150 Jahre St.-Joseph-Stift

Hebammen mit Bauchgefühl

Der Countdown läuft bis zum Beginn der Jubiliäumsaktivitäten zum 150-jährigen Bestehen des St.-Joseph-Stifts im März. Noch läuft die Suche nach dem ältesten Krankenhausspross. Bislang vorn: ein 90-Jähriger.
13.01.2019, 07:50
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Hebammen mit Bauchgefühl
Von Frank Hethey
Hebammen mit Bauchgefühl

In froher Erwartung neuer Aufgaben: Dieses Foto von 1932 zeigt eine Schwester im Kreißsaal der damals noch brandneuen Entbindungsstation.

St.-Joseph-Stift

Als die hochschwangere Mutter von Margreth Wehrkamp im St.-Joseph-Stift erschien, wurde sie erst mal wieder nach Hause geschickt. „Die Hebammen sagten ihr: Wir haben noch kein auflaufendes Wasser“, berichtet ihre Tochter. Eine etwas andere Bauchentscheidung, die sich die heute 89-Jährige mit dem Erfahrungsschatz der Hebammen erklärt. „Die hatten ja oft mehr Wissen als die Ärzte.“ Allerdings hätte sich ihre Mutter den Heimweg sparen können. Noch am gleichen Tag sei sie abermals in der Klinik aufgetaucht, und diesmal pressierte es wirklich. Völlig komplikationslos sei die Geburt verlaufen. Guter Gesundheit erfreut sich Margreth Wehrkamp bis heute. „Ich bin noch immer genauso gesund wie damals, bis auf ein paar kleine Zimperlein.“

Gemeldet hat sich Margreth Wehrkamp beim St.-Joseph-Stift, weil die Klinik anlässlich der geplanten Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen nach dem ältesten noch lebenden Menschen sucht, der in dem altehrwürdigen Gemäuer das Licht der Welt erblickt hat. Nach aktuellem Stand kommt keine andere Frau an der betagten Dame aus Stenum vorbei. Als sie im November 1929 geboren wurde, erschütterte gerade die Weltwirtschaftskrise den Erdball. Älter ist bislang nur ein Vertreter des männlichen Geschlechts, Reinhard Wellbrock aus Lilienthal. Der frühere Oberamtsrat kam im Juni 1928 in dem katholischen Krankenhaus zur Welt.

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Im St.-Joseph-Stift ist man überwältigt von der großen Resonanz auf den Aufruf. Über 50 Briefe, Mails und Anrufe seien schon eingegangen, sagt Kliniksprecherin Anja M. Ladewig. „Teilweise kommen die älteren Herrschaften auch persönlich vorbei.“ Komplette Fotoalben und alte Urkunden wurden abgegeben, es sei sogar ein Film von 1939 aufgetaucht. Unter den Preziosen befindet sich eine Rechnung von 1936. Für zehn Pflegetage á 7,45 Reichsmark und „Entbindungs-Unkosten“ in Höhe von 8 RM wurde eine Gesamtsumme von 82,50 RM fällig.

Dass sich über 88-Jährige melden, schien unmöglich zu sein. Schließlich wurde erst 1931 im St.-Joseph-Stift eine Entbindungsstation mit 15 Betten eingerichtet. Wenig erstaunlich deshalb, dass Geschäftsführer Torsten Jarchow von „einem maximal in Frage kommenden Alter von 88 Jahren“ sprach. „Es hat uns wirklich überrascht, dass sich tatsächlich Bremer gemeldet haben, die vor 1931 im Stift geboren wurden“, sagt Ladewig.

Geschichte muss ein wenig umgeschrieben werden

Womöglich muss die Geschichte des Hauses also ein bisschen umgeschrieben werden. Auch ohne reguläre Entbindungsstation scheinen Geburten schon in den 1920er-Jahren zum Klinikalltag gezählt zu haben. Insgesamt drei Fälle sind Ladewig bis jetzt zu Ohren gekommen. Und wer weiß, vielleicht meldet sich noch jemand, der dem 90-jährigen Wellbrock den Spitzenplatz streitig macht. „Die Suche ist jedenfalls noch nicht abgeschlossen“, betont Ladewig.

Die Anfänge der Klinik reichen bis in die späten 1860er-Jahre zurück. Die Bremer Katholiken suchten damals eine Pflegestätte für kranke Gemeindemitglieder. Als letzter Anstoß für die Krankenhaus-Gründung gilt eine Typhusepidemie, die Bremen 1868 heimsuchte. Von Anfang an sollte die Konfession bei der Aufnahme der Patienten keine Rolle spielen. „Bereits im ersten Jahr wurden weit mehr protestantische als katholische Kranke gepflegt“, heißt es in der Krankenhaus-Chronik.

