Serie: Kurz die Welt retten - Teil 4

Herr Siemering gewinnt sein eigenes Saatgut

In unserer Serie "Kurz die Welt retten" besuchen wir dieses Mal den Garten eines Bremer Selbstversorgers und fragen Carsten Siemering, warum er Gemüse aus selbst gezogenem Saatgut anbaut.
31.03.2019, 15:41
Lesedauer: 3 Min
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Herr Siemering gewinnt sein eigenes Saatgut
Von Patricia Brandt
Herr Siemering gewinnt sein eigenes Saatgut

Carsten Siemering gehört zu den Kleingartenrebellen und legt Wert auf organisches Gärtnern.

Frank Thomas Koch

Hinter einer Hecke aus dunkelgrünen Koniferen verbirgt sich das klimafreundliche Selbstversorger-Paradies von Carsten Siemering. Der Findorffer kauft selten ein: Er zieht Tomaten und Kürbisse aus eigenen Gartenpflanzen und tauscht Ernteüberschüsse im Tauschladen gegen Reis andere Lebensmittel ein.

Am Maschendrahtzaun zum Nachbargarten scharren ein paar Hühner. Sie kommen neugierig näher, als Carsten Siemering seine Gemüsebeete zeigt. Es gibt kaum einen freien Flecken, an vielen Stellen machen sich neben Schwarzwurzeln, Spinat und Porree Wildkräuter breit. „Dadurch, dass ich akzeptierender Gärtner bin, habe ich mehr Wildkräuter als andere“, sagt der 57-Jährige, der an diesem Tag einen Fleecepulli und Arbeitshose trägt. Ihn stört das Begleitgrün nicht: „Die Wildkräuter stehen als Insektenweide zur Verfügung und sind bei mir für die Bodenverbesserung zuständig.“ Löwenzahn zum Beispiel lockere durch seine langen Pfahlwurzeln den Boden auf.

Von Beruf Lebenskünstler

Wenn man Carsten Siemering nach seinem Beruf fragt, dann nennt er sich einen Lebenskünstler. Als Autodidakt hat er sich Gartenwissen angeeignet und weiß viel über die Vermehrung von Obst und Gemüse. In Seminaren und Workshops gibt der Ayurveda-Therapeut und freie Dozent für Natur und Umweltbildung sein Wissen weiter: Der Trend, dass kein Gemüse mehr im Kleingarten angebaut werde, sei bereits wieder überholt. „Gartenzwergmentalität – das ist mal gewesen. Es gibt immer mehr Menschen, die den Nachhaltigkeitsgedanken verfolgen. Sie wollen wissen, woher das Gemüse kommt, sie wollen es selber angefasst und in die Erde gebracht haben“, hat Carsten Siemering beobachtet.

Der Anbau von Gemüse aus selbst gewonnenem Saatgut hätte viele Vorteile. Sie seien robust und dem regionalen Standort angepasst. Anders als in Super- oder Baumärkten gekauften Samentütchen mit dem Aufdruck „Hybrid“ oder „F1“. Dann, sagt Carsten Siemering, stamme das Saatgut aus dem Labor. Dieses Saatgut bringe oft Pflanzen hervor, deren Saatgut nicht zuverlässig vermehrt werden könne. Und die Pflanzen seien häufig von kümmerlichen Wuchs, meint er. Der Gemüseanbau mache viel Arbeit und setze auch einiges Wissen voraus: Bei Tomaten zum Beispiel sei es unerlässlich, die Samen für einige Tage in ein Wasserglas einzulegen. „Die Tomatensamen haben eine keimhemmende Schutzschicht, die sich erst bei Gärung im Wasser zersetzt.“ Erst fühlten sich die Samen glitschig an, danach würden sie leicht rau. Dann könnten sie getrocknet werden. Hier käme es auf das „Wie“ an, sagt der Kleingärtner: „Nicht auf der Heizung trocknen, nicht in der prallen Sonne.“

Samen an der Leine

Carsten Siemering empfiehlt, die Samen in einem Tee- oder Kaffeefilter an die Leine zu hängen. „Das hat den Vorteil, dass man den Filter auch gleich beschriften und den Wind zu Hilfe nehmen kann.“ Zur Aufbewahrung der Samen nutzt er alte Filmdosen.

Im Garten des Selbstversorgers im Kleingartengebiet Union in Walle finden viele Dinge Verwendung, die andere entsorgen würden. Auf der Terrasse am Parzellenhäuschen glänzen ausgebaute Waschmaschinentrommeln in der milden Frühjahrssonne. Die will Carsten Siemering später im Jahr nutzen, um seine Ernteerträge zwischenzulagern. Stichwort Erdmiete: Dafür seien in den Boden eingegrabene Waschmaschinentrommeln perfekt geeignet.

„Alles, was ich verwende, ist recycelt, geschenkt oder getauscht.“ Aus alten Betonsteinplatten, die im Kleingartengebiet übrig waren, hat er vor dem Parzellenhäuschen eine Kräuterspirale gebaut.

Dreidimensionales Gärtnern

Ganz in der Nähe der Terrasse ragt ein Gerüst aus Bambusstäben und Maschendraht empor. Carsten Siemering nennt es „ein Experiment zum dreidimensionalen Gärtnern“: „Es geht mir darum, Ideen für Stadtgärtner zu entwickeln.“ An dem Gerüst werden in Kürze Hokkaido-Kürbisse ranken. Auf vier Quadratmetern habe er im vergangenen Jahr 30 Kürbisse ernten können.

Der Selbstversorger rät allen Hobbygärtnern, Sachen einfach mal auszuprobieren. Er selbst hat sich im Getreideanbau versucht („wegen der Kohlehydrate“) und sich vor einiger Zeit auch eine Chinesische Kartoffelkiste gebaut. Dafür hat er eine einmal ein Meter große Kiste aus Kaninchendraht, Brettern und Drainage-Rohren gefertigt. Der Boden des Behälters wird mit Erde gefüllt, darauf kommen Saat-Kartoffeln. Immer, wenn sich die Triebspitzen zeigen, füllt Carsten Siemering Erde nach. „Letztes Jahr habe ich 30 bis 50 Kilogramm Kartoffeln geerntet.“ Wichtig seien die fünf Drainage-Rohre: „Kartoffeln mögen keine nassen Füße.“

Die Grenzen der Selbstversorgung

Im Kleingartengebiet sind dem Selbstversorger-Ansatz jedoch auch Grenzen gesetzt: Die Parzelle verfügt bereits über einen Strom- und Wasseranschluss. Der Kleingärtner versucht beides nicht oder kaum zu nutzen: „Solarzellen werden unter fragwürdigen Bedingungen in China hergestellt, deshalb versuche ich, weitgehend auf Strom zu verzichten und Regenwasser in Tonnen zu sammeln.“

Es stehen gleich mehrere Tonnen vor den Beerensträuchern. Die großen Tonnen werden als Regentonnen genutzt, die Kleineren sind für andere Zwecke gedacht. Für Carsten Siemering wäre es eine Verschwendung, Urin wegzuspülen: „Alle Nährstoffe, die wir im Garten brauchen, haben wir selbst.“ Urin sei stickstoffhaltig, habe enormes Düngepotenzial - und gilt als umweltfreundlicher als herkömmlicher Kunstdünger.

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