Von Stellichte nach Kirchlinteln

Hier könnten die Bremer Stadtmusikanten gelaufen sein

Der Weg der Bremer Stadtmusikanten könnte – zumindest mit ein bisschen Fantasie – von Stellichte nach Kirchlinteln geführt haben. Was die Vier zu Fuß bewältigen mussten, kann auch mit dem Rad gefahren werden.
25.04.2019, 14:32
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Hier könnten die Bremer Stadtmusikanten gelaufen sein
Von Gesa Below
Hier könnten die Bremer Stadtmusikanten gelaufen sein

Lichtspiele im Verdener Moor.

Fotos: Manfred Below

Wer weiß. Vielleicht ist der Esel Grauschimmel an einem warmen Sommertag weggelaufen – fort von seinem Herrn, dem Müller der Obermühle in Stellichte (Punkt 1 auf unserer Karte), dem kleinen Dorf bei Visselhövede. So hat sich der Kirchlintler Klaus Merkle das jedenfalls gedacht, als er sich die Strecke für den Stadtmusikanten-Radweg (www. landkreise-verden.de) ausgedacht hat. Wir fahren Grauschimmels Weg und den der anderen drei Tiere mit dem Rad ab und lernen von Ute Müller, der Kirchenführerin, was der Esel nicht wusste - von den baulichen Schätzen rund um die Mühle, die im 14. Jahrhundert gebaut wurde und die durch das Wasser des Flüsschens Lehrde angetrieben wird.

Da ist – gegenüber der Mühle – das große Rittergut der Familie von Behr, die dort schon seit Jahrhunderten lebt, und da ist auf der anderen Seite der Obermühle die St. Georg-Christophorus-Jodokus Renaissance-Kirche. In dieser Kirche, in der sich über Jahrhunderte gesammelte Schätze wie eine de Mare-Orgel aus dem Jahr 1586 oder florentinische Fliesen befinden, die Dietrich von Behr der Jüngere Mitte des 17. Jahrhunderts von seinen Italienreisen mitbrachte, gibt es aber nicht nur Pracht und Kostbarkeiten, es gibt – direkt unter der Treppe der kleinen Kanzel – auch einen mit einem Bär an einer Kette gezeichneten Sitzplatz auf der Holzbank. Dort hin mussten sich die Sünder und Bösewichte ducken, die zum Kirchgang aus dem Gefängnis des gegenüber liegenden Gerichtsgebäudes des Rittergutes geholt wurden und dort vor den Augen der Gemeinde vom Pastor „abgekanzelt“ wurden – manchmal auch deswegen, weil sie vom Hofe fliehen wollten… Ute Müller, eine zierliche Frau, macht sich sehr klein, um auf diesem Platz sitzen zu können – für erwachsene Männer war es also gar nicht möglich, ohne Verrenkungen den Gottesdienst durchzustehen.

Wir folgen dem Weg, den der Kirchlintler Radwege-Erfinder Klaus Merkle dem flüchtenden Esel zugedacht hat: durchs Dorf, über Kopfsteinpflasterstraßen und vorbei an über Holzzäune rankenden Rosen, bunten Dahlien und Hibiskus‘ zur Niedermühle am Dorfrand, wo im Teich die Enten gründeln und die Lehrde sich mit einem kleinen Wasserfall in die Wiesen hinter Stellichte verabschiedet.

Zu Zeiten des Esels war es noch nicht nötig, Eisvogel und Fischotter zu schützen; heute weist ein Schild an der Mühle daraufhin, dass zwischen März und Juli das Befahren des Flüsschens verboten ist – kein Märchen, sondern Notwendigkeit. Vorbei an Pferdeweiden und durch Wald geht es auf der Kopfsteinpflaster-Straße weiter auf Esels Spuren – auch das kleine weiße Schild mit dem Hinweis „Notfallpunkt“ ist Neuzeit, aber ansonsten könnte man wirklich meinen, den Esel da trotten zu sehen. Dann taucht unter großen Eichen der Königshof (Punkt 2 auf unserer Karte) aus dem Wald auf. Das beeindruckende Anwesen der Familie Lackmann besteht seit dem 8. Jahrhundert und steht unter Denkmalschutz; Scheunen und Stallungen beherbergen 250 Kühe „in Weidehaltung“, wie Ute Lackmann wichtig ist zu betonen: „Bei uns werden die Kälber noch auf der Weide geboren“. Außerdem laufen zehn Hannoveraner Pferde auf den Wiesen, es gibt Hühner und einen „adoptierten Hahn“, der – ähnlich wie sein Märchenpendant – tatsächlich bei der Nachbarin der Lackmanns in die Suppe sollte. „Aber ihr kleiner Sohn hat so geweint, dass wir uns erbarmt und den Hahn gerettet haben“, erzählt Ulla Lackmann.

