Zeitungsgeschichte erlebt

Warum ein Bremer seit 60 Jahren die Zeitung austrägt

Das frühe Aufstehen macht ihm nichts aus, wohl aber zugeparkte Gehwege. Hans-Georg Bahrenburg ist Zeitungszusteller. Damit angefangen hat er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg – da war er noch ein Kind.
28.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Helke Diers
Warum ein Bremer seit 60 Jahren die Zeitung austrägt

Im Anschluss an seine Tour liest Hans-Georg Bahrenburg erst mal die Zeitung – noch vor dem Frühstück.

Frank Thomas Koch

Bevor der Wecker klingelt, ist Hans-Georg Bahrenburg schon wach. Mitten in der Nacht steht er auf und verlässt sein Haus in Findorff. Dann wartet er auf die Zeitungspakete. Bahrenburg ist Zeitungsausträger und das seit mehr als sechzig Jahren, „mit Lust und Liebe“, sagt er. Ans Aufhören denkt der 80-Jährige nicht. Er erzählt aus seinem Leben und einer Familie, die eng mit der Zeitungsgeschichte Bremens verbunden ist.

Hans-Georg Bahrenburg begann als Kind, seiner Mutter mit ihren Zustellungstouren für die Bremer Nachrichten zu helfen. Es war wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bremer Nachrichten erschienen gerade wieder, seine Mutter und Schwester trugen rund dreihundert Zeitungen pro Schicht in Utbremen aus. Im Bereich rund um die Wartburgstraße in Walle, zweieinhalb Stunden pro Nacht, sechs Tage in der Woche. „Anschließend bin ich zur Schule gegangen“, erinnert sich Bahrenburg. Lust zum Verteilen, das habe er immer gehabt, trotz der langen Tage.

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Gerade volljährig geworden, übernahm er die Tour seiner Mutter. Eine Ausbildung als Fahrradmechaniker scheiterte, weil die Familie das Kostgeld nicht aufbringen konnte. Bahrenburg wechselte zwischen verschiedenen Arbeitsstellen, hörte zwischenzeitlich auf mit „dem Tragen“, wie er es formuliert. Seitens der Bremer Nachrichten sei er immer wieder gefragt worden, ob er nicht weitermachen könne. Und er konnte. Für 35 Jahre trug er Zeitungen in „seinem“ Bezirk in Findorff aus. Die Zeitungen kamen aufs Fahrrad. Früher fuhr er mit einem Anhänger, heute schiebt er. Das Alter fordert seinen Tribut. Störend findet er dabei nur von Autos zugeparkte Gehwege.

Früher wurde das Abo bar bezahlt

Was sich im Laufe der Jahre verändert hat? Der Kontakt zu den Abonnenten wurde weniger. Sein Sohn Olaf Bahrenburg erzählt aus der Zeit, als das Abo noch monatlich bei seinem Vater bezahlt wurde. „Er ist von Kunde zu Kunde gelaufen, hat jeden abgeklappert. Da gab es immer einen Klönschnack dabei. Ich bin als Kind mitgelaufen.“ Der stolze Sohn stempelte die Quittungen für die Barzahlung. Ehefrau Alma Bahrenburg erinnert sich: „Es waren viele ältere Herrschaften dabei. Mit denen hat er sich dann unterhalten. Das mochten die gerne und mein Mann mochte das auch.“ Die Umstellung auf Einzugsermächtigungen und Überweisungen hatte auch Folgen für die Zusteller. Mit dem Klönschnack sei auch das Trinkgeld verschwunden, sagt der 80-Jährige.

Der damals jugendliche Sohn Olaf Bahrenburg war nicht immer begeistert von der Zustellertätigkeit des Vaters. Heute berichtet er lachend, wie der ortsbekannte Vater frühmorgens von Kunden angerufen wurde, wenn eine Zeitung fehlte oder gestohlen worden war. Denn Hans-Georg Bahrenburg hatte immer ein paar Reserveexemplare zu Hause. Der müde Sohn hörte das Telefon oft zuerst. „Als 17-Jähriger war ich genervt, denn der Discobesuch am Abend zuvor war wieder länger. Entsprechend waren Anrufe morgens um sieben Uhr für mich absolut inakzeptabel.“

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Hans-Georg Bahrenburg fing als Arbeiter bei der Deutschen Bahn an, aber behielt den Job als Zusteller. Erst Zeitungen tragen, dann schwere körperliche Arbeit im Gleisbau, so sah sein Tagesablauf für mehr als 30 Jahre aus. Der zusätzliche Zeitungsverdienst wurde für Familienurlaube ausgegeben. Zur Wendezeit wurde Bahrenburg für einige Monate nach Hamburg-Stellingen versetzt. Und bekam Angst, seine angestammte Findorff-Tour zu verlieren. Der Sohn musste ran, den Vater zu vertreten. Olaf Bahrenburg wurde von seinem Vater eingearbeitet, weckte dabei mit seinen lauten Fragen bei den ersten nächtlichen Touren die Nachbarschaft.

Aber: Nach drei Monaten kam der Vater zurück, froh darüber, die angestammten Straßen nicht verloren zu haben. „In der Familie scherzen wir schon, dass er die Zeitungen wohl auch noch zustellen wird, sollte er eines Tages im Rollstuhl sitzen. Er liebt diese Arbeit einfach und sie hält auch ihn fit“, sagt Softwareberater Olaf Bahrenburg. „Mein Hausarzt sagt immer: Behalten Sie das“, schmunzelt Bahrenburg selbst. Denn das Zeitungsaustragen ist sein Sport.

Der unbekannte Zusteller

Wenn Hans-Georg Bahrenburg um 2.30 Uhr nach viereinhalb Stunden Schlaf sein Haus verlassen hat, wartet er auf die Zeitungslieferung. Rund einhundert Exemplare verteilt er heute noch, überwiegend den WESER-KURIER. Manchmal, sagt er, komme die Zeitung spät, dann warte er länger auf seiner Bank, wo die Pakete angeliefert werden. Anderthalb Stunden später hat er alle Exemplare in die Briefkästen gesteckt. Viele Abonnenten wüssten nicht, wer ihnen die Zeitung gebracht habe, meint er. Wieder zu Hause liest Bahrenburg seine Ausgabe der soeben verteilten Zeitung, frühstückt und schläft noch eine Runde. Wenn die Tour mal länger dauert, wird seine Ehefrau Alma Bahrenburg manchmal nervös, steht auf, schaut aus dem Fenster und wartet.

Warum hört einer nicht auf mit dem Zeitungstragen, wenn Altersgenossen in Rente gehen? „Weil ich damit groß geworden bin. Ich weiß gar nicht, wenn ich es aufgeben sollte, wie es mir dann wäre.“ Vor vier Jahren bekam Bahrenburg ein neues Zustellungsgebiet. Über seinen langjährigen früheren Bezirk sagt er: „Meine Kunden fragen heute noch, warum ich nicht wiederkomme.“

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