Stadtteilserie: Folge 2 Hemelingen - Leben zwischen Dörfern und Großindustrie

Bremen. Hemelingen ist der vielleicht vielschichtigste Stadtteil Bremens. Er vereint dörfliches Leben mit Großindustrie und hochinnovativen Projekten. Aber er wird auch zerschnitten von breiten Straßen und Eisenbahnlinien, die wie Grenzen wirken.
15.09.2010, 07:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Arno Schupp

Bremen. Hemelingen ist der vielleicht vielschichtigste Stadtteil Bremens. Er vereint dörfliches Leben mit Großindustrie und hochinnovativen Projekten. Aber er wird auch zerschnitten von breiten Straßen und Eisenbahnlinien, die wie Grenzen wirken. Und im Stadtteil zeigen sich noch immer Spuren einer tatsächlichen Grenze, die gezogen wurde, als sich Bremen Mitte des 19. Jahrhunderts weigerte, dem Deutschen Zollverein beizutreten.

Hemelingen gehörte damals zum Königreich Hannover, das sich 1854 dem Deutschen Zollverein angeschlossen hat. Da Bremen sich zu diesem Schritt nicht durchringen konnte, entstand zwischen Hemelingen und der Stadt Bremen eine Zollgrenze. Viele in Bremen ansässige Betriebe sahen darin einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil und zogen in das damals dünn besiedelte Hemelingen.

Mit der Zahl der Betriebe wuchs auch die wirtschaftliche Kraft Hemelingens – die übrigens auch heutzutage noch enorm ist: Der Stadtteil bietet rund 45.000 Arbeitsplätze „und erwirtschaftet damit etwa 20 Prozent des bremischen Steueraufkommens“, sagt der Hemelinger Ortsamtsleiter Ullrich Höft.

Früher fuhr man „nach Bremen“

Hemelingen besteht aus den fünf Ortsteilen Hastedt, Sebaldsbrück, Hemelingen, Arbergen und Mahndorf. Wer den Stadtteil von der Landesgrenze aus erkundet, beginnt im südöstlichsten Zipfel der Stadt – in Mahndorf, dem Quartier von Thomas Prieser. Seit 29 Jahren leitet er das direkt am Mahndorfer Bahnhof gelegene Bürgerhaus. Der 62-Jährige kennt den Ortsteil, und weiß um die Eigenheiten der Mahndorfer, von denen einige immer noch sagen, sie fahren „nach Bremen“, wenn es in Richtung Innenstadt geht.

Mahndorf ist ein ruhiger Ortsteil, in dem es abgesehen von einer Hochhaussiedlung am Übergang zum Nachbarortsteil Arbergen, fast nur Einfamilienhäuser gibt. Der Ortsteil besticht vor allem mit seinem Baggersee, der sicherlich zu den schönsten der Stadt zählt. Dieses Gewässer ist auch Austragungsort der Badewannenregatta, die seit 2009 Badewannenboot-Konstrukteure aus dem ganzen Stadtteil und von Orten weit darüber hinaus an den Baggersee lockt.

Mahndorf, das hieß für den Rest Hemelingens vor ein paar Jahrzehnten noch „die hinter dem Tunnel“, denn fast genau auf der Grenze zwischen den beiden Ortsteilen wird die Heerstraße von der Eisenbahnlinie Osnabrück-Rotenburg gekreuzt. Früher stockte vor dem Tunnel nicht nur der Verkehr, sondern auch der Austausch der Ortsteile. „Das hat sich inzwischen jedoch geändert“, sagt Prieser. „Der Tunnel hat Löcher bekommen, es geht mehr hindurch, Mahndorf und der Rest Hemelingens wachsen zusammen.“ Das ist auch Nina Füllers Eindruck – und dafür zu sorgen, dass dieser Prozess nicht wieder ins Stocken gerät, ist der Job der Stadtteilmanagerin.

Aus der Taufe gehoben wurde das Stadtteilmarketing 2003 mit Unterstützung der Europäischen Union. Ursprünglich sollte die neue Einrichtung nur das Image des Ortsteils Hemelingen verbessern. 2009 wurden die Aufgaben auf den kompletten Stadtteil ausgeweitet – ein überfälliger Schritt, um den Stadtteil zusammenzuschmieden, wie Ortsamtsleiter Höft heute sagt.

Eines der wichtigsten Instrumente beim zusammenschmieden der so unterschiedlichen Ortsteile sind Veranstaltungen, die heute im ganzen Stadtteil bekannt werden. „Schließlich sind es die feste, auf denen sich die Menschen begegnen“, sagt die Stadtteilmanagerin. Feste wir die Badewannenregatta zum Beispiel, oder der Arberger Dorfmarkt, „der inzwischen auch von Menschen aus anderen Ortsteilen besucht wird“, sagt Nina Füller.

Der einmal im Jahr stattfindende Dorfmarkt ist so etwas wie der kulturelle Höhepunkt Arbergens, des nächsten Ortsteils auf dem Weg Richtung Stadtzentrum. Wahrzeichen des noch dörflich anmutenden Ortsteils ist die alte Mühle, die gerade restauriert wird und künftig Zentrum eines Wohnprojekts sein wird, das vor allem ein Attribut verdient: ultramodern.