Für den Stadtmusikantenweg ist aber auf dem Königshof der Hund Packan maßgeblich, der Jagdhund, der sich ja laut Märchen dem Esel anschließt, weil er zum Jagen nicht mehr taugt und deshalb fürchtet, von seinem Herrn erschlagen zu werden: „Passiert bei uns nicht“, versichert der freundliche Heinrich Lackmann und tätschelt seiner Deutsch Kurzhaar-Jagdhündin Emma den Kopf: „Unsere Hunde sind – bis auf zwei – alle an Altersschwäche gestorben.“

Der Landwirt zeigt uns ein Foto: „Das muss so um das Jahr 1900 gemacht worden sein“. Auf dem bräunlichen Bild hat der Fotograf „alles, was der Hof zu bieten hatte“, kunstvoll arrangiert: die Großeltern, zwei Knechte und zwei Mägde, Pferdegespanne und Schweine. Leider ist der Hund – „natürlich hatten die einen Hund“ – nicht mit auf dem Bild. Jagdhündin Emma weiß natürlich nichts von ihrem märchenhaften Vorfahren und davon, dass Packan mit dem Esel zusammen weiterzieht.

Sandweg durchs Verdener Moor

Für uns geht es auf den Spuren der beiden Tiere über historisches Kopfsteinpflaster und durch lichten Wald und teilweise auf Schotterwegen bis nach Groß Heins, einem Heidedorf wie aus dem Bilderbuch: große Höfe, alte Bäume, Natursteinmauern – und ein Imkermuseum, von Heinz Eggers liebevoll eingerichtet. Vom Bienenkorb bis zum fertigen Honig werden in seinem kleinen Museum das Leben und die Arbeit der Bienen dargestellt.

Nach dem Dorf biegen wir links ab auf einen Sandweg durchs Verdener Moor. Weite Wiesenflächen, unterbrochen von kleinen Birken- und Kieferngruppen, hin und wieder Heidekraut - das Ganze liegt als Naturschutzgebiet zwischen der Lehrde und dem Gohbach. Laut Märchen herrschte im Moor eine Mäuseplage, gegen die auch die Katze Bartputzer nicht ankam – auch war sie alt und nicht mehr flink und sollte deshalb in einem der Moorgräben ertränkt werden. Von Mäuseplage kann jetzt zwar keine Rede sein, aber tatsächlich huscht vor uns eine winzige Haselmaus über den Weg und verschwindet im Kraut.

Aus der Einsamkeit des Verdener Moors in die Zivilisation

Auf dem Krusenhoff (Punkt 3 auf unserer Karte) am Rande des Moores, der Station der Katze, gibt es natürlich auch Mäuse – aber immerhin auch „sieben oder acht Katzen“; so ganz genau weiß Landwirt Dieter Bokeloh das nicht, denn manchmal nehmen die Gäste seiner Ferienwohnungen ein Tier mit nach Hause: „Die fragen mich natürlich – aber wenn sich die Leute so in ein Tier verguckt haben, dann können sie es auch mitnehmen“. Nur bei seinem gelben Kater Paulchen ist für Dieter Bokeloh Schluß: „Das ist meiner, den geb‘ ich nicht her“, sagt er und füttert Paulchen mit dicken Katzenfutter-Happen. Der kleine Kater ist ihnen zugelaufen – „so klein war der“ formt Dieter Bokeloh eine Handvoll. Auf dem Krusenhoff sind aber nicht nur Katzen zuhause, es gibt natürlich auch Hahn und Hühner, den kleinen Wolfsspitz Sissy und 60 Angus-Mutterkühe mit ihren Kälbern, die auf den Weiden im Moor frei laufen. Ein Wolf habe sich da auch schon blicken lassen, erzählt Dieter Bokeloh, während Paulchen ihm um die Beine schnurrt: Der Jäger habe ihm erzählt, dass er beobachtet hat, wie der Wolf an der einen Seite vom Zaun entlang gelaufen sei und der mächtige Angus-Bulle auf der anderen Seite: „Besser als jeder Zaun - da traut sich dann niemand auf die Weide.“

