"Die Überwindung der Schwerkraft" Heinz Helle erhält Bremer Literaturpreis

Autor Heinz Helle wird am Montag in der oberen Rathaushalle für seine Buch "Die Überwindung der Schwerkraft" geehrt. Er erhält den mit 6000 Euro dotierten Förderpreis.
27.01.2019, 19:40
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Heinz Helle erhält Bremer Literaturpreis
Von Katharina Frohne

Eigentlich, sagt Heinz Helle über sich, sei er ein Gutgläubiger. Einer, der seiner kleinen Tochter sagen wolle: Wird schon alles wieder, keine Angst. Dabei weiß Helle natürlich: Das stimmt nicht, es gibt viel Schlechtes auf der Welt, keine ausgleichende Gerechtigkeit, keine Happy-End-Garantie. Wie also weitermachen? Wie leben inmitten dieses Widerspruchs von Hoffnung und Realismus?

Helle hat ein Buch über diese Fragen geschrieben. Es heißt „Die Überwindung der Schwerkraft“, was viel zu fluffig klingt für die Schwere der Themen, die es verhandelt. Helle, Jahrgang 1978, ist promovierter Philosoph, studierte in München und New York, später am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel.

Drei Romane hat er geschrieben, mit dem zweiten, „Eigentlich müssten wir tanzen“, schaffte er es auf die Kandidatenliste für den Deutschen Buchpreis. In all seinen Büchern kreiert Heinz Helle Welten und Szenerien, die es erlauben, grundsätzliche Fragen zu wälzen, auf den Rätseln des Daseins rumzudenken. In „Eigentlich müssten wir tanzen“ lässt er eine Gruppe junger Männer ein Wochenende auf einer Berghütte verbringen.

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Als sie ins Tal zurückkehren, ist die Welt eine andere, die Ortschaften sind verwüstet, die Menschen geflohen oder tot, ihre Zuhause geplündert, die Autos ausgebrannt. Die Männer versuchen zu überleben, suchen nach einem Grund, am Leben zu bleiben, wenn alles, was einmal das Leben ausgemacht hat, plötzlich nicht mehr da ist.

Eine Nacht in der Kneipe

In seinem neuen Buch hat Helle eine andere Szenerie gewählt, aber eine nicht weniger dramatische: die Kneipe. Zwei Halbbrüder ziehen nachts durch Münchner Bars. Theaterklause, Flaschenöffner, Bachwirt, Sunshine Pub. Der Jüngere will gehen und kommt nicht los, der Ältere redet und redet. Sie trinken Bier. Viel Bier. Sehr viel Bier. Mit dem Rausch fallen, man kennt das, alle Hemmungen. Zu Themen, die sonst lächerlich groß erscheinen, glaubt man plötzlich, sehr viel zu sagen zu haben.

Es geht um Nationalismus, um Egoismus, um den belgischen Kinderschänder und Serienmörder Marc Dutroux, um Stalingrad, darum, wo die Grenze verläuft zwischen Einzelperson und Gesellschaft. Und immer auch um die Frage, ob es eigentlich zu verantworten ist, einen unschuldigen Menschen in diese verlorene, verrohte Welt zu setzen.

Heinz Helle erzählt diese Kneipennacht in seinem Buch als Rückblende. „Bald bin ich so alt, wie mein Bruder war, als er starb“, lautet der erste Satz des Romans. Der Ältere, das ist von Anfang an klar, wird nicht mehr lange leben. Seinen Worten verleiht das ein besonderes Gewicht, jedes wird eines seiner letzten sein.

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Vielleicht schreibt Helle deshalb, als hätte er es eilig. Auf 200 Seiten gibt es keine Kapitel, keine Absätze, einige der Sätze erstrecken sich über mehrere Seiten. Die Erzählung fließt dahin, Gesagtes und Gedachtes blenden ineinander, erinnerte Bilder rauschen vorüber. Ein Nachmittag an der Isar, die Lichter eines Motels in Albuquerque.

An Rhythmen feilen

Zu schreiben habe für ihn etwas von musikalischer Komposition, hat Helle einmal gesagt. Seine Texte schreibt er nicht in einem durch, er feilt an ihren Rhythmen, verschiebt, arrangiert, baut um, beschleunigt. Es spricht für Heinz Helles erzählerische Fähigkeiten, dass das, was zweifellos harte Arbeit ist, sich so leicht lesen lässt.

Seine Sprache trägt durch den Text, vorbei an Sätzen, die man sich herausschreiben und die man später noch einmal lesen möchte, weil man ihrer nicht gerecht wird, wenn man sie nur im Vorbeifliegen streift. So wie dieser: „Geschichte, sagte er, sei der jeden Tag in jedem Gehirn von Neuem stattfindende Prozess, eine Ordnung herzustellen zwischen den bereits irgendwo abgelegten und verschieden schnell verblassenden Eindrücken sowie dem neuen, immerzu einströmenden Jetzt.“

Auch die Jury des Bremer Literaturpreises würdigt diese Gabe. Für „Die Überwindung der Schwerkraft“, erschienen im Suhrkamp-Verlag, hat sie Heinz Helle den mit 6000 Euro dotierten Förderpreis verliehen, der in den vergangenen Jahre etwa an Juli Zeh, Saša Stanišić oder Joachim Meyerhoff ging.

In ihrer Begründung schreibt die Literaturpreis-Jury, die sich aus den Mitgliedern Barbara Lison, Wiebke Porombka, Daniela Strigl, Richard Kämmerlings, Lothar Müller, Michael Sieber und Stefan Zweifel zusammensetzt: „In einer ebenso suggestiven wie präzisen Prosa erzählt Helle die Geschichte zweier ungleicher Brüder. Den Sog des Untergangs, in dem einer der beiden verschwindet, verwandelt Heinz Helles ausgreifende Sprachbewegung in ein zärtliches Erinnerungsbild.“

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