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Seinen Betrieb nahm das St.-Joseph-Stift 1869 auf. Allerdings noch nicht am heutigen Standort, sondern in einem kleinen Gebäude an der Mittelstraße im Ostertor. Im Adressbuch von 1871 ist von einem „Haus der Krankenschwestern“ die Rede. Tatsächlich betreuten damals vier Franziskanerinnen aus Münster die Kranken.

Allerdings reichten die Kapazitäten schon bald nicht mehr aus, bereits 1873 zog die private Heilanstalt in ein neues Domizil am Deich in der Neustadt. Doch auch dort wurde es schnell zu eng, endgültige Abhilfe sollte ein eigenes Krankenhausgebäude auf der grünen Wiese schaffen. 1878 begannen die Bauarbeiten am heutigen Standort. 1881 konnte der Backsteinbau an der Schwachhauser Chaussee (heute Heerstraße) bezogen werden. Statt vorher 26 Betten standen jetzt 60 Betten zur Verfügung.

Mehrfache Erweiterung und Modernisierung

Seither ist die Einrichtung mehrfach erweitert und modernisiert worden. Als innovativer Trendsetter erwies sich das St.-Joseph-Stift, als es 1898 als erstes Krankenhaus in Deutschland eine Röntgenabteilung einrichtete, ein sogenanntes Strahlenkabinett. Zu Beginn der 1930er-Jahre bot die Klinik Platz für 500 Patienten, laut Chronik waren 80 Ordensschwestern waren in der Pflege beschäftigt.

Heute ist das St.-Joseph-Stift ein modernes Akutkrankenhaus mit 450 Betten. Rund 880 Mitarbeiter betreuen jedes Jahr mehr als 65 000 Patienten. In der Geburtshilfe kommen pro Jahr mehr als 2000 Babys zur Welt. Auf dem Gelände befinden sich drei Ärztehäuser mit niedergelassenen Fachärzten und medizinischen Dienstleistern, für 2019 ist der Bau eines weiteren Ärztehauses geplant.

Gefeiert wird das Jubiläum nicht nur an einem Tag, sondern mit diversen Veranstaltungen von März bis Juni 2019. Höhepunkt der Aktivitäten ist der Jubiläumstag am 11. Mai mit einem Festgottesdienst in der St. Johannis-Kirche und einem Empfang in der Oberen Rathaushalle – exakt 150 Jahre nach Unterzeichnung des Gründungsvertrages von 1869. Zusätzlich zeigt eine Fotoausstellung historische Aufnahmen zur Geschichte der Klinik, das nötige Hintergrundwissen liefert eine Publikation mit dem Titel „Wachsen und Werden – 150 Jahre St. Joseph-Stift Bremen“.

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Als bislang ältester bekannter St.-Joseph-Spross kann sich Wellbrock gute Chancen ausrechnen, als Ehrengast an den Geburtstagsfeierlichkeiten des Hauses teilzunehmen. Dass der 90-Jährige ein so gesegnetes Alter erreicht hat, dürfte auch glücklichen Umständen zu verdanken sein. Als 16-Jähriger war er kurz vor Kriegsende in einem Lager des Reichsarbeitsdienstes in Colnrade untergebracht. „Ende März 1945 wurde ich entlassen“, sagt er – nur anderthalb Wochen, bevor die Engländer einrückten. Der Einsatz beim Volkssturm, dem letzten Aufgebot der 16- bis 60-Jährigen, blieb ihm erspart.

Stattdessen schlug sich Wellbrock nach Gnarrenburg durch, wo seine ausgebombten Eltern untergebracht waren. „Nach Bremen konnte ich nicht mehr zurück, weil die Hammebrücke gesprengt war“, erinnert er sich. In einer Berufsgenossenschaft machte er nach dem Krieg Karriere, 1958 ließ er sich ins Ruhrgebiet versetzen und kehrte erst 1988 mit dem Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand nach Bremen zurück. Heute wohnt er im eigenen Haus in Lilienthal. Eine kleine Kuriosität am Rande: Auch seine Frau erblickte im St.-Joseph-Stift das Licht der Welt – allerdings zehn Jahre nach ihm.

Info

Zur Sache

Ältester St.-Joseph-Spross gesucht

Wer vor dem 5. Juni 1928 im St.-Joseph-Stift geboren wurde, kann sich gern melden unter der Telefonnummer 347 19 36, per E-Mail an presse@sjs-bremen.de oder postalisch beim Krankenhaus St.-Joseph-Stift Bremen, Presse, Schwachhauser Heerstraße 54, 28209 Bremen.

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