Analyse

Hamburg erneut deutsche Stau-Hauptstadt – Bremen in den Top Ten

Die Verkehrsbelastung in Großstädten nimmt immer zu. Das belegt eine Analyse des Kartierungsspezialisten TomTom. Demnach ist Hamburg Deutschlands Stau-Hauptstadt – auch Bremen liegt auf den vorderen Plätzen.
29.01.2020, 09:59
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Christoph Dernbach und Jan-Felix Jasch
Hamburg erneut deutsche Stau-Hauptstadt – Bremen in den Top Ten

Bremen gehörte mit minus 3 Prozentpunkten zu den wenigen deutschen Städten, in denen der Verkehr 2019 etwas flüssiger lief als im Vorjahr.

Frank Thomas Koch

Hamburg ist erneut deutsche Stau-Hauptstadt. Bremen hingegen rangiert zwar nach wie vor unter den zehn ersten Stau-Städten, konnte sich aber deutlich verbessern – was die Ausnahme darstellt. Laut einer am Mittwoch in München vorgestellten Analyse der Verkehrsmuster durch den Kartierungsspezialisten Tom-Tom folgen auf den Plätzen Berlin, Wiesbaden, München, Nürnberg und Stuttgart. Bonn, Kassel, Bremen und Frankfurt am Main vervollständigen die Top-Ten-Liste der Städte in Deutschland, in denen Autofahrer die meiste Zeit durch Verkehrsbehinderungen verlieren.

Die Zunahme des Verkehrs stehe im Zusammenhang mit der wachsenden Einwohnerzahl in den Ballungszentren. Für den „Tom-Tom Traffic Index“ für das Jahr 2019 wurden die Daten von Smartphones und fest in Fahrzeuge eingebauten Navigationssystemen für 416 Städte weltweit ausgewertet. Der berechnete Wert im Falle Bremens: minus drei Prozentpunkte (zuvor 30). Hier lief der Verkehr 2019 deutlich flüssiger als im Jahr vorher. In Hamburg stieg der Wert auf 34 Prozent (plus ein Prozentpunkt). Die Angaben bezeichnen die zusätzliche Fahrtzeit in Folge von Staus. Als Anbieter von Navigationsgeräten und entsprechender Software verfügt Tom-Tom über eine große Menge an Daten über Verkehrsbewegungen.

Lesen Sie auch

Allein für Bremen wurden 107 946 871 gefahrene Kilometer ausgewertet, darunter 77 204 290 Autobahnkilometer. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 waren es 80 197 107 Kilometer mit einem Autobahnanteil von 58 Millionen Kilometern. Schon damals, als Bremen abgerutscht war, hatte das Verkehrsressort genau dies bemängelt: Die schlechte Bewertung sei vor allem auf die einbezogenen Autobahnkilometer zurückzuführen. Baustellen auf der A 1 – nicht zuletzt auf niedersächsischem Gebiet – hätten Bremen reingerissen. Staus würden sich immer auch bis in die Stadt auswirken. Das gelte auch für das aktuelle Ergebnis. "Viele andere Städte haben keine Autobahn auf ihrem Gebiet, sodass die Staus gar nicht maßgeblich in deren Index eingehen. Daran würde bei uns als Stadtstaat auch eine fertige A 281 nichts ändern", sagt Ressortsprecher Jens Tittmann.

Diese Kritik erneuert Tittmann: "Die Verbesserung um drei Prozentpunkte freut uns natürlich", sagt er im Namen von Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne). "Platz neun ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Bremen die zehntgrößte Stadt Deutschlands ist, klar dass sich das widerspiegelt. Bremen ist keine Residenzstadt mit großen, breiten Straßen wie Berlin, der Straßenraum ist begrenzt. Überall wo die Straßenbahn entlang von Ausfallstraßen fährt, geht das sofort zulasten des Individualverkehrs." Ein Problem sieht Tittmann darin nicht, im Gegenteil: "Das bestätigt ja unsere aktuelle Politik. Jeder, den wir rauskriegen aus dem Auto und rein in die Straßenbahn, ist einer weniger im Stau." Bekräftigt sieht sich das Ressort auch in den Vorhaben, den Umweltverbund zu stärken, die autofreie Innenstadt und den Ausbau der Straßenbahnen voranzutreiben.

Lesen Sie auch

Auffällig bei der Betrachtung der Verkehrsmuster seien die ausgeprägten Stauspitzen am Morgen und am Abend, die ein erkennbares Pendlerverhalten belegen, erläuterte Tom-Tom. „Viele Pendler wählen trotz zahlreicher alternativer Verkehrsangebote weiterhin das Auto, um in die Arbeit zu gelangen.“ Die Notwendigkeit einer Verkehrswende sei in der Gesellschaft zwar bewusst, jedoch fehle nach wie vor die notwendige Konsequenz, diese auch umzusetzen.

In Bremen, glaubt Nils Linge, regionaler Sprecher des Allgemeinen Automobilclubs Deutschland (ADAC), liege die Verbesserung gewiss auch an der Attraktivität als Fahrradstadt. Die Weserüberquerungen seien und blieben quasi die Achillesferse: "Wenn eine Brücke zu ist, ist alles dicht." Außerdem lasse sich die Infrastruktur schwerlich mit der von Metropolen wie Hamburg und München vergleichen. In Bremen, ermittelte Tom-Tom, brächten Autofahrer übers Jahr 108 Stunden – viereinhalb Tage – durch Staus während der Rush-Hour zusätzlich in ihren Autos zu. Bei einer Fahrt, die regulär eine halbe Stunde dauert, gingen demnach morgens elf Minuten verloren, abends sogar 17.

Auch beim Spitzenreiter Hamburg war die Verkehrsbelastung während der morgendlichen und abendlichen Rush-Hour besonders hoch: Das Stau-Niveau lag morgens im Durchschnitt bei 54 Prozent, abends bei 61 Prozent. Diese Zahlen bedeuten, dass Autofahrer für eine Fahrt, die ohne Verkehrsbehinderungen 30 Minuten dauert, morgens 46 Minuten und abends 48 Minuten benötigten. Pendler im Raum Hamburg mussten am Donnerstagabend zwischen 16 und 17 Uhr mit den längsten Verzögerungen rechnen, in diesem Zeitraum hat Tom-Tom dort das höchste Verkehrsaufkommen verzeichnet.

Im internationalen Vergleich stehen die Autofahrer in Deutschland aber nicht besonders lange im Stau. Für Bangalore in Indien berechnete Tom-Tom einen Wert von 98 Prozent für die morgendliche Rush-Hour, abends war dort der Wert mit 115 Prozent noch schlechter. Bangalore löst die indische Stadt Mumbai an der Spitze ab. Dort wurde 2018 der Spitzenwert von 65 Prozent ermittelt. Auf dem europäischen Kontinent ist die Verkehrsbelastung in Moskau (59 Prozent) am schlimmsten, gefolgt von Istanbul, Kiew und Bukarest.

+++ Dieser Text wurde aktualisiert um 21:39 Uhr +++

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+