Ärzteausbildung in Bremen

Halbe Lösung beim Medizinstudium

Rot-Grün will nur eine klinischen Ausbildung von Medizinstudenten in Bremen prüfen lassen. Das war anders gedacht, so sah es eine Senatsvorlage vor. Rot-Grün will - wenn überhaupt - nur die halbe Lösung.
24.02.2019, 10:00
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Halbe Lösung beim Medizinstudium
Von Sabine Doll
Halbe Lösung beim Medizinstudium

Viele Bundesländer bauen ihre Medizinfakultäten aus.

Stratenschulte/dpa

Am Ende der Anhörung rieben sich Zuhörer, die mit den Feinheiten des Politikbetriebs nicht allzu vertraut sind, verdattert die Augen. Bühne des politischen Lehrstücks war die gemeinsame und öffentliche Sitzung des Wissenschaftsausschusses und der Deputation für Gesundheit Mitte Januar.

Das Thema, zu dem Vertreter der Ärztekammer, Kliniken, Hochschulen und Uni mit ihren Stellungnahmen geladen waren: Unter welchen Voraussetzungen lässt sich eine Medizinfakultät in Bremen etablieren. Auch Ärzte aus Kliniken, Praxen und interessierte Bürger waren zu der Anhörung gekommen. Ursprünglich sah die Senatsvorlage für die Sitzung eine ergebnisoffene Prüfung mehrerer Varianten vor: Vollstudium, nur die klinische Ausbildung oder ein etappenweiser Aufbau.

Ergebnisoffene Prüfung wird empfohlen

Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) machte gleich zu Beginn der Sitzung klar, dass sie aufgrund von Kosten und Dauer die dreijährige klinische Ausbildung ab dem fünften Semester klar favorisiert. Die Studierenden würden den theoretischen Vorlauf an einer anderen Uni absolvieren, eventuell auch im Ausland. Kontakt mit einer Universität im schwedischen Lund gebe es bereits. Start in Bremen könne das Wintersemester 2022/23 sein. Den Fahrplan hatte die Senatorin in einer „Meilensteinplanung“ gut eine Woche vor der Sitzung vorgelegt.

Fast drei Stunden lang gaben die geladenen Fachleute ihre Statements ab. Das Fazit: Nichts Genaues weiß man nicht – bevor nicht alle Varianten von externen Experten unter Abwägung von Kosten, Nutzen und Bedarf durchgeprüft sind. Zwar gab es auch bei den Experten Zweifel an einer Medizinfakultät mit Vollstudium, allein aufgrund der Kosten. Die Empfehlung der geladenen Experten aus der Bremer Gesundheits- und Wissenschaftsszene dennoch: Um keine Chance zu vergeben – ergebnisoffen prüfen!

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Es kam anders. „Danke fürs Kommen, aber intern ist das zwischen SPD und Grünen längst ausgemacht. Nach diesem Motto lief die Veranstaltung ab“, sagte im Nachhinein ein Teilnehmer der Runde. Was war passiert? Die wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Henrike Müller, beantragte, die ursprünglich vorgesehene ergebnisoffene Prüfung aller Varianten auf die klinische Medizinerausbildung einzuschränken. Die SPD stimmte zu, gegen Stimmen und Protest von CDU, FDP und Linken – „stümperhaft“, „sinnlos“ und „fahrlässig“, so deren die Reaktionen.

Sprachlosigkeit und auch Ärger über die Veranstaltung haben sich bis heute bei einigen Teilnehmern gehalten: „Da wurde für den Show-Effekt groß einbestellt, aber das Ergebnis stand im Vorfeld längst fest. Es ist nur zu hoffen, dass dies am Ende keine Luftnummer wird“, sagt ein Teilnehmer, der nicht mit ­Namen genannt werden möchte. Ein weiterer Kenner der Branche befürchtet allerdings genau das: „Woher sollen die Studenten kommen, warum sollten Universitäten mit Vollstudium ihre Studierenden für die klinische Ausbildung nach Bremen schicken? Es gibt keine Überkapazitäten an anderen Medi­zinfakultäten.“

In allen anderen Bundesländern gibt es Medizinfakultäten

Auch die Kooperation mit einer ausländischen Fakultät sei zweifelhaft: „Da stellt sich die Frage, ob die Studienordnungen zusammenpassen.“ Fraglich sei auch, ob der Wissenschaftsrat eine eingeschränkte Ausbildung überhaupt akkreditiere. „Am Ende wird es womöglich gar nichts. Rot-Grün hat es versemmelt.“

Bis auf Bremen gibt es in allen anderen Bundesländern Medizinfakultäten – angesichts des Ärztemangels werden neue Fakultäten eingerichtet oder Ausbildungsstätten erweitert. Ärzte für den eigenen Bedarf ausbilden, den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort stärken – das versprechen sich Kommunen und Länder von den Investitionen in die Ärzteausbildung. Die haben es in sich: Studienplätze in Medizin gehören zu den teuersten. Pro Kopf kostet ein Vollstudium rund 100 000 Euro. Dazu kommen Kosten für Lehrgebäude und den Aufbau von Fachbereichen.

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Die CDU-Fraktion hatte im Frühjahr 2018 die Debatte über eine Medizinfakultät ins Rollen gebracht: Die Christdemokraten halten nur ein Komplettpaket für einen realistischen Ansatz. Nur ein Vollstudium mit entsprechend langer Verweildauer könne die Ärzte in spe dazu veranlassen, in Bremen zu bleiben – und den Wirtschaftsstandort stärken. In einem Antrag forderte die Fraktion eine Machbarkeitsstudie, in der Bedarf, Nutzen und Kosten geklärt werden sollten. Dieser wurde schließlich von der Bürgerschaft in den Wissenschaftsausschuss und die Deputation für Gesundheit verwiesen.

Die Senatorin hält an ihrem von vielen als unrealistisch bezeichneten Zeitplan aus der „Meilensteinplanung“ fest: Derzeit würden Gespräche mit möglichen Kooperationspartnern für die vorklinische Ausbildung geführt.

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