Konzerte des Sinfonieorchesters der Musikschule Bremen im indischen Pune als gesellschaftliches Ereignis

Highlight in langer Partnerschaft

Die Partnerschaft Bremens mit der westindischen Stadt Pune wächst und gedeiht – seit Jahrzehnten. Nun ist diese Historie um eine Facette reicher: Das Sinfonieorchester der Musikschule Bremen aus Walle musizierte vor Ort im Rahmen der indienweiten Feierlichkeiten zu 100 Jahre Deutschunterricht auf dem Subkontinent. Gunther Hilliges, Vorsitzender des Forums Städtesolidarität Bremen-Pune, fädelte das musikalische Engagement ein und kehrte jüngst zurück nach Deutschland.
20.03.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Rainer Kabbert
Highlight in langer Partnerschaft

Gunther Hilliges reiste schon über 50-mal nach Pune – 2014 wieder als Vorsitzender des Forums Städtesolidarität Bremen-Pune.

Christian A. Werner

Die Partnerschaft Bremens mit der westindischen Stadt Pune wächst und gedeiht – seit Jahrzehnten. Nun ist diese Historie um eine Facette reicher: Das Sinfonieorchester der Musikschule Bremen aus Walle musizierte vor Ort im Rahmen der indienweiten Feierlichkeiten zu 100 Jahre Deutschunterricht auf dem Subkontinent. Gunther Hilliges, Vorsitzender des Forums Städtesolidarität Bremen-Pune, fädelte das musikalische Engagement ein und kehrte jüngst zurück nach Deutschland.

Jörg Assmann ist noch ganz erfüllt von der Reise nach Pune. „Für die Camerata Instrumentale war das ein singuläres Ereignis“, schwärmt der Leiter des Sinfonieorchesters der Musikschule Bremen. So etwas, meint er, würden Mitglieder eines Laienorchesters meist nur ein mal im Leben erfahren. Ende Februar hatten die Instrumentalisten der Waller Musikschule zwei Konzerte anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der deutschen Sprache in Indien gegeben, mit Stücken von Johann Sebastian Bach, Mozart und Mendelssohn Bartholdy.

Assmann verbucht die Auftritte als „Riesenerfolg“ und erinnert sich auch gerne an eine Schulveranstaltung in der Aula, als die Musiker vorab ihre Instrumente stimmten und sich alleine im Raum wähnten – bis sie die rund 900 Schülerinnen bemerkten, die ohne einen Mucks zu sagen auf ihren Sitzen harrten. 900 Schülerinnen mucksmäuschenstill in ihren grünen Uniformen!

Das änderte sich, als die Camerata Instrumentale Proben ihres Könnens lieferte und Dirigent Assmann – hauptberuflich spielt er Geige bei der Bremer Kammerphilharmonie – mit den Jugendlichen ins Gespräch kam, Instrumente zeigte und darüber referierte.

Dabei hätte er auch die Geschichte der drei Kontrabässe erzählen können, die zu den Konzerten frisch aus China importiert wurden. Der Transport von Bremen nach Indien wäre zu teuer, über die weitläufigen Kontakte des Bremer Geigenbauers Frank Wichmann wurden die Instrumente in Fernost gebaut. Rechtzeitig landeten sie über Mumbai zu den Konzerten in Pune. Dort sollen sie bleiben und – optimistisch gedacht – den Grundstock für ein indisches Sinfonieorchester bilden.

Der Besuch der 60 Musiker aus allen Bremer Stadtteilen war ein gesellschaftliches Ereignis. Der „Pune Times Mirror“ berichtete im Aufmacher auf Seite 1 vom „Western classical orchestra“, das in der Stadt gastierte. Konzerte dieser Art sind selten in Pune, das letzte Mal spielte hier ein Sinfonieorchester vor 20 Jahren. „The Indian Express“ lichtete die Stippvisite der Camerata Instrumentale im Raja Dinkar Kelkar Museum ab. Zum indischen Pendant des bremischen Übersee-Museums wurden über die Jahre enge Kontakte geknüpft.