Die Bremer Heimstiftung plant auf dem Arberger Mühlenberg ein Modellvorhaben, bei dem es einfach gesagt um „intelligente Wohnungen“ geht. Diese mit reichlich Sensoren ausgestatteten Wohnungen werden ihren Bewohnern etwa bei der Steuerung von elektrischen Geräten helfen, sie werden das Verhalten ihrer Bewohner kennen, und wenn etwas nicht in Ordnung ist, Hilfe holen.

Von der Mühle geht es die Heerstraße einen Hügel hinauf, auf dem die prächtige St.-Johannis-Kirche mit dem Turm aus dem 11. Jahrhundert und einem Kirchenschiff von 1719 thront. Von dort führt die Heisiusstraße runter zum dem Platz, auf dem freitags der Wochenmarkt und einmal im Jahr der große Dorfmarkt stattfindet.

Mühle und Kirche sind lebendige Geschichte, wie es sie auch andernorts noch gibt im Stadtteil. Im Ortsteil Hemelingen zum Beispiel, dem nächsten Stopp auf der Reise durchs Quartier. Bereits in der 19. Generation betreibt die Familie von Eckart Hoehne den Stackkamp-Hof, der sich auf die Eier-Produktion spezialisiert hat. Verkauft werden sie in der ganzen Region und natürlich auch im eigenen Hofladen.

Der etwas abseits der Hemelinger Heerstraße gelegene Bauernhof hat eine wichtige Funktion im Quartier, denn hier findet seit ein paar Jahren die Hemelinger Gewerbeschau statt, „auf der in diesem Jahr erstmals Aussteller aus allen Ortsteilen präsent sein werden“, sagt Nina Füller. Auch das ein Zeichen, dass sich die Ortsteile begegnen.

Weiter Richtung Innenstadt verändert der Ortsteil Hemelingen sein Gesicht. Es wird quirliger, mehr und mehr Geschäfte flankieren die Heerstraße, bis man sich schließlich einer der großen Straßen nähert, die diesen Stadtteil zerschneiden. Es ist der Autobahnzubringer Hemelingen, hinter dem sich die maritime Seite des Quartiers zeigt – dort, wo jedes Jahr im Herbst die Hafentage stattfinden.

Wirtschaftliche Schwergewichte

Im ab Mitte des 19. Jahrhunderts industrialisierten Ortsteil Hemelingen haben auch heute noch bekannte Firmen ihren Sitz. Coca Cola beispielsweise, oder die Wilkens & Söhne GmbH, um nur zwei zu nennen. Beinahe um die Ecke, im Nachbarort Sebaldsbrück, kommen mit dem Mercedes-Werk, Atlas Elektronik und Rheinmetall-Defence oder dem Fleischfabrikanten Köneke noch andere wirtschaftliche Schwergewichte hinzu, was im Laufe der Jahre besonders auf den Straßen zu Konflikten geführt hat.

Um diese Konflikte zu lösen, hat der Senat ein umfangreiches Sanierungsprogramm für Hemelingen aufgelegt, mit dem die Wohnbereiche entlastet werden sollten. Zentrales Projekt dabei war der Hemelinger Tunnel von der Sebaldsbrücker Heerstraße bis zum Autobahnzubringer. Seit es diesen Tunnel gibt, ist es auch in Sebaldsbrück wieder ruhiger geworden.

Davon profitiert auch Sebaldsbrück, ein Ortsteil, in dem die Bahn wie schon in Mahndorf Segen und Fluch zugleich ist: Auf der einen Seite sind die beiden Ortsteil-Bahnhöfe wichtige Verkehrsknotenpunkte, doch die dazugehörigen Gleise sind wie Grenzen, sie zerteilen den Stadtteil und schneiden Mahndorf wie auch Sebaldsbrück ab.

Doch Sebaldsbrück braucht die Eisenbahn. Der Ortsteil beheimatet einen Großteil der Wirtschaftskraft Bremens, wobei die Betriebe fast ein Drittel der Fläche des Ortsteils einnehmen. Doch schon ein paar Meter weiter zeigt sich das zweite Gesicht Sebaldsbrücks: Es gibt ruhige Siedlungen, die Galopprennbahn, das Museum der Geschichte der Bremer Straßenbahnen, den Schlosspark und gleich nebenan das Schlossparkbad.

Weiter auf dem Weg in die Innenstadt liegt der fünfte Ortsteil Hemelingens: Hastedt. Zwischen Osterdeich und Stresemannstraße präsentiert sich dieser Ortsteil als eine Mischung aus traditionellen Bremer Häusern und eher funktional ausgerichteten Häuserreihen, mit einem historischen Gewerbegebiet rund um den Spitzbunker an der Pfalzburger Straße und den ausgedehnten Gewerbeflächen an der Stresemannstraße.

Hastedt besticht unter anderem mit seinem jüdischen Friedhof, der an der Deichbruchstraße liegt. Und in Hastedt steht ein Bauwerk, das für die ganze Stadt außerordentlich wichtig ist. Es ist das Weserwehr, das den Wasserstand auf Bremens Lebensader reguliert.

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