Verstärkung für Chöre

Hansemusical - Kein Grund für Klagelieder

Chöre erleben einen „echten Aufschwung“, stellt der Bremer Landesmusikrat fest. Ob Pop- oder anspruchsvoller Kammerchor: Die Freude am Singen ist weit verbreitet,
04.01.2019, 19:29
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Von Justus Randt und Matthias Brunnert
Hansemusical - Kein Grund für Klagelieder

Der Neustädter Shantychor Bremen unter der Leitung von Coco Joura will sich am "Hansemusical"-Projekt beteiligen und im Herbst ein Konzert in Bremen geben.

Walter Gerbracht

Das „Hansemusical“ setzt Segel. Noch existiert das neue Projekt von Bernd Baumann aus Stockelsdorf bei Lübeck allerdings erst in „rein konzertanter Form“, wie Coco Joura sagt. Die Chorleiterin des Neustädter Shantychors Bremen und ihre Sänger sollen Liedtexte, die Baumann über die Hanse geschrieben hat, zu „weitgehend bekannten Melodien“ singen.

Start ist im Frühjahr zunächst in Hamburg. Vielleicht im September geht es an der Weser weiter. „Für Bremen suchen wir speziell auch noch die Kooperation mit Kitas und allgemeinbildenden Schulen aller Klassenstufen“, sagt Bernd Baumann. Das Projekt „Hansemusical“ habe das Ziel, „Menschen aller Länder und Generationen zu verbinden“.

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In Bremen und der niedersächsischen Nachbarschaft haben die Chöre ohnehin keinen Anlass, Klagelieder anzustimmen: „Junge Leute streben zum Chor, insbesondere Frauen, da gibt es einen echten Aufschwung“, sagt Ernst Folz, Vorsitzender des Landesmusikrates Bremen. „Wir gehen von rund 200 Chören mit durchschnittlich 25 Mitgliedern in Bremen aus.“ Inklusive Profis, der freien, Vereins- und Kirchenchöre.

Geleitet von Profis

Wichtig seien die Chorleiterinnen und Chorleiter, die nicht selten direkt von der Musikhochschule kämen – Profis also. „Da hat das flache Land oft das Nachsehen gegenüber den Städten“, stellt Folz fest. „Dafür fehlen in der Stadt überall Aufführungs- und Übungsräume, die auf dem Land, meist in Gaststätten, noch vorhanden sind.“

„Es wird wieder mehr gesungen“, findet auch der Generalsekretär des Landesmusikrates Niedersachsens, Hannes Piening. Mehr als 50 Verbände, Landesgruppen, Institutionen und Einzelpersonen haben sich im Musikrat zusammengeschlossen.

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Dass die Zahl der Chöre gestiegen ist, bestätigt Wolfgang Schröfel, er ist Ehrenpräsident des Niedersächsischen Chorverbandes, der seinen Schwerpunkt im Süden des Bundeslandes hat. Der klassische Gesangsverein habe zwar zu kämpfen, weil neue Mitglieder ausblieben. „Wir haben aber immer mehr Ensembles, die sich für einzelne Projekte bilden“, sagt Schröfel. Allein seinem Verband gehörten über 450 Chöre an. Das sind laut Statistischem Bundesamt rund 50 mehr als 2017.

Nicht berücksichtigt in der Auflistung des Bundesamtes ist der Chorverband Niedersachsen-Bremen, dessen Gebiet laut Ernst Folz von Göttingen bis Borkum reicht und der rund 1600 Chöre und 50 000 Mitglieder zählt. Der Grund: Die Statistiker beziehen sich auf Zahlen des Deutschen Chorverbandes (DCV) in Berlin – aus dem der Verband Niedersachsen-Bremen laut DCV vor einem Jahr ausgetreten ist. Eindeutige Vergleichszahlen gibt es also nicht.

SÜD / Neue Chorleiterin Shantychor Neustadt

Opernsängerin Coco Joura.

Foto: Walter Gerbracht

Die Chor-Branche boomt

Christiane Hrasky war Landeskantorin des evangelischen Chorverbandes Niedersachsen-Bremen, seit Sommer 2018 ist sie in gleicher Funktion für die Nordkirche aktiv. Sie bestätigt den gefühlten Trend eindeutig: „Die Chor-Branche boomt.“ Die Szene wachse nicht nur, sie verändere sich auch. „Singen ist nicht mehr peinlich“, sagt Christiane Hrasky.

Dazu hätten auch Fernsehformate wie „Deutschland sucht den Superstar“ und andere Casting-Shows beigetragen. Man müsse derartige Sendungen zwar nicht mögen. Aber bei vielen jungen Menschen hätten sie die Lust am Singen geweckt, sagt die Landeskantorin. Die Folge seien auch neue Projekt-, Jugend- und Kinder-Chöre. Zudem gebe es immer mehr Singkreise, in denen sich Musikbegeisterte zusammenschließen. „Sie singen zusammen, ohne große Auftrittsambitionen.“

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Hannes Piening vom Landesmusikrat Niedersachsen beobachtet „vor allem bei jüngeren Menschen einen Trend hin zu kleineren Formaten, zu Vokal-Ensembles mit maximal 15 Leuten, die dann zum Beispiel Pop, Jazz oder Gospel singen“. Der Landesmusikrat habe eine rege Szene, die tendenziell immer größer werde. Konkrete Zahlen dazu gebe es allerdings nicht. Verbandsehrenpräsident Schröfel hat dafür eine Erklärung: „Viele dieser Chöre sind nicht in Verbänden organisiert.“

Chorsingen war nie out

Das "Hansemusical" liegt im Trend. "Projektchöre laufen sehr gut", sagt Folz. Er hat festgestellt: „Die Leute fühlen sich zwar nicht für längere Zeit verpflichtet, aber sie sind genau der Nachwuchs, der jetzt auch in klassische Chöre und Gesangsvereine strömt." Auch wenn lange vom Sterben der Chöre die Rede war, sei Chorsingen "ja nie in dem Sinne out gewesen", betont Folz.

„Gerade Männerchöre, die Basis des Vereinssingens, waren eine Zeit lang besonders von Überalterung betroffen“, so Folz. Jetzt sei die Talsohle durchschritten. „Wir glauben, dass der weit verbreitete Leistungsgedanke auch den Chören Zulauf beschert.“ Davon profitierten ebenfalls „die edelsten, die kleinen Kammerchöre“.

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