Verantwortliche fühlen sich im Stich gelassen Heftiger Streit um die „Seute Deern“

Das 101 Jahre alte Schiff tritt in Bremerhaven voraussichtlich in dieser Woche seine letzte Reise an – über den geplanten Nachbau wird noch gestritten.
23.03.2020, 07:23
Lesedauer: 4 Min
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Heftiger Streit um die „Seute Deern“
Von Jürgen Hinrichs

In dieser Woche ist es soweit, wenn das Wetter mitspielt. Dann soll in Bremerhaven die havarierte „Seute Deern“ ihre letzte Reise antreten. Die 101 Jahre alte Bark wird von einem Hafenbecken zum anderen zu ihrem Abwrackplatz geschleppt. Das ist ohne Alternative, da sind sich alle einig. Das Schiff hat einen konstruktiven Totalschaden erlitten, nachdem in der Nacht zum 1. September Wasser eingedrungen war. Einige Monate vorher hatte es an Bord einen Brand gegeben.

Heftigen Streit gibt es darum, wie und ob überhaupt der Verlust des Dreimasters kompensiert werden soll. Uwe Beckmeyer, der Koordinator für den geplanten Nachbau, fühlt sich in seinen Bemühungen von Teilen der Bremer Politik im Stich gelassen. Er spricht gegenüber dem WESER-KURIER von „Neid, Hilflosigkeit und politischer Naivität“ und meint damit insbesondere das Verhalten der Linken und Grünen.

„Ich habe zunehmend den Eindruck, dass die den Nachbau gar nicht wollen“, sagt Beckmeyer. Der SPD-Politiker und ehemalige Parlamentarische Staatssekretär beim Bundeswirtschaftsminister ist für seine neue Aufgabe von Wissenschaftssenatorin Claudia Schilling (SPD) beauftragt worden. Vorher hatte der Bund entschieden, für die neue „Seute Deern“ 46 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Hinzu kommen 1,1 Millionen Euro für die Sanierung des Feuerschiffs „Elbe 3“, das ebenfalls im Museumshafen liegt.

Was im Detail mit den Mitteln geschieht und wie insbesondere der Nachbau aussehen soll, steht noch nicht fest. Klarheit gibt es erst, wenn der Bewilligungsbescheid da ist. Der Senat rechnet damit nach eigenen Angaben in den nächsten Wochen. Beckmeyer ist skeptisch: „Das glaube ich nicht.“ Die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen. Entscheidend mitreden können die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, die das Geld gibt, und die Leibniz-Gemeinschaft, die in Bremerhaven das Deutsche Schifffahrtsmuseum mitträgt und damit zu den Eigentümern der „Seute Deern“ gehört.

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Als „höchst kontraproduktiv“ für diese Gespräche empfindet Beckmeyer, dass Grüne und Linke sich mit parlamentarischen Anfragen einmischen und dabei Wasser in den Wein gießen. Die Linken haben das im Bundestag getan. Bremens Abgeordnete Doris Achelwilm wollte wissen, warum der Bund sich nicht an den Kosten für die Bergung und das Abwracken der „Seute Deern“ beteiligt. Achelwilm kann das nicht nachvollziehen: „Das Schifffahrtsmuseum wird über die Leibniz-Gemeinschaft zur Hälfte vom Bund getragen, er ist deshalb formal mitverantwortlich für den Zustand der ,Seute Deern‘.“

Die Grünen reiben sich ebenfalls an den Kosten. In ihrer Anfrage an den Senat zielen sie darauf, dass kein Cent an Bremen hängen bleibt. Die Regierung aus SPD, Grünen und Linken antwortet entsprechend: „Bremische Mittel stehen nicht zur Verfügung.“ Das bezieht sich allerdings allein auf den Nachbau der „Seute Deern“ und weitere Investitionen in den Museumshafen. Die aufwendigen Vorbereitungen für die letzte Reise des Dreimasters, für Bergung und Begutachtung, sind mit 1,1 Millionen Euro vom Land Bremen und der Stadt Bremerhaven bezahlt worden.

Das ist nichts, worum sich Beckmeyer kümmern musste, wie er sagt. „Ich bin allein für das neue Schiff zuständig.“ Wird es aus Holz oder Stahl gebaut? Muss dafür eine Werft eingerichtet werden oder findet man woanders eine? Soll das Schiff schwimmen oder gar fahren können oder wird es an Land aufgestellt? Solche Fragen. Klar sei, so Beckmeyer, dass es nicht teurer werden dürfe als veranschlagt, da passe Berlin schon drauf auf: „Eine zweite Gorch Fock wollen wir nicht.“

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Der Nachbau soll dorthin, wo nur noch wenige Tage die „Seute Deern“ ist. Er wird Teil des Museumshafens sein. Die anderen Schiffe und Exponate dort sind in keinem guten Zustand, nicht nur das Feuerschiff „Elbe 3“. „Da ist Gefahr in Verzug“, sagt Beckmeyer. Er rechnet mit Kosten von drei bis vier Millionen Euro, um alle Exponate auf Vordermann zu bringen. Unklar ist noch, ob auch diese Ausgaben von den zugesagten Bundesmitteln gedeckt werden können. Schließlich die Unterhaltung: Das hat in der Vergangenheit schon nicht geklappt, und so ist es überhaupt erst zur Havarie der „Seute Deern“ gekommen. Beckmeyer kann sich vorstellen, dieses Problem mit Arbeitsmarktmitteln des Bundes und entsprechenden Trägern zu lösen.

Zunächst steht jetzt aber an, sich mit dem Original zu beschäftigen. Die „Seute Deern“, die als „Elisabeth Bandi“ 1919 ihre Jungfernfahrt unternommen hatte, muss dorthin verholen werden, wo sie abgewrackt wird – am Baltimore-Pier am südlichen Ende des Alten Hafens. Kein leichtes Unterfangen, so marode, wie das Schiff ist. Zuständig ist die staatliche Hafengesellschaft Bremenports. Sie hat nach eigenen Angaben mittlerweile alle erforderlichen Genehmigungen bekommen und wird die etwa dreistündige Schleppfahrt von Gutachtern beobachten lassen, damit im Fall der Fälle die Beweise gesichert sind. Es könnte ja durchaus etwas Unvorhergesehenes passieren.

Als Termin peilt Bremenports die Mitte der Woche an. Entscheidend, so das Unternehmen, seien die meteorologischen Bedingungen. Um die „Seute Deern“ in das andere Hafenbecken bugsieren zu können, muss der Wasserspiegel um mindestens einen halben Meter erhöht werden. Das geht nur, wenn genügend Flut aufläuft. Der Rumpf wird mit einer Folie umkleidet. Während des Transports sollen die Pumpen, die seit der Havarie in Gang sind, weiterlaufen. Masten trägt das Schiff schon länger nicht mehr. Eine traurige letzte Fahrt.

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