Der Bremer Designer hat sich auf Farbe in der Architektur spezialisiert und kümmert sich um Betonwüsten Herr Schilling und seine Filzstifte

Wie man Betonwüsten sanieren und wohnlicher gestalten kann, das weiß Hans-Albrecht Schilling. Der Bremer ist Designer und Spezialist für Farbgestaltung in der Architektur. Unzähligen Fassaden hat er in den vergangenen Jahrzehnten ein neues Gesicht gegeben.
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Herr Schilling und seine Filzstifte
Von Silke Hellwig

Wie man Betonwüsten sanieren und wohnlicher gestalten kann, das weiß Hans-Albrecht Schilling. Der Bremer ist Designer und Spezialist für Farbgestaltung in der Architektur. Unzähligen Fassaden hat er in den vergangenen Jahrzehnten ein neues Gesicht gegeben.

Wer so viel mit Farben zu tun hat wie Hans-Albrecht Schilling, braucht vermutlich einen Ausgleich, dessen Augen brauchen gelegentlich Ruhe. Womöglich dominiert deshalb keine Farbe Schillings Büro, sondern die Abwesenheit von Farbe. Es ist schlicht und elegant, hell, mit viel Weiß und etwas Schwarz eingerichtet. Am Fenster steht ein enormer, weißer Doppel-Schreibtisch mit schlichten Stahlbeinen und glänzender Oberfläche, darauf ein großer Computer-Bildschirm. Das Team, mit dem sich der Designer in der ganzen Republik einen Namen gemacht hat, ist klein: Schilling, seine Frau Doris und die Innenarchitektin Julia Hübotter.

Weiß, ja, Weiß muss sein, sagt Hans-Albrecht Schilling: „Weiß ist der Grund, darauf spielt sich alles ab.“ Auch an seinem Arbeitsplatz. An einer Wand hängen Farben, gerahmt, auf kleinen Flächen und in Dutzenden von Nuancen. Das sind Schillings Farben, seine Kreationen. Rund 800 Schilling-Farben gibt es. Sie beginnen mit einem S, Ziffern folgen, manchmal auch Buchstaben. „Ich habe die Nummern verbraucht, jetzt müssen Buchstaben hinzukommen“, sagt Schilling. Für ein neues Projekt mischt Schilling seine Farben oft neu, die Serien entstehen mit dem Pinsel und ohne Computer. S 171 verwendet Schilling am häufigsten – ebenfalls ein Weiß, „als Grundlage und Verbindung“. Denn Farbe diene der Architektur und dürfe kein Selbstzweck sein. Farbe sei auch nicht dazu da, schlechte Architektur zu übertünchen. Viel helfe nicht viel, auch nicht in der Architektur. „Mir geht es nicht um die Farbe an sich“, sagt der Designer, „ich will mit Farbe das Optimale der Gebäudestruktur herausholen“.

An der Schrankwand lehnen Pläne: Hamburg, Mümmelmannsberg, sozialer Wohnungsbau, Betonquader, auf den Zeichnungen strukturiert durch farbige Flächen sowie durch zeitgemäße An- und Vorbauten. Auf einer Karte umfährt der Bremer Designer mit dem Zeigefinger die Grenzen des enormen Projekts, in das er gerade eingebunden ist – und noch lange eingebunden bleibt. Es geht um Gebäude mit mehr als 4000 Wohnungen, und Schilling sagt: „Das dauert noch 15 bis 20 Jahre. Ich werde nicht mehr erleben, dass alles fertig ist.“

Tatsächlich ist Hans-Albrecht Schilling 85 Jahre alt, aber voller Elan, Humor und Geist. Das Magazin „brandeins“ attestierte ihm: „Mit seinen hellwachen Augen und dem wilden weißen Haarkranz wirkt er mindestens ein Dutzend Jahre jünger, sein Arbeitseifer würde jedem 40-Jährigen zur Ehre gereichen.“

Wie in vielen anderen Städten zuvor saniert Schilling in Hamburg gemeinsam mit Architekten die Betonwüste. Quartiere sollen entstehen, differenziert auch durch Farbe, die Bewohner sollen in der Steinwüste ein Zuhause finden, das nicht erst in den eigenen vier Wänden beginnt. „In der öffentlichen Meinung ist Mümmelmannsberg ein heruntergekommener Stadtteil“, sagt Schilling, „aber es ist eigentlich ein sehr schöner – es fehlt ihm nur an menschlichem Flair.“