Unsere Märchenhelden wurden nicht von einem Wolf bedroht; sie sind nun zu dritt auf ihrem Weg nach Bremen, und wir folgen ihren Spuren. Nach einigen Kilometern kommen wir in Kükenmoor aus der Einsamkeit des Verdener Moors in die Zivilisation: für ein paar Meter müssen auf der Hauptstraße radeln, bevor wir rechts wieder in den Wald abbiegen. Es lohnt ein Abstecher zu der historischen Eichenallee, die als Naturdenkmal auch „Allee des Jahres 2015“ war: auf einem halben Kilometer säumen uralte Eichen eine kopfsteingepflasterte Straße.

Lesen Sie auch

Bleiben wir auf dem vorgegebenen Stadtmusikanten-Radweg, radeln wir ein paar Kilometer rechts neben der Autobahn 27, und kommen dann in Höhe von Weitzmühlen links durch die Hügelgräberheide (Punkt 4 auf unserer Karte) nach Kirchlinteln. Und dort, im heutigen Kulturzentrum, wo früher die Pferdewechselstation untergebracht war, hätte der Hahn Rotschopf in der Suppe für die Gäste landen sollen – natürlich zog er es vor, mit den drei anderen weiter zu flüchten bis zum Endpunkt nach Horst (Punkt 6 auf unserer Karte) , wo da Räuberhaus gestanden haben soll.

Von Pferdewechsel und Gaststätte kann heute nicht mehr die Rede sein: am Lintler Krug (Punkt 5 auf unserer Karte) führt die vielbefahrenen Hauptstraße vorbei, Lkw und Pkw in Reihe sorgen für einen gehobenen Lärmpegel. Die Gastlichkeit findet heute auf der gegenüberliegenden Straßenseite statt: Hahn in der Suppe gibt es bei Wirtin Christina Mertsani von „Nionios – Der Grieche“ allerdings nicht: „Wir haben noch nicht mal was mit Huhn.“ Aber es gibt es ja noch andere Speisen – und natürlich auch andere Lokalitäten. Sattessen nach der abwechslungsreichen Fahrradtour ist trotzdem möglich.

In der Umgebung von Horst bis Verden verortet der "Erfinder" des Stadtmusikanten-Radwegs den Endpunkt der Reise.

In der Umgebung von Horst bis Verden verortet der "Erfinder" des Stadtmusikanten-Radwegs den Endpunkt der Reise.

Foto: Manfred Below

Info

Zur Person

Klaus Merkle

begeistert sich für Geschichte. Der ­Ingenieur im Ruhestand lebt in Kirchlinteln und kennt die Umgebung. „Ich habe mich in die Zeit versetzt, in der das Märchen entstand“, erklärt er seine Idee mit dem „Stadtmusikanten-Weg“.

Info

Zur Sache

200 Jahre Bremer Stadtmusikanten

WIs rem sandis vernam aut omnient veribus aturit dolor ma dolorae num sint dis et volorerore experum arum volorem et est volecea volores ciant, sit, ipiendipita doluptate nimaio cum re, to moluptat.

Sed modit qui sinus recerro ex es num, is incia ant mi, ipidessum alitat imagnit et audae porem vendiorrum quaerchit aut venim cullandit volore doluptatio berum fugita voluptatem volupta tempore perspe consedi numquias sanduci taspedite alic

Weitere Informationen

Stadtmusikanten-Radweg: Und hier geht’s lang

– Ungefähr 45 Kilometer umfasst die gesamte Tour von Kirchlinteln bis Stellichte und zurück, diverse Abkürzungen (siehe auch die Streckenführung auf unserer Karte) sind aber möglich. Mehr Infos unter www.landkreisverden-radlerparadies.de

– Die Strecke kann als Rundtour gefahren werden, aber auch nur in eine Richtung.

– oder in der umgekehrten Richtung mit der Regionalbahn von Bremen nach Verden/Kirchlinteln fahren und die Tour in Stellichte beenden, nach Visselhövede radeln und von dort mit der Regionalbahn zurück nach Bremen fahren.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+