Herzbericht Herztod-Risiko in Bremen besonders hoch

In Bremen und Niedersachsen sterben deutlich mehr Menschen an einer Herzkrankheit. Der Bremer Arzt Rainer Hambrecht wirft der Politik vor, nicht genug in Prävention zu investieren.
03.03.2019, 22:07
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Herztod-Risiko in Bremen besonders hoch
Von Sabine Doll

Das Risiko, an einer Herzkrankheit zu sterben, ist in Bremen und ­Niedersachsen deutlich höher als in den meisten anderen Bundesländern. In der Hansestadt kamen im Jahr 2016 insgesamt 270 Todesfälle durch Infarkt, Herzschwäche, Rhythmusstörungen und andere Erkrankungen auf 100 000 Einwohner. Bremen liegt damit in der Sterbestatistik auf dem zweiten Platz nach Sachsen-Anhalt. In Niedersachsen waren es 255 Todesfälle, das Land belegt damit den siebten Platz. Der Bundesschnitt liegt bei 225 Herztoten. Am geringsten ist das Herztod-Risiko in Hamburg (184). Das geht aus dem Herzbericht 2018 hervor, der von der Deutschen Herzstiftung herausgegeben wird.

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Der Bremer Herzspezialist Rainer Hambrecht, der zum Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung gehört und den diesjährigen Bericht mitverfasst hat, fordert mehr Präventionsprogramme – vor allem in sogenannten sozial benachteiligten Stadtteilen. „Raucher und stark übergewichtige Menschen mit einem erhöhten Herzinfarkt-Risiko und Herzinfarkt-Patienten kommen häufiger aus sozial schlechter gestellten Stadtteilen“, sagte Hambrecht.

Das hätten Untersuchungen des Bremer Herzinfarkt-Registers an mehr als 3400 Patienten aus Bremen und dem niedersächsischen Umland gezeigt. Das Register ist ein Projekt der von Hambrecht gegründeten Stiftung Bremer Herzen. Danach gehen Herzinfarkt-Patienten je nach Alter und sozio-ökonomischem Status unterschiedlich mit den Möglichkeiten um, Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel oder Übergewicht zu verändern.

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Die Daten bestärkten Präventionskonzepte, die sozial benachteiligte Menschen und Stadtteile im Blick hätten. Bedenklich sei vor allem auch, dass mehr jüngere Menschen von schwerwiegenden Herzerkrankungen betroffen seien, bei denen diese Risikofaktoren eine erhebliche Rolle spielten: Nach Angaben des Bremer Arztes ist etwa jeder zehnte Infarkt-Patient jünger als 45 Jahre.

Hambrecht sieht die Politik im Bund und den Ländern deutlich stärker in der Pflicht: „Wir rennen dieser Entwicklung hinterher. Ich bin überzeugt, dass das Präventionsgesetz aus dem Jahr 2015 noch überhaupt nicht greift und dass Kostenträger wie Krankenkassen noch mehr machen könnten.“ Das Gesetz werde halbherzig oder gar nicht umgesetzt.

Zuckersteuer und Tabakwarenverbot

Die ­medizinische Versorgung sei ein Eckpfeiler; darüber hinaus müssten Länderministerien mehr in Vorsorge-Programme investieren, die ganz konkret ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung in Kitas, Schulen, Betrieben und besonders in benachteiligten Wohnquartieren im Blick hätten. Hambrecht fordert zudem den Bund auf, eine Zuckersteuer und ein Tabakwerbeverbot einzuführen. Das seien alles Dinge, die nicht angefasst würden, weil die Lobbyisten in Deutschland immer noch zu großen Einfluss hätten.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Herzstiftung, Dietrich Andresen, fordert mehr öffentliche Investitionen in die Prävention: „Noch heute sind fast 30 Prozent der Reha-Herzpatienten Raucher, 18 Prozent sind stark übergewichtig, 22 Prozent haben Diabetes. Diese Zahlen sind alarmierend, mit gezielten Maßnahmen muss gegengesteuert werden.“

Bundesweiten Modellcharakter habe etwa ein Projekt aus Bremen, das von der Deutschen Herzstiftung mit 60 000 Euro gefördert wurde. In einer Studie des Instituts für Herz- und Kreislaufforschung der Stiftung Bremer Herzen wurde von 2013 bis 2017 untersucht, wie Herzinfarkt-Patienten nach der üblichen dreiwöchigen Rehabilitation darin unterstützt werden können, einen gesunden Lebensstil einzuhalten und Risikofaktoren auszuschalten.

Präventionsprogramme und die Krankenkassen

Das Ergebnis: Patienten, die an einem einjährigen intensiven Präventionsprogramm teilnahmen, erreichten im Vergleich zur Standardversorgung deutlich bessere Werte. Eine Schlüsselrolle kam dabei laut Hambrecht den nicht-ärztlichen Präventionsassistenten zu: „Sie hielten mit den Patienten regelmäßig Kontakt. Zu ihren Aufgaben zählte auch, die Hausärzte in das Programm einzubinden.“

Zur regelhaften Versorgung gehört das ­Präventionsprogramm noch nicht, laut Hambrecht gibt es in Bremen aber Gespräche mit Krankenkassen. Die guten Ergebnisse zeigten, dass das Programm effektiv sei und auch Modell für künftige Präventionsstrategien in Deutschland sein könne.

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