Wie viele Fassaden er im Laufe der Jahre überarbeitet hat, wie viele Entwürfe er für Neubauten, für das Innere, für das Äußere gemacht hat – er hat sie nicht gezählt. Hunderte sind es gewiss. Schillings Lieblingsobjekt? „Die Vahr, weil ich sie wirklich ganz genau kenne. Deshalb ist es das Objekt, das mir am nächsten ist.“ Erfolgserlebnisse hat Schilling aber auch reichlich außerhalb Bremens gesammelt: „Bei einem Sanierungsprojekt in Halle lebten in dem Gebäudekomplex noch zwölf Leute, sonst war er verlassen. Als ich später zurückkehrte, wurde ich auf der Straße gefragt, ob ich wüsste, wie man an eine Wohnung kommt – denn alles war vermietet.“

Schilling will nicht nur gestalten. „Mich haben immer auch die sozialen Fragen interessiert.“ Es sei ein Segen, dass die Gewoba in städtische Hand sei und andere Maßstäbe an ihre Arbeit anlege als sogenannte Heuschrecken. „Schönheit ist ein sittlicher Wert“, sagt Schilling. Wer seinen Mieter Schönheit und Annehmlichkeit biete, schütze sich besser vor Vandalismus als es mit einem Wachdienst je möglich sei.

„Die Gewoba ist meine Heimat“, sagt Schilling. Sie engagierte ihn als jungen Burschen im Alter von 23 Jahren. An der Seite von Ernst May, Günther Hafemann und Max Säume war er in die Gestaltung der Wohnanlagen in der Vahr eingebunden. Viele Architekten könnten wunderbar mit Stoffen und Formen umgehen, sagt Schilling, aber nicht unbedingt mit Farbe. Wer mit Farbe gestalten wolle, müsse sich eine klitzekleine Farbfläche auf einem Plan auch in der realen Dimension vorstellen können. Schilling kann, er hat die Kunstakademie besucht, in der zwölfte Klasse das Alte Gymnasium verlassen. Sein Vater, ein Mediziner, war der Ansicht, dass das in einer Familie mit fünf Kindern zu ertragen sei.

Schilling steckt voller Anekdoten; erzählt von einem falsch übermittelten Farbnamen, „S 746 statt S 246 und in Leherheide in Bremerhaven tauchte ein Kesselwagen mit Dunkelviolett auf – statt eines Sandtons. Wenig später waren viele Kleingartenhäuser um Leherheide Violett gestrichen, weil die Farbe wahrscheinlich günstig abgestoßen wurde.“

Die Branche ändere sich, sagen Schillings. Die Industrie biete als Service an, was Schillings Profession ist. Unter einer anderen Prämisse selbstverständlich, nämlich der, Farbe zu verkaufen. Auch wenn Schilling nicht den Eindruck erweckt, sich allzu große Zukunftssorgen zu machen – ein Leben ohne Arbeit mit Farben scheint für ihn undenkbar. Er hat gerade mit einem weiteren Projekt begonnen – er gestaltet in Bad Aibling eine Kaserne zu einem Hotel um. Schilling ist nicht nur für die Fassaden- oder Eingangsgestaltung zuständig, sondern obendrein für das komplette Design – bis hin zu den Lampen vor der Tür und den Servietten. Ein neues Terrain.

Früher hat Schilling auch auf andere Weise auf sich aufmerksam gemacht – mit Kunst am Bau, wie in der Aula des Berufsbildungszentum (Block B) oder dem Fries am Sitz der Bildungssenatorin. Das Ressort prüft, ob er saniert werden kann oder schlimmstenfalls verschwinden soll. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Schilling-Kunstwerk aus dem Stadtbild verabschiedet „Das meiste, das ich gemacht habe, ist weg“, sagt er, ohne Gram. „Vieles waren auch wirklich Jugendsünden.“ Den Fries zählen er und andere Experten nicht dazu. Er habe seine Berechtigung als ein Zeugnis seiner Zeit. „Die Frage ist hier wirklich: Ist das Kunst oder kann das weg?“, sagt Schilling, holt tief Luft und lacht.

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