Bestattungskultur im Wandel

Hausregeln für die letzte Immobilie

Individuelle Wünsche bei der Grabgestaltung und zum Ablauf von Beerdigungen kollidieren manchmal mit der Friedhofsordnung. Auch in Bremen gibt es von streng bis liberal zahlreiche Varianten.
24.02.2018, 19:00
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Hausregeln für die letzte Immobilie
Von Timo Thalmann
Hausregeln für die letzte Immobilie

Hans Jürgen Tod ist Vorsitzender des Vereins, der Bremens einzigen privaten Friedhof in Sebaldsbrück verwaltet.

Christina Kuhaupt

Mit gerade einmal 2400 Quadratmetern ist der Friedhof Sebaldsbrück der kleinste in Bremen. Nur rund 100 Gräber gibt es auf dem etwas versteckt liegenden Grundstück. Und sehr viel mehr können es auch nicht mehr werden. „Machen Sie bloß keine große Werbung“, sagt darum Hans Jürgen Tod. Tod ist seit 2016 Vorsitzender des „Vereins für Beerdigungen in Sebaldsbrück von 1893“, der diesen einzigen privaten Friedhof in Bremen seit seiner Gründung im 19. Jahrhundert verwaltet.

„Ich kenne auch jeden Kalauer über meinen Namen“, ergänzt Tod bereits vorab gut gelaunt. Im Hauptberuf ist der 59-jährige nämlich auch noch Friedhofsgärtner in dritter Generation. „Mein Opa hat immer gesagt, unser Name ist eine gute Werbung, den kann sich jeder merken.“

Die private Trägerschaft des Mini-Friedhofs lässt Angehörigenviel Freiheit bei der Grabgestaltung. Das entspricht dem aktuellen Trend, Gräber sehr individuell anzulegen. „Wer heute überhaupt noch ein Erdgrab wählt, will dies auch so herrichten, dass Eigenarten und Charakterzüge des Toten erkennbar werden“, sagt Tod. Ein Wunsch, der mit den kommunalen und kirchlichen Friedhofsordnungen kollidieren kann.

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Wer sich durch die Regelungen der 35 Friedhöfe im Bremer Stadtgebiet liest, wird darin die ganze Bandbreite von streng bis liberal vorfinden. Auf dem Sebaldsbrücker Friedhof sind zum Beispiel Grabsteine aus unterschiedlichen Materialien zu finden: Kalkstein, Sandstein, Marmor, Granit. Und mit Genehmigung des Vereinsvorstandes wären auch andere Materialien denkbar.

Es gibt zudem keine Vorschrift, wo der Stein auf dem Grab zu stehen hat oder wie er auszurichten ist. Auch zu Art und Ausführung von Aufschriften schweigt sich die Friedhofsordnung aus. „Bis zwei Meter Höhe ist hier eigentlich jede Gestaltung möglich“, fasst es Tod zusammen. Das sieht auf dem Friedhof der evangelisch-lutherischen Martin-Luther-Gemeinde in Bremen-Blumenthal ganz anders aus. Auf 24 Seiten breitet die Friedhofsordnung detailliert aus, was erlaubt ist und was nicht.

Auch die Größen der Steine sind exakt vorgegeben

So werden exakt 17 mögliche Steinsorten für die Grabmale aufgelistet. Für die Beschaffenheit der Steinoberflächen gibt es ebenso Vorschriften wie für die Beschriftungen. Zum Beispiel sind aufgebrachte Schriften ausgeschlossen. Nur in die Steine eingehauene Namen und Daten der Verstorbenen sind erlaubt. Und auch die Größen der Grabsteine sind exakt vorgegeben, immer abhängig von der Art des Grabes.

Hinsichtlich der Höhe von Stein und Sträuchern ist hier wie fast überall bei einem Meter Schluss. So detailfreudig ist aber nicht jede Friedhofsordnung. Auf den 13 städtischen Begräbnisflächen verzichtet man seit dem Jahr 2005 auf präzise Vorgaben. „Grabstellen sind in ihrer äußeren Gestaltung aufeinander und auf die Gesamtgestaltung des Friedhofs abzustimmen“, heißt es seitdem in der Bremer Friedhofsordnung.

Das eröffnet Ermessensspielräume, wenn Angehörige spezielle Wünsche anmelden. Zuvor war auch bei den kommunalen Friedhöfen genau geregelt, wie Grabsteine und Inschriften zu gestalten sind. Geblieben ist allerdings die Verpflichtung, jede geplante Grabgestaltung mittels maßstabsgetreuer Zeichnung zuvor zur Genehmigung einzureichen.

"Die Bestattungskultur ändert sich"

Das gilt prinzipiell auch auf allen kirchlichen Friedhöfen, unabhängig von den jeweils erlassenen Gestaltungssatzungen und Pflanzordnungen. „Bei uns ist das nicht notwendig“, sagt dagegen Hans Tod. Und auch beim Gebrauch von Kies oder Grabplatten zeigt man sich in Sebaldsbrück großzügig. „Darf man hier beides flächendeckend aufs Grab legen, wenn man will.“

Auf den meisten Friedhöfen ist das gar nicht oder nur teilweise gestattet. Dafür entzieht sich Sebaldsbrück bislang dem Trend zur anonymen oder auch halb-anonymen Urnenbestattung. Bei nur vier bis fünf Beerdigungen im Jahr dauert es auf dem Mini-Friedhof schlicht länger, bis solche Entwicklungen sichtbar werden. Das kann sogar auf sehr alten, kirchlichen Friedhöfen schon anders sein.

„Wir haben uns inzwischen für solche Trends geöffnet“, sagt Torsten Kropp. Der Friedhofsdezernent des Gemeindeverbundes Aumund-Vegesack ist aktuell damit befasst, einen kleinen Friedwald auf dem Friedhof Vegesack anzulegen und als neue Grabform in die Satzung einzuarbeiten. „Die Bestattungskultur ändert sich, dem können wir uns nicht entziehen.“

Redemanuskripte müssen vorher vorgelegt werden

Doch mit anonymen Bestattungen tut sich die Kirche bis heute schwer. Nur auf der Hälfte der evangelischen Friedhöfe in Bremen ist diese Begräbnisform möglich. „Aber in Vegesack machen wir das inzwischen. Die doppelten Gebühren für die Bestattung von Nicht-Kirchenangehörigen sind außerdem seit Anfang 2016 abgeschafft“, sagt Kropp.

Was auf allen kirchlichen Friedhöfen aber unverändert gilt, ist das alleinige Rederecht der Pastoren bei Beerdigungen. Wer hier einen freien Trauerredner engagieren möchte, muss zuvor die Genehmigung des jeweiligen Pastors oder Kirchenvorstandes einholen. Das gilt bei strenger Regelauslegung auch für einige, wenige Worte am Grab.

Selbst nahe Angehörige benötigen für einen Wortbeitrag bei einer kirchlichen Bestattung eine Erlaubnis. Ihren Wünschen wird dabei allerdings nicht automatisch entsprochen. In den meisten Gemeinden sind zum Beispiel die Redemanuskripte vorab zur Begutachtung vorzulegen. Kritische Anmerkungen zum christlichen Glauben sind nirgendwo gestattet. Kapellen und Kirchen als Ort der Rede sind für Nicht-Pastoren ohnehin überall tabu. In dieser Hinsicht sind die Trauerhallen der kommunalen Friedhöfe Stätten großer Freiheit.

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