Die Bewerber um den Hilde-Adolf-Preis

Wie freiwilliges Engagement das öffentliche Leben in Bremen bereichert

Hauptpreisträger des Hilde-Adolf-Preises sind Helga und Reinhard Werner für ihr Projekt „Bildungsbrücke“ und ihre Stiftung. Insgesamt haben sich 23 Bremer Projekte beworben. Wir stellen sie vor.
13.10.2020, 05:00
Lesedauer: 8 Min
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Wie freiwilliges Engagement das öffentliche Leben in Bremen bereichert
Von Ulrike Troue
Wie freiwilliges Engagement das öffentliche Leben in Bremen bereichert

Seit 23 Jahren versorgt der Verein Kinderbibliothek im Viertel Kinder, Grundschüler und Eltern mit Lesestoff.

Dustin Weiss

Sie alle haben bewiesen, dass sie die Ärmel hochkrempeln, bei der Lösung von Problemen zupacken oder aber die Initiative ergriffen haben, um das Zusammenleben in der Stadt zu bereichern: 23 Projekte, die sich in diesem Jahr um den Hilde-Adolf-Preis beworben haben. Und vor allem leben sie das diesjährige Motto: Sie machen, statt zu meckern. Die Bewerber im Überblick.


Um die Bildungschancen von jungen Menschen zu verbessern, sind seit Jahren nicht nur die diesjährigen Hauptpreisträger Helga und Reinhard Werner aus dem Viertel aktiv.

Ein weiteres Paradebeispiel liefert die Kinderbibliothek im Viertel. Seit 23 Jahren versorgt der gleichnamige Verein Kinder, Grundschüler und Eltern mit Lesestoff. Dafür engagieren sich heute etwa 18 Frauen jeweils vier bis acht Stunden pro Woche ehrenamtlich. Die „Kibi“ finanziert sich nur über niedrige Mitgliedsbeiträge, Spenden und Bücherflohmärkte. Aktuell hat sie etwa 11 000 Medien in der Ausleihe und 500 zahlende Mitglieder, was etwa 1000 ausleihenden Kindern entspricht.


Das Mütterzentrum Tenever
hat durch die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie und Schulschließungen seit Mai Kinder und Jugendliche bei ihren „Lernpaketen“ in Deutsch, Englisch und Mathematik unterstützt. Außerdem wurden die Aktionen „Lebensmittel to go“ und „Suppe to go“ initiiert, damit Kinder, die sonst in der Kita oder Schule mit Essen versorgt werden, eine Mahlzeit bekommen. Ferner wurden 1000 Mund-Nasenschutz-Masken genäht und verteilt.

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Für Kinder aus besonders belasteten Situationen haben die Lehrerin Linda Stibal und Initiatoren der „Kompletten Palette“ fünf Jungen zwischen zwölf und 15 Jahren aus dem Förderbereich des Inklusionsklassen an der Oberschule Findorff einen außerschulischen Lernort geschaffen. Auf dem Gelände des soziokulturellen Projekts am Hemelinger Hafen