Bremer Polizei

Herrenlose Koffer: Notfalls wird gesprengt

Wer seine Tasche mutwillig an einer Bushaltestelle oder am Bahnhof zurücklässt und einen Polizeieinsatz provoziert, muss mit den Konsequenzen rechnen. Ein Einsatz kann schnell mehrere tausend Euro kosten.
11.10.2017, 21:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Lisa-Marie Röhling
Herrenlose Koffer: Notfalls wird gesprengt

Eine Polizistin steht vor einem leeren Koffer, der einen Polizeieinsatz ausgelöst hatte. Viermal ist die Bremer Polizei im vergangenen Jahr wegen herrenloser Taschen alarmiert worden.

dpa

Von außen sehen sie harmlos aus. Jeder trägt sie, jeder nutzt sie. Aber steht eine Tasche an einer Bushaltestelle oder gar am Bahnhof, und kein Besitzer ist in Sicht, wird dieser Alltagsgegenstand plötzlich zur Gefahr. Oder das, was darin verborgen sein könnte. Egal, welche schlichte Form oder Farbe die Tasche hat: Jemand könnte sie abgestellt haben, um anderen zu schaden. Zuletzt kam dieser Verdacht im Juni auf, als an einer Bushaltestelle im Bremer Parzellengebiet eine Tasche entdeckt wurde. Die Folge: Ein Sondereinsatzkommando rückte aus, das Gebiet wurde weiträumig abgesperrt. In der Tasche steckte aber kein gefährlicher Sprengkörper, man fand darin nur Spielzeugautos. Aber auch, wenn der Inhalt harmlos ist: Wer mutwillig eine Tasche zurücklässt und so einen Polizeieinsatz provoziert, muss mit Konsequenzen rechnen.

Schnell in den Bus gestiegen, nicht richtig aufgepasst – schon steht das Gepäck unbeaufsichtigt an der Haltestelle. Alarmiert ein aufmerksamer Bürger dann die Einsatzkräfte, müssen zerstreute Taschenbesitzer keine Konsequenzen fürchten. Es sei denn, ein Missbrauch von Notrufen liege nachweislich vor, sagt der Sprecher der Bremer Polizei, Nils Matthiesen.

Missbrauch von Notrufen

Heißt: Wenn eine Gefahr oder eine Straftat wissentlich vorgetäuscht wird, kann das teuer werden. Das gilt sowohl für einen fälschlich abgesetzten Notruf als auch für einen absichtlich platzierten Koffer, aus dem zum Beispiel Kabel herausschauen. Denn das erhöht das vermeintliche Gefahrenpotenzial. Je nach Dauer und der Zahl der gerufenen Beamten könne ein Polizeieinsatz mehrere tausend Euro kosten, sagt Matthiesen. Diese Rechnung muss der Anrufer zahlen, wenn er die Polizei bewusst in die Irre geführt hat. Und eine Anzeige gibt es dann auch.

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Wer seine Tasche nicht mutwillig zurückgelassen hat, muss keine Strafe zahlen. Allerdings könnten betroffene Unternehmen einen Schadensersatz fordern, betont eine Sprecherin der Bundespolizei. Wenn sich zum Beispiel ein Zug wegen eines Polizeieinsatzes verspätet oder gar wegen einer sogenannten sicheren Sprengung beschädigt wird, können diese Kosten auf den Taschenbesitzer zurückfallen.

Viermal musste die Bremer Polizei im vergangenen Jahr im Stadtgebiet wegen herrenloser Taschen ausrücken, in der Innenstadt, der Neustadt, Walle und im Kleingartengebiet. Einsätze wie der im Parzellengebiet werden bei der Polizei als USBV-Einsätze bezeichnet. Das steht für „Verdacht auf unkonventionelle Sprengung oder Brandvorrichtung“. Allerdings könne die Zahl solcher Einsätze nicht genau bestimmt werden, erklärt Matthiesen. Weil einige der gemeldeten Gegenstände nach der Überprüfung unter die Kategorie Fundsachen fielen, würden sie nicht in die Statistik aufgenommen. Genauso wenig wie herrenlosen Gegenstände an Bahnhöfen und Flughäfen. Denn dort ist die Bundespolizei zuständig.

Streng geregelte Abläufe

Der Ablauf dieser Einsätze ist streng geregelt: Zunächst werden der Gegenstand und die Umgebung von den gerufenen Beamten gesichert. Sollte sich eine herrenlose Tasche nach der ersten Überprüfung nicht als ungefährlich herausstellen, werden Spürhunde und auch die Kriminalpolizei dazu gerufen. Notfalls wird der Gegenstand aus Sicherheitsgründen gesprengt.

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An Bahnhöfen, erklärt eine Sprecherin der Bundespolizei, werten die Beamten in Verdachtsfällen auch sofort die Überwachungskameras aus. Auf den Videos wird überprüft, ob eine Tasche versehentlich stehen gelassen wurde oder ob sie mit Absicht an einem bestimmten Ort positioniert wurde. Das, so die Sprecherin, sei meist an der Körperhaltung und den Bewegungen ihrer Träger zu erkennen. An Bahnhöfen wird nach der Abriegelung der Tasche zunächst der Besitzer ausgerufen, bevor weitere Schritte eingeleitet werden. Und in den meisten Fällen meldeten sich die Eigentümer, so die Sprecherin. Erst, wenn die Tasche niemandem zugeordnet werden kann, werden der Bahnhof oder am Flughafen ganze Terminals abgeriegelt.

Wie viele dieser Einsätze die Bundespolizei im vergangenen Jahr in Bremen hatte, kann die Sprecherin jedoch nicht sagen: Die Kosten für solche Einsätze fallen unter die Kategorie „gefahrenabwehrende Maßnahme“ und werden deshalb nicht gesondert verzeichnet. Die Polizei Bremen hingegen will keine genauen Angaben über die Kosten solcher Einsätze machen. Aus Sicherheitsgründen, heißt es dort.

„Scheuen Sie sich nicht, die Polizei zu rufen“

Die Frage, ob Angst vor Terror zu mehr Verdachtsfällen und mehr USBV-Einsätzen geführt hat, können die Beamten ebenfalls nicht beantworten. Polizeisprecher Matthiesen sagt lediglich, es wirke so, als meldeten sich mehr Menschen wegen herrenloser Gegenstände. Die Polizei begrüße das: „Scheuen Sie sich nicht, die Polizei zu rufen“, appelliert Matthiesen an die Bürger. Denn im Zweifel könnten die Beamten die Situation besser beurteilen und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Bisher ist diese Vorgehensweise offenbar erfolgreich: „Die Bremer sind sensibilisiert, und das ist in vielen Fällen auch gut so“, sagt der Polizeisprecher.

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