Anklage fordert sechseinhalb Jahre Haft Heute fällt Urteil im Diskomeilenprozess

Bremen. Bereits seit Juni 2008 sitzt die Kammer über zwei Brüder zu Gericht, die in der Nacht zum 6. Januar 2006 in eine Schießerei auf der Diskomeile verwickelt waren. Sechs Menschen wurden dabei zum Teil lebensgefährlich verletzt. Heute fällt das Urteil.
04.03.2010, 06:18
Lesedauer: 3 Min
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Bremen. Bereits seit Juni 2008 sitzt die Kammer über zwei Brüder zu Gericht, die in der Nacht zum 6. Januar 2006 in eine Schießerei auf der Diskomeile verwickelt waren. Sechs Menschen wurden dabei zum Teil lebensgefährlich verletzt. Heute fällt das Urteil.

Immer wieder wurde zeitweise die Öffentlichkeit ausgeschlossen – so auch bei der letzten Sitzung im Februar, als der Staatsanwalt das Wort hatte. In seinem gut zweistündigen Plädoyer referierte Staatsanwalt Martin Binz akribisch die Ergebnisse der rund 200 Vernehmungen. Sechs Menschen wurden damals bei der Schießerei schwer beziehungsweise lebensgefährlich verletzt, darunter zwei völlig Unbeteiligte. Einer der Haupttäter, der Türsteher Gjete L., war Ende 2007 vom Landgericht zu zehneinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Der jetzige Prozess vor dem Schwurgericht I unter Vorsitz von Richter Klaus-Dieter Schromek soll klären, welche Rolle ein mit Gjete L. befreundetes Brüderpaar bei dem Drama auf der Diskomeileeinnahm. Für den Staatsanwalt stand gestern fest, dass der Ältere der beiden, Sinan B., freizusprechen und für die Zeit seiner Untersuchungshaft zu entschädigen sei. Der Vorwurf des versuchten Totschlags und der gefährlichen Körperverletzung habe sich bei Sinan B. nicht eindeutig nachweisen lassen.

Sein vier Jahre jüngerer Bruder Ahmet B. sitzt nach Überzeugung von Martin Binz allerdings zu Recht auf der Anklagebank. Ahmet B. habe vermutlich nur einen Schuss in dieser Nacht abgegeben. Ob der Schuss jemanden verletzte, sei nicht nachweisbar. Danach habe die Waffe vermutlich eine Ladehemmung gehabt. Bei der Schießerei auf dem Gelände zwischen der Tabledance-Bar „Tollhaus“und der Disko „Beat-Club“ habe Ahmet B. „eine besondere Rücksichtslosigkeit“ gegenüber Unbeteiligten an den Tag gelegt, betonte der Staatsanwalt und beantragte sechseinhalb Jahre Freiheitsstrafe. Mitten im Plädoyer mussten Zuhörer und Medienvertreter für kurze Zeit den Saal verlassen.

Hintergrund ist die bis heute von offizieller Seite unbestätigte V-Mann-Tätigkeit des Jüngeren für die Bremer Polizei. So hatte die Kammer während des monatelangen Prozesses oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit getagt. Auch die Verteidigung der beiden Angeklagten kündigte an, ihre Plädoyers ebenfalls nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu halten. Die Schießerei auf der Diskomeilehatte damals ein grelles Schlaglicht auf eine höchst kriminelle Szene geworfen, die ansonsten nur Ermittlern bekannt war.

Die Diskomeilewar im Anschluss zum Schwerpunkt polizeilicher Arbeit geworden. Ausgangspunkt für die Schießerei war nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ein „verletztes Ehrgefühl“ des albanischen Türstehers Gjete L. und ein Kampf „um die Tür“ des „Tollhauses“ zwischen Albanern, Türken und kurdischen Libanesen. Die brutale Auseinandersetzung hatte ihren Ausgangspunkt wenige Tage zuvor in einem Konflikt unter Jugendlichen vor der Großdisko „Capitol“ in Oyten, wobei Gjete L. angeblich getönt haben soll, er hätte an dem Abend „alle jungen Araber abgeschossen“, wenn er nur eine Waffe dabei gehabt hätte. Der Satz machte in Bremen die Runde und brachte die Männer des kurdisch-libanesischen Clans der M. in Rage.

Mehrere Männer des Clans schlugen daraufhin den albanischen Türsteher am frühen Abend des 5. Januar 2006 an seinem Arbeitsplatz vor dem „Tollhaus“ zusammen. Gjete L. mobilisierte im Gegenzug seine Gefolgsleute, unter anderem auch das Brüderpaar. Wenige Stunden später eröffnete er vor dem „Tollhaus“ das Feuer auf den unbewaffneten Ihmad M. und traf ihn zweimal. Nicht nur das Geschehen zwischen Dutzenden von Beteiligten galt es haarklein zu analysieren und rechtlich zu bewerten, sondern auch die Glaubwürdigkeit der vielen Zeugen. So nahm ein gebürtiger Iraner, ein früherer Freund des Albaners, eine zentrale Rolle in der Verhandlung ein. Er hatte die Polizei im Juli 2007 zu einer in der Nähe des Tatortes versteckten Schusswaffe geführt. Dabei handelt es sich um die Waffe, mit der Ahmet B. geschossen haben soll.

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