Diethelm Knauf leitet für das Schulmuseum Bremen am 17. August eine Ortsteilführung „Hastedt hat eine eigene Identität“

Wie hat sich Hastedt entwickelt?Knauf: Hastedt war ein typisches Dorf, mit allem was dazu gehört, wie Bauernstelle und eine soziale Hierarchie: reiche Bauern, mittlere Bauern, arme Bauern, Häuslinge und Tagelöhner. Hastedt war sehr von der Landwirtschaft geprägt.
15.08.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lisa Urlbauer

Wie hat sich Hastedt entwickelt?

Knauf: Hastedt war ein typisches Dorf, mit allem was dazu gehört, wie Bauernstelle und eine soziale Hierarchie: reiche Bauern, mittlere Bauern, arme Bauern, Häuslinge und Tagelöhner. Hastedt war sehr von der Landwirtschaft geprägt. Dazu gab es ein paar Handwerker. Was das Dorf auch immer ausgezeichnet hat, war, dass es Zigarrenmacher gab. Hastedt wurde auch das Zigarrenmacher-Dorf genannt. Aus diesem Dorf ist dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein industrieller Teil der Stadt geworden. Es gab eine Urbanisierung – also eine Verstädterung – und eine Umschichtung der Sozialstruktur. Dazu gab es ein ganz normales Geschäftsleben mit kleinen und großen Läden, Kaufhäusern und sehr vielen Kneipen. Außerdem eine große Freizeit- und Jugendkultur.

Das heutige Hastedt unterscheidet sich in seinen Grenzen von dem ursprünglichen Dorf. Wo verlaufen die unterschiedlichen Grenzen?

Hastedt gehört heute zum Ortsamt Hemelingen. Das ist aber eine Reform der Neuzeit gewesen. Das klassische Hastedt hat sich eigentlich um die Alt-Hastedter Kirche versammelt und sich dann in Richtung Weser und was heute die Stresemannstraße ist ausgedehnt. In Richtung Vahr lagen die Felder, die die Hastedter Bauern bewirtschaftet haben. Das ist der alte, dörfliche Kern. Weiter in Richtung Hemelingen ist dann das ganze Industriegebiet hinzugekommen. Borgward, die Lloyd-Dynamowerke, Focke-Wulf – also eine ganze Reihe von renommierten, wichtigen Industriebetrieben. Die haben den Stadtteil dann schon anders konfiguriert. Auf der einen Seite grenzt das traditionelle Hastedt an Sebaldsbrück und an Hemelingen, auf der anderen Seite an die Stader Straße. Das sind die Grenzen des traditionellen Hastedt.

Kann man Hastedt und den Hastedtern eine bestimmte Identität zu schreiben?

Ich glaube, es gibt schon ein Bewusstsein davon, dass Hastedt eine eigene Identität hat – und auch eine eigene Geschichte. Und diese Geschichte ist auch im Bewusstsein vieler Menschen, die in Hastedt geboren und groß geworden sind, verankert. Eine andere Geschichte ist, wie Hastedt denn nun aussieht. Wenn man andere Viertel nimmt – wie Walle oder Gröpelingen – würde man sagen, dass das homogene Gebiete sind. Hastedt hat leider durch die Stadtplanung nach dem Krieg seinen ursprünglichen, homogenen Charakter zu größten Teil verloren. Es sind große Verkehrsachsen durchgeschlagen worden – ohne auf die gewachsenen Strukturen Rücksicht zu nehmen. Also die Stresemannstraße, Malerstraße und der Autobahnzubringer Pfalzburger Straße. Das war ja die Idee: Man verbindet die Stadt mit den großen Autobahnen – eine mobilitätsgerechte Stadt. Darum ging es und nicht um den Lebenswert für die Menschen. Historisch ist das eigentlich völliger Unfug. Die Malerstraße war eine ganz normale Straße. Heute ist sie eine Schneise, die Hastedt teilt.

Wie ist Ihre persönliche Verbindung zu Hastedt?

Meine persönliche Verbindung zu Hastedt ist vor allem die eines Historikers. Mir ist aufgefallen, dass sich der Charme Hastedts nicht sofort erschließt. Es ist eher so, dass man denkt: „Mein Gott, ist das ein amorpher Teil Bremens.“ Aber wenn man dann mal anfängt zu suchen, wo die Geschichte ist und was man alles entdeckt – da entwickelt sich dann schon so etwas wie eine Verbindung. Für mein Buch bin ich sehr häufig durch Hastedt gefahren, und dann entdeckt man doch immer wieder Gegenden und Örtlichkeiten, die schön sind – und eben Zeugnisse der Vergangenheit abbilden.

Was erwartet die Besucher bei der Führung?

Ich finde es immer ganz spannend, Klein-Mexiko anzugucken und im Kontrast dazu die Focke-Wulf-Siedlung. Man findet immer noch historische Zigarrenmacher-Häuschen, die auch in Adressbüchern und auf Fotos dokumentiert sind. Ich finde die Kneipenkultur interessant – da gibt es auch noch einzelne Lokalitäten, bei denen man auch sehr schön die historischen Aufnahmen mit denen von heute abgleichen kann. Der jüdische Friedhof ist auch immer spannend. Und natürlich das Ensemble von Bauernstellen und Häuslingshäusern. Es war ja in der Regel so, dass ein Bauernhof größer war und dass sich an den Bauernhof die Häuser der Tagelöhner angeschlossen haben. Das sind einfach spannende Situationen und Örtlichkeiten, an denen man die Geschichte auch heute noch sehr gut spüren kann.

Das Interview führte Lisa Urlbauer.

Anderthalbstündige Stadtteil-Führung durch Hastedt mit dem Diethelm Knauf: Mittwoch, 17. August, um 17 Uhr an der Alt-Hastedter Kirche. Die Teilnahme kostet sieben Euro, Ermäßigungen gibt es für Schüler, Studenten oder mit dem Bremen-Pass. Anmeldung wird erbeten unter Telefon 69 62 33 0 oder per E-Mail an schulmuseum@bildung.bremen.de.

Zur Person

Diethelm Knauf ist ehemaliger Leiter des Landesfilmarchivs und als Dozent an der Universität Bremen tätig gewesen. 2015 hat der freiberuflich tätige Historiker gemeinsam mit dem Schulmuseum das Buch „Hastedt – eine Geschichte in Bildern“ im Edition Temmen Verlag veröffentlicht. Am Mittwoch, 17. August, führt der 63-Jährige eine Gruppe durch Teile des traditionellen Hastedt in der Östlichen Vorstadt und an einige Orte im heutigen Hemelinger Ortsteil.
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