Traditionsschiff "Roland von Bremen" Hansekogge voller Pilze

Die "Roland von Bremen" ist viel maroder als angenommen. Die Pläne, das Traditionsschiff nach einer Sanierung als Museumsschiff an die Schlachte zu verlegen, sind nun ernsthaft in Gefahr.
20.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Hansekogge voller Pilze
Von Anke Landwehr

Pilze, überall Pilze. André Stuckenbrok zählt die Arten auf. Es sind viele unterschiedliche, die sich auf der Hansekogge angesiedelt haben und die „Roland von Bremen“ von innen zerstören. „Bis zu einem gewissen Maß sind Pilze normal. Aber hier haben sie sich derart ausgebreitet, dass wir dem kaum noch Einhalt gebieten können“, sagt Stuckenbrok.

Der Tischler leitet die Sanierung des Schiffes. Als es am 28. Januar 2014 in einer eisigen Nacht an der Schlachte sank, gehörte es der Reederei „Hal över“. Deren Geschäftsführer Dieter Stratmann schenkte sie später der gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft „bras – arbeiten für bremen“. Die hatte mit der Hansekogge viel vor: Nach der Sanierung mithilfe von Langzeitarbeitslosen sollte die „Roland von Bremen“ wieder an die Schlachte verlegt werden und dort als Museumsschiff dienen.

Diese Pläne sind nun ernsthaft in Gefahr, seitdem sich das ganze Ausmaß der Schäden offenbart hat. bras-Projektleiter Uwe Mühlmeyer erklärt, man habe das Schiff seinerzeit nicht blauäugig übernommen. „Das sah gut aus, aber nun stellt sich heraus, dass hinter der Fassade nur Schrott ist.“ Schon beim Nachbau der 1962 im Weserschlick bei Rablinghausen entdeckten Originalkogge seien gravierende Fehler gemacht worden, sagt André Stuckenbrok. Er zeigt auf die sogenannten Nagelgänge, dahin, wo die Planken des 23,98 Meter langen und 7,18 Meter breiten Schiffes schindelartig übereinander genagelt worden sind. „Die haben sich damals viel Mühe gemacht, die Nägel wurden aus Edelstahl handgeschmiedet.“ Doch ihre Enden seien spitz statt flach und hätten deshalb die Holzfasern beschädigt.

Auch hätten die Nägel nicht ganz versenkt werden dürfen, hat der Fachmann eine weitere handwerkliche Unzulänglichkeit ausgemacht. „So konnte Wasser großflächig eindringen, und das Ergebnis sehen wir heute.“ Der Tischler prokelt mit einem Schraubenzieher an einem dunklen Fleck im Schiffsrumpf herum. Morsches Holz, das dem Werkzeug keinen Widerstand entgegensetzt, es bröselt. „Solche Stellen gibt es überall. Mindestens die unteren fünf Nagelgänge müssten komplett neu gemacht werden“, berichtet Stuckenbrok. Er ist kein Bootsbauer, kennt sich aber aus. Seine Schwiegereltern hätten seit 40 Jahren Schiffe im Bremerhavener Museumshafen liegen, da habe er viele Erfahrungen und Kenntnisse anhäufen können.

Die provisorische Gangway hoch aufs Deck der eingerüsteten „Roland von Bremen“. Uwe Mühlmeyer würde am liebsten gar nicht hinschauen, aber nützt ja nix. „Wir hatten den Eindruck, der Bug sei in Ordnung und jetzt . . . Gucken Sie sich das bloß mal an.“ Ein großer, von Pilz zerfressener Haufen Holz ist alles, was von den Bugbändern übrig geblieben ist. Und das, was sie verdeckt haben, sieht nicht viel besser aus. Stuckenbrok nennt aus der Liste der Bausünden weitere Beispiele, darunter fallen fehlende Wasserabläufe und eine mangelnde Neigung des Decks. „Weil es nicht abfließen kann, bleibt das Wasser drauf stehen.“

Unter der Überdachung des Achterdecks breiten sich Pilzkulturen aus, obwohl der Wind hindurchfegen kann. Da das Schiff aber durch und durch „verpilzt“ ist, wie Stuckenbrok sagt, sind auch eigentlich ungefährdete Stellen befallen. Und niemand weiß im Augenblick, wie dem maroden Zustand der Kogge beizukommen ist. Stuckenbrok hat Gutachter zurate gezogen. „Die zucken alle mit der Schulter.“ Theoretisch könnte das Material auf 70 Grad Celsius erhitzt werden, um den Pilzen den Garaus zu machen, praktisch „würde das Schiff dann auseinanderfallen.“

Im Augenblick spricht Stuckenbrok mit Vertretern von Bauchemiefirmen. Die Idee: Vielleicht könnte man die „Roland von Bremen“ mit Epoxidharzen plastinieren. Vielleicht. „Dann hätten wir ein Leichentuch aus Plastik, unter dem die Kogge noch zehn Jahre an der Schlachte liegen könnte“, meint Uwe Mühlmeyer. Die andere Option sei, sie mit einem „guten Anstrich“ an Land aufzubocken. „Als Spielschiff oder so.“ Eine weitere Alternative mag der Projektleiter nicht zu Ende denken: „Es wäre schade, wenn wir die Kogge verheizen müssten.“

Dass die „Roland von Bremen“ in diesem Zustand ist, führt Stuckenbrok nicht allein auf Baumängel zurück. Das Schiff habe jahrelang in Süßwasser gelegen, was seinen Verfall erheblich beschleunigt habe. „Es hat sich schlicht kaputt gestanden.“ Dieter Stratmann, dem Chef von „Hal över“, wollen die beiden Männer aber keinen Vorwurf machen. Sie erwähnen allerdings drei Gutachten, von denen zwei – eines aus 2007, das andere aus 2012 – den Zustand der Hansekogge bereits zutreffend beschrieben hätten.

Die Kosten für eine Komplettsanierung schätzt Mühlmeyer inzwischen auf 400 000 bis 500 000 Euro – statt der ursprünglich veranschlagten 120 000 Euro. Selbst diese Summe ist erst zu etwa einem Drittel gesichert. Ob die Hansekogge, die auf dem Gelände von „Hal över“ im Neustädter Hohentorshafen liegt, jemals wieder Wasser unterm Kiel haben wird, ist nach Meinung von Stuckenbrok „eine Frage von Zeit und Geld“. Mühlmeyer: „Zeit haben wir, das Geld ist im Augenblick nachrangig.“

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