Auch Michael Siebert, deutscher Generalkonsul in Mumbai, gab sich die Ehre und lud zum Dinner-Empfang. Nicht zuletzt kümmerte sich die Association of Friends of Germany rund um die Uhr um die deutschen Gäste. Die Partnerorganisation des Forums Städtesolidarität Bremen-Pune hatte die Musikschule eingeladen.

Einweihung durch Scherf

Auf dem Programm stand auch der Bremen-Pune-Freundschaftsplatz, 1997 vom damaligen Bürgermeister Henning Scherf eingeweiht. Damals wie auch jetzt im Februar war Gunther Hilliges dabei, der damalige Leiter des Amts für Entwicklungszusammenarbeit. 17 Jahre später konnte er den Musikern erzählen, was sich so alles getan hat, im Verhältnis Pune-Bremen.

So entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit der Bremer Kliniken mit dem Krankenhaus in Pune, in punkto Fortbildung von Pflegern, Ärzten und dem Management. Und von der Spitze des Klinikums Links der Weser weiß Hilliges, dass die Bremer Herzspezialisten sehr daran interessiert sind, mit Pune zu kooperieren. Der Chef des dortigen Klinikums kommt im Mai in die Hansestadt und würde in seiner Heimat gerne ein Herzzentrum etablieren – und dabei von Bremen lernen.

Das Lata-Mangeshkar-Krankenhaus ist nach der gleichnamigen legendären indischen Sängerin benannt. Sie gilt nicht nur als Nachtigall Indiens, weil sie zu mehr als 900 Filmen die Lieder beigetragen hatte, sondern auch als ausgesprochen wohltätig: In unzähligen Auftritten sammelte sie Geld für das Krankenhaus in Pune.

Auch auf wissenschaftlichem Sektor haben sich die indisch-bremischen Beziehungen über die Jahre vertieft. Hilliges erwähnt auch die 22 Studenten der Universität Pune, die sich für die diesjährige Sommeruniversität der Hochschule Bremen angemeldet haben.

Bremen ist nach Ansicht von Hilliges ein wichtiger Partner für die Entwicklungszusammenarbeit in Indien. Während seines Februar-Besuchs in Pune besuchte er auch bremische Projekte wie die dezentrale Abwasserbeseitigung und Biogasprojekte, initiiert von BORDA, der Bremer Arbeitsgemeinschaft für Überseeforschung und Entwicklung. Noch in den 70er-Jahren, erinnert sich Hilliges, sei die hygienische Situation in Pune schlimm gewesen. Auch durch das BORDA-Engagement habe sich vieles geändert – selbst wenn das Wasser nur aus Flaschen getrunken werden kann.

In amtlicher Mission und später als Vorsitzender des Forums Städtesolidarität Bremen – Pune jettete Hilliges über 50-mal nach Indien. Nie war die Reise auch nur ansatzsweise als Urlaub gedacht. „Ich kann hier nicht Urlaub machen, in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, weil sie weniger als zwei Dollar pro Tag verdient“, sagt er. Wenn er im Hotel sitzt, in dem alles vom Feinsten ist, und dann die bettelnden Kinder hinter dem Schutzzaun sieht. . .

Nun hat er sich doch einige Tage Urlaub gegönnt. Seinen Erstgeborenen, Chef der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Indien, besuchte er in Delhi. „Was ich vor 30 Jahren in Richtung regenerative Energien angefangen habe, setzt mein Sohn hier fort“, sagt er nicht ohne Stolz. Investitionen in nachhaltiges Wirtschaften mit deutschen Krediten. „Indien mausert sich.“

Das hat er auch seiner Adoptivtochter gezeigt, die ihr Geburtsland kennenlernen wollte. Als kleines Mädchen, als „gestrandetes Schicksal“ (Hilliges), kam die Tochter nach Deutschland. Aus einem Waisenhaus mit 400 Kindern. „Nun können wir zurückblicken auf eine wunderbare Integration“, freut sich Hilliges.

Auch dies lässt sich wie eine Faser der engen Bande zwischen Bremen und Indien verstehen.

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