noch führen? Was kommt als nächstes? Etwa zwei Männer, die ihre Ehefrauen tauschen, und sei es nur für ein paar Wochen? Oder, noch schlimmer: Ganze Horden von Landwirten, die via TV Damen zugespielt bekommen, um deren Heiratstauglichkeit zu testen?

Nicht auszudenken, hätte man mit hoher Wahrscheinlichkeit im Jahr 2000 gedacht. Der Tabubruch 'Big Brother' reichte, um große Teile der Nation in Aufruhr zu bringen. Und heute? Die zwei oben genannten Beispiele, damals natürlich noch nicht bekannt, zeigen, dass die Entäußerung dessen, was wir früher einmal privat nannten, selbstverständlich geworden ist. Sendungen wie 'Frauentausch' oder 'Bauer sucht Frau' haben sich etabliert. 'Big Brother' läuft und läuft und läuft, wenn auch, im Vergleich zum Start, quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Längst regt sich niemand mehr über diese oder ähnliche Formate auf. Und genau das ist es, was den Blick zurück so interessant macht.

Denn innerhalb von nur einer Dekade hat sich das Verhältnis vieler Deutscher, um nicht der Deutschen zu sagen, zum Umgang mit persönlichen Erlebnissen und Einstellungen so radikal gewandelt wie zumindest in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie. Wer böse ist, könnte von einer um sich greifenden Prostitution des Privaten sprechen, die sich nicht mehr auf schmuddelige Talkshows oder von holländischen Firmengruppen erdachte TV-Sendungen beschränkt. Via Internet macht eine stetig wachsende Gruppe von Menschen ihr Leben öffentlich und scheint das als Inbegriff von Freiheit zu empfinden. Es geht soweit, dass Frauen auf Seiten wie Facebook ihren 'Beziehungsstatus' bereits zeitgleich mit der Mail ändern, in dem sie ihren Freund mitteilen, dass es so nicht weitergehen kann.

Wenig ist so intim, dass es sich nicht dafür eignet, auf irgendeiner Seite hinterlegt beziehungsweise bekannt gemacht zu werden: Da liest man dann von Menschen, von denen man vorher nicht mehr als den Namen kannte, etwas über ihre Begeisterung für hochhackige Schuhe, den kranken Opa, die Reise an die Ostsee, die abgeknabberten Fingernägel des Lebensgefährten, und so weiter und so fort. Und natürlich werden die großen Themen des Lebens, Pressemitteilungen gleich, ins Netz gestellt. Beispiel, vor Kurzem gefunden: 'Er hat mich endlich gefragt. Was meint ihr: Sollen wir im Mai oder Juli heiraten?' Wenig später hatten die ersten (vermeintlichen) Freunde über den passenden Monat für die Hochzeit abgestimmt, und der neutrale Beobachter fragte sich, ob denn wenigstens die Eltern schon von dem Beschluss informiert worden waren, so retro, also per Telefon.

Was da gerade passiert - und was rückblickend so harmlos mit 'Big Brother' seinen Anfang genommen hat - ist weder auf das Fernsehen noch auf das Internet beschränkt. Wer den neuen Umgang mit Privatem erleben will, muss sich nur in eine herkömmliche Straßen- oder andere Bahn setzen und dort in der Regel nicht lange warten, bis das erste Handy klingelt. Als wären sie an ihrem Festnetzanschluss zu Hause, sprechen die Menschen dann ganz ungeniert auch über Themen, für die man sich vor nicht allzu langer Zeit noch in eine stille Ecke seiner Wohnung zurückgezogen hätte. Das kann interessant sein, ist aber oft lästig und auf jeden Fall bemerkenswert.

Denn während sich eine Gruppe Menschen im wahrsten Sinne des Wortes öffentlich entblößt, ist eine andere aktuell dabei, genau dagegen aufzubegehren - und es ist nicht ausgeschlossen, dass es zwischen diesen beiden Gruppen eine relativ große Schnittmenge gibt. Denn nicht jeder Anhänger des Online-Striptease dürfte gleichzeitig begeistert davon sein, künftig auf deutschen und internationalen Flughäfen in von Nackt- zu Körperscannern umbenannten Geräten stehen zu müssen. Hier hört die Freizügigkeit auf, genauso wie bei den auch in den vergangenen Jahren gestiegenen, zum Teil leider erfolgreichen Bemühungen des Staates, das Privatleben seiner Bürger zu durchleuchten und deren private wie berufliche Bewegungsspielräume einzuschränken - beides unter der Begründung, auf neue Formen terroristischer Bedrohungen reagieren zu müssen.

Das Dilemma könnte größer nicht sein: Hier die oft kindliche Begeisterung, so viel von seinem Leben preiszugeben und so viele digitale Abdrücke zu hinterlassen wie möglich ('Hast Du schon gesehen? Ich finde unter meinem Namen fast 900 Einträge bei Google'), dort das überfällige und berechtigte Aufbegehren gegen weitere Regulierungen durch Sicherheits- und andere Behörden. Das passt nicht zusammen, und vielleicht ist die Debatte über die Körperscanner die geeignete Gelegenheit, sich darüber Gedanken zu machen.

Die entscheidende Frage lautet: Wie lässt sich angesichts äußerer Bedrohungen und kommunikativer Verlockungen ein maximales Maß an persönlicher (Gestaltungs-)Freiheit bewahren? Denn die wird nicht nur durch staatliche Zwangsmaßnahmen eingeschränkt, angefangen von intensiveren Kontrollen an Flughäfen bis hin zu verordneten Warnungen vor bestimmten Genuss- oder sogar Lebensmitteln. Auch die neuen Kommunikationswege können, obwohl sie ja eigentlich genau das Gegenteil verheißen, zu einer Einschränkung der Entfaltungsmöglichkeiten werden - und zwar auf unabsehbare Zeit. Wer weiß schon, in welchem Zusammenhang Äußerungen, Fotos oder Tätigkeiten, die man jetzt, vielleicht aus einer Laune heraus, im Internet veröffentlicht, später einmal verwendet werden? Das lustige Besäufnis, das eine Gruppe Studenten über das Filmportal 'Youtube' allen zugänglich macht, schreckt vielleicht den Personalchef einer Firma ab, bei dem sich einer der jungen Männern in fünf Jahren bewirbt - um nur ein Beispiel zu nennen. Schon heute geben die meisten Unternehmen zu, bei der Suche nach Arbeitskräften wie selbstverständlich das Internet zu durchforsten.

Und, wenn man ehrlich ist: Tun das nicht längst alle, die online sind? Wird nicht nahezu jeder neue Kontakt, und sei es nur aus Spaß, irgendwann gegoogelt? Die Informationen, die dabei zusammenkommen, sind vielleicht aus dem Zusammenhang gerissen, unvollständig oder falsch - aber sie sind nun mal da und, viel schlimmer, das bleiben sie auch. Es ist nach wie vor nicht leicht, und nicht billig, unvorteilhafte Infos über sich oder seine Firma aus dem Internet zu verbannen. Selbst wenn es gelingen sollte, besteht weiter die Gefahr, dass sie an einer anderen Stelle auftauchen.

Das muss man wissen, wenn man beginnt, sich nicht nur in einer Funktion, sondern auch als Privatmensch auf das Netz einzulassen. Je mehr Spuren man im Internet hinterlässt, je öfter der eigene Namen dort auftaucht, desto größer wird die Gefahr, dass diese auch von anderen benutzt werden. Welche Macht und Kraft vermeintlich harmlose Informationen haben, erfahren die meisten Menschen erst dann, wenn sie durch ein besonderes Ereignis in den Fokus der Öffentlichkeit geraten - sei es durch einen beruflichen Auf- oder Abstieg, einen Unfall oder ein Verbrechen, um nur die spektakulärsten zu nennen. Dann wird alles, was man auf die Schnelle im Netz finden kann, für oder gegen einen verwendet, ohne dass man viele Chancen hat, sich dagegen zu wenden. Das war bei den vor Beginn des Online-Zeitalters üblichen Medien, von Zeitungen bis Fernsehen, anders. Erstens mussten sich die dort tätigen Journalisten erst einmal bemühen, alle benötigten Informationen über eine bestimmte Person zu recherchieren. Zweitens hatte diese Person die Chance, Fehler umgehend richtig zu stellen. Drittens unterlagen die, die mit Informationen arbeiteten, per se einer Sorgfaltspflicht und einer Kontrolle.

Vorbei. Das Internet ist nicht zu kontrollieren. Das einzige, was man kontrollieren kann, ist, was man selbst von sich im Netz preisgibt. Und da sind wir inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem weniger mehr ist. Es sei denn, man will um alles in der Welt auf sich aufmerksam machen. So wie damals die Protagonisten bei der ersten 'Big-Brother-Staffel'. Was ist eigentlich aus denen geworden?

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