Tradition in Bremen und Bremerhaven Herta und  die Heringe

„Hering ist eine Wissenschaft“, sagt die 91-jährige Herta Scharringhausen und stützt sich dabei auf die Erfahrung der Vegesacker Heringsdynastie.
22.05.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Volker Kölling

Die Bratpfanne war vier Meter lang und einen Meter breit. Im Jahr 1952 brutzelte Herta Scharringhausen mit Schwiegermutter Anna täglich mittags 300 Heringe.

Angeheizt wurde die Pfanne noch mit Torf. In großen Essigbassins zog etwas weiter Bismarckhering gar. Hinter dem Haus standen Räucheröfen. Der Matjes kam aus Holland. „Das war echter jungfräulicher Hering, ganz zart – nicht der Fetthering, der heute im Supermarkt als Matjes verkauft wird“, erinnert sich die 91-jährige Herta Scharringhausen an ihre ersten Jahre im Fischgeschäft ihres Mannes Hans zurück.

„Hering ist eine Wissenschaft“, sagt sie und stützt sich dabei auf die Erfahrung der Vegesacker Heringsdynastie. An den Hering mit Kronsbeeren erinnert sie sich heute noch gern. Ihr Sohn Jürgen Scharringhausen betreibt das 1862 gegründete Geschäft der Familie inzwischen in fünfter Generation – als Delikatessengeschäft: „Wir führen heute regionale und internationale Spezialitäten, aber ohne den Hering geht es nicht“, sagt der Chef.

Angefangen hatte alles mit dem Urgroßvater Johann Heinrich Georg Scharringhausen. Ein junger Schiffsausrüster, der sich selbstständig machte und in der Alten Hafenstraße eine Kolonialwarenhandlung eröffnete. Zunächst handelte er mit Waren aus Übersee. Als Johann Heinrich Georg Scharringhausen starb, übernahm sein Sohn Johann Jacob Eduard das Geschäft. Es war die Zeit, als die Bremen-Vegesacker Fischerei-Gesellschaft gegründet wurde. Vegesacks Hafen wurde Liegeplatz einer stetig wachsenden Loggerflotte.

Wenn heute etwa die Herren der Segelkameradschaft bei dessen Enkel Jürgen Scharringhausen einkehren, serviert der den Fisch genauso, wie er früher den Wochenspeiseplan auch bei der Familie Scharringhausen bestimmte: als Brathering, Senf­hering, süßsauer eingelegt, Bückling, Matjes – und das mit hausgemachten Saucen. Curry, Senf, Rotwein oder Apfel-Zwiebel-Dill.

Warmer Brathering aus der großen Pfanne stibitzt

Jürgen Scharringhausens erster Kindheitsgeschmack ist der von warmen Bratheringen, die er mit anderen Jungs in den 1950er-Jahren direkt aus der großen Pfanne stibitzte, als Mutter Herta und Oma Anna gerade mal nicht guckten. Mit fünf Lehrlingen mussten die Frauen damals einen kleinen Tante-Emma-Laden in einem Teil des Gebäudes und die Fischbraterei im anderen im Griff haben. Rund 60 Quadratmeter zählte die Fläche. Die Männer Jonny und Sohn Hans Scharringhausen kümmerten sich indes in den Anbauten weiter hinten im Haus um die Räucheröfen mit dem goldenen Bückling und um so manchen Aal. Sie schafften den Essig zum Einlegen und Marinieren der Heringe heran zu den Bassins. Gelagert wurde der Essig in großen Glasballons, von denen ein paar leere Exemplare immer noch auf dem Dachboden stehen. Neben dem Einkauf war auch die Produktentwicklung bei Scharringhausens Männersache. Über dem Geschäft wehte eine Fahne. „Erste Vegesacker Heringsräucherei und Marinieranstalt“ stand darauf.

„Mein Schwiegervater Jonny Scharringhausen hatte eine Konservenmaschine angeschafft und das Rezept für Senfhering entwickelt. So haben wir den Fisch haltbar gemacht“, erläutert Herta Scharringhausen. Dafür musste es englisches Senfpulver sein – nichts anderes durfte hinein. „Das brachte den richtigen scharfsüßlichen Geschmack.“ Das Pulver wird immer noch im Laden angeboten: Colmans Senfpulver zu 6,95 Euro die 57 Gramm, genau zwei Unzen. Jürgen Scharringhausen lacht. „Dieser Senfhering wurde tatsächlich unser kleiner Exportschlager.“ Die Dosen gingen in den 50er-Jahren per Eisenbahn sogar bis ins gut 70 Kilometer entfernte Oldenburg.

Hering und Vegesack gehörten spätestens seit der Gründung der Bremen-Vegesacker Fischerei-Gesellschaft im Jahr 1895 zusammen. Herta Scharringhausen, Jahrgang 1925, erinnert sich noch daran, wie vor dem Krieg die schwarzen Heringslogger im Winter dicht an dicht den Vegesacker Hafen füllten, um im Frühjahr wieder auf Fangreise zu gehen. Und sie lüftet ein Geheimnis: „Wir haben als Matjes gar nicht den Vegesacker Hering genommen, sondern milden Matjes aus Holland bezogen. Der Hering aus Vegesack war seegekehlt und seegesalzen und nach dem Filetieren nach den vielen Wochen im Fass viel zu salzig“, sagt sie. Sohn Jürgen weiß, dass viele Vegesacker ihren Matjes in Milch einlegten, um ihn genießbarer zu machen.

Wobei in dem heutigen Feinkostgeschäft nicht immer jede Zubereitung auch gelang. Herta Scharringhausen erinnert sich an einen Tag im Jahr 1952, als nach großer Freude bei ihr die Tränen flossen. Am Radio hatte die ganze Familie einige Tage zuvor verfolgt, wie der Ruderzweier mit Steuermann des Vegesacker Rudervereins, kurz VRV, in Helsinki die Silbermedaille gewann. Heinz-Joachim Manchen, Helmut Heinhold und Helmut Noll waren Vereinskameraden der aktiven Rudersportlerin Herta. Der VRV war von Schwiegervater Jonny sogar mitgegründet worden. Die Ankunft der Sportler mit dem Zug mündete in einen Triumphzug durch die gesamte Kleinstadt.

Die Herren des Hauses verließen die Damen in großer Eile und mit recht kümmerlichen Angaben, wie mit den Bücklingen umzugehen sei, die gerade im Rauch standen. „Dabei hatten wir doch selbst noch nie die Öfen bedient“, klagt Herta Scharringhausen. Und selbst mehr als 60 Jahre später hat sie noch ein schlechtes Gewissen.

Damals flitzte sie an die Straßenecke, um auch einen Blick auf die Helden zu erhaschen – und vergaß darüber die Bücklinge. Die bückten sich nicht nur, sondern fielen schlicht auseinander: „Die Hälfte von 200 Bücklingen war ein Brandschaden. Ich war in Tränen aufgelöst. Schwiegermutter tröstete mich nur: ,Du hast keine Schuld. Warum lassen uns die Kerle auch alleine. Die können was erleben, wenn die zurückkommen.‘“

Das Malheur nahm ein glückliches Ende. „Es waren ja Tausende Menschen unterwegs, die beim Feiern einen enormen Kohldampf entwickelt hatten“, erzählt Hertha Scharring-hausen. Und als die Männer zurück waren, waren sämtliche Bücklinge schon verkauft. „Auch die aus dem Brandschaden und dazu auch sämtlicher Fisch, den wir sonst noch hatten."

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