Stadtplanung

Heimatgefühle in Hochhaussiedlungen

Die Ausstellung „Protest+Neuanfang. Bremen nach 68“ läuft noch bis Juli 2018 im Focke-Museum. Mit Zeitzeugen und einem Dokumentarfilm richteten die Macher ihren Blick auf die Stadtplanung dieser Zeit.
11.01.2018, 15:30
Lesedauer: 3 Min
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Heimatgefühle in Hochhaussiedlungen
Von Timo Thalmann
Heimatgefühle in Hochhaussiedlungen

Das Focke Museum widmete einen Abend der Stadtplanung der 60er und 70er Jahre.

patricia brandt

Schwachhausen. „Das war die Zeit, als man glaubte, alles ist planbar“, resümiert Detlef Kniemeyer im Café 68 im Focke-Museum. Der ehemalige, langjährige Leiter des Bremer Stadtplanungsamtes spricht über die Siedlung in Osterholz-Tenever und die Jahre von 1969 bis 1974. „Im Grunde eine relativ kurze Phase, die aber tiefe Spuren hinterlassen hat.“ Er berichtet als Zeitzeuge in kleiner Runde von seinem „Aufbruch und Neuanfang nach 1968“, wie es im Untertitel der aktuellen Sonderausstellung heißt. Und er outet sich als Kritiker der damaligen Planung – auch in der Zeit der Entstehung. „Ich war aus vielerlei Gründen nicht überzeugt und seinerzeit noch einfacher Planer im Amt.“ Kniemeyers Entwürfe blieben bereits im Vorzimmer seines Chefs hängen, wie er sich erinnert „Aber immerhin, er hat mich freundlicherweise von dem Projekt entbunden.“ So kann er für sich in Anspruch nehmen, mit der Großwohnsiedlung Osterholz-Tenever nichts zu tun zu haben.

In der Rückschau ordnet er das Vorhaben als Teil eines Aufbruchs ein, der unbedingt etwas Neues schaffen wollte und dabei das rechte Maß verloren habe. „Das Ganze war zu groß, zu verdichtet, zu eng.“ Geplant wurde auch in Abgrenzung zur gut funktionierenden Neuen Vahr, die bei den Experten aber als „Schlaftstadt“ galt, ohne urbanes Leben. „Da wurde in Osterholz-Tenever anders gedacht, mit Einkaufsmöglichkeiten, Werkstätten, und Gastronomie. Es hat nur nie funktioniert.“ Die anfängliche soziale Durchmischung kam schnell ins rutschen. Galten die komfortablen Wohnungen mit ihren weiten Ausblicken zunächst auch bei Gutverdienern als attraktiv, zogen diese Mieter alsbald wieder aus. Es blieben die sozial schlechter gestellten Bewohner und das schlechte Image der Siedlung entstand. „Die Übernahmen der Objekte durch private Wohnungsbaugesellschaften taten dann ihr übriges“, meint Kniemeyer.

Die Wiederbelebung gelang nach seiner Einschätzung vor allem durch den Teilabriss und Auflockerung der Verdichtung. „Ursprünglich war der Verkehr ja in zwei Ebenen angelegt, mit getrennten Bereichen für Autos und Fußgänger - wurde auch nicht angenommen.“ Erst mit „normalen“ Straßen und Bürgersteigen begann eine Identifikation der Bewohner mit ihrer Siedlung.

Dass eine Großraumsiedlung mit eher schlechtem Image tatsächlich als Heimat empfunden wird, wurde im Anschluss an das Gespräch beim Film „13ter Stock“ deutlich. Er entstand 2004 in der Grohner Düne in Vegesack. Auch diese Hochhaussiedlung für über 1700 Bewohner wurde von 1969 geplant und gebaut. Den Filmemachern Florain Thalhöfer und Kolja Mensing ging es aber weniger um die stadtplanerischen Aspekte. Sie stellten die Bewohner in den Mittelpunkt ihres Filmprojekts, für das sie vier Wochen eine Wohnung in der Grohner Düne bezogen.

„Wir wollten mit den Nachbarn ins Gespräch kommen und die Geschichten sammeln, die die Menschen dort zu erzählen haben“, erläutert Tahlhofer den Ansatz. Herausgekommen ist kein linear erzählter Dokumentarfilm, sondern ein für das Internet aufbereitest Filmmosaik, bei dem der Bildschirm stets neue Clips anbietet, die erst nach und nach eine Gesamterzählung ergeben. Das war vor 14 Jahren durchaus innovativ und wurde 2006 auf dem Stuttgarter Filmwinter auch mit dem IBM Preis für neue Medien ausgezeichnet. Im Focke-Museum wurden an die rund 70 Zuschauer eigens Laserpointer verteilt, mit denen auf den jeweils nächsten gewünschten Filmschnipsel gedeutet wurde. Die Mehrheit des Publikums entschied so, wie es weitergeht.

Die Filmemacher haben nicht journalistisch gearbeitet. Eine aufklärerische und im Nebeneffekt bisweilen denunziatorische Ausleuchtung des Lebens in einer sozialer Randlage wurde vermieden. Die Erzählungen der Bewohner bleiben weitgehend unkommentiert, sodass es dem Zuschauer überlassen bleibt, seine Schlüsse zu ziehen. Dass die gelieferten Filmclips zwangsläufig zufällig ausgewählt sind und nur Ausschnitte der Wirklichkeit sein können, machen die Filmer ebenfalls deutlich.

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