Beitrats-Beschluss sorgt für Irritation Hells Angels spalten Bremer Politik

Sprachlos, entsetzt, irritiert – so reagierten innenpolitische Sprecher mehrerer Bürgerschaftsfraktionen auf den Beschluss des Beirats Walle zu den Aktivitäten der Hells Angels im Bremer Stadtteil.
17.09.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jan Oppel und Elke Gundel

Bremen. Sprachlos, entsetzt, irritiert – so reagierten die innenpolitischen Sprecher der Bremer Bürgerschaftsfraktionen von SPD, Grünen, CDU und Linken auf den Beschluss des Beirats Walle zu den Aktivitäten der Hells Angels im Stadtteil.

Selbst Beiratssprecher Wolfgang Golinski (SPD) bezeichnete sein Abstimmungsverhalten und das seiner Fraktionskollegen als unglücklich. Das Thema werde nun noch einmal aufgearbeitet.

Wie berichtet, wollte das Stadtteilparlament die zuständigen Behörden Inneres und Bau mit einem Antrag von SPD, Grünen und Linken auffordern, „die Aktivitäten des Rockerklubs“ in der Gaststätte „Parzelle Eins“ am Rande eines Kleingartengebiets „zu verhindern“. Nach dem Auftritt mehrerer „Hells Angels“-Mitglieder in der Sitzung, die behaupteten, sie hätten sich in dem Lokal nur zum Kaffeetrinken getroffen, wurde der Antrag jedoch abgemildert und einstimmig beschlossen. Statt „zu verhindern“ heißt es nun „zu begleiten“. Bei Fachleuten sorgt das für Fassungslosigkeit. „Wie naiv kann man eigentlich sein?“, fragte sich ein Beobachter.

„Ich bin irritiert“, sagte der innenpolitische Sprecher der grünen Bürgerschaftsfraktion, Wilko Zicht. Das, was am Donnerstagabend im Beirat Walle passiert ist, werde am Montag Thema in der Sitzung der grünen Landtagsfraktion sein. „Ich bin entsetzt“, betonte Kristina Vogt, innenpolitische Sprecherin der linken Bürgerschaftsfraktion. Schließlich gehe es bei vielen Aktivitäten der Hells Angels um organisierte Kriminalität. Darüber hinaus habe der Rockerclub Kontakte in die rechtsextreme Szene. Deshalb sei die Linie ihrer Partei in Bremen eindeutig: Die Hells Angels seien kein harmloser Motorradclub, das konsequente Vorgehen von Innenbehörde und Polizei gegen den Verein sei richtig. Auch ihre Fraktion werde sich am Montag mit den Vorfällen im Beirat Walle befassen.

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Beiratssprecher Golinski sagte zum Verhalten der SPD-Mitglieder im Beirat: „Man darf an dieser Stelle eigentlich nicht wackeln.“ Zumal ihn im Vorfeld viele Bürger aus Walle angerufen hätten mit der Aufforderung, den Rockerclub in die Schranken zu verweisen. Der „fulminante Auftritt“ von Michael Wellering, der sich als Chef der Hells Angels Charter MC West Side vorstellte und als Zuschauer mehrere Minuten lang redete, habe dann aber zu einer erneuten Diskussion im Beirat geführt. „Das kam für mich überraschend.“ Da er sich nicht sicher gewesen sei, ob der ursprüngliche Antrag noch eine Mehrheit finden würde, hätten die SPD-Mitglieder „notgedrungen“ die abgeschwächte Fassung mitgetragen. Sükrü Senkal, innenpolitischer Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, vermutet, dass der Auftritt der Hells Angels einschüchternd war. Deshalb wolle er das Verhalten des Beirats nicht vorschnell verurteilen. Der Beschluss ändere nichts daran, dass in Bremen „null Toleranz“ im Umgang mit dem Rockerclub gelte. Diese Linie sei richtig. Jedoch gelte es, sich auf das Verhalten der Hells Angels einzustellen. Offensichtlich versuche der Verein inzwischen, Gremien wie den Beirat für seine Interessen zu instrumentalisieren.

Der innenpolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Wilhelm Hinners, betonte, die Hells Angels seien alles andere als harmlos. Deshalb seien ihre Aktivitäten in Walle kritisch zu betrachten. Er werde daher das Gespräch mit Jürgen Diekmeyer suchen. Der CDU-Mann hatte im Beirat gesagt, er habe die Rocker als „ganz normale Familienväter und Selbstständige“ kennengelernt.

Michael Wellering war laut Innenbehörde einst Chef der Bremer Hells Angels, allerdings nicht mehr in dieser Position, als der Verein im Sommer 2013 verboten wurde. Das „Charter MC West Side“ sei dagegen als Verein in Delmenhorst registriert. Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin von Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD), sagte, die Polizei werde einen intensiven Austausch mit dem Beirat suchen und die Stadtteilpolitiker über die Erkenntnisse der Ermittler informieren. Eine „bürgerliche Fassade“ biete nie die Gewähr dafür, „dass sich ein Mensch rechtmäßig verhält“.

Andree Lehmann, Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität, zeigte sich von dem Auftritt der Rocker geschockt. Ihm sei die Kaffeetasse aus der Hand gefallen, als er von den Reaktionen der Lokalpolitiker im WESER-KURIER gelesen habe. Lehmann kündigte an, am Gesetz orientiert und mit allen Mitteln gegen die Hells Angels vorgehen zu wollen. Nur so sei möglich, neue Zusammenstöße mit rivalisierenden Clubs zu verhindern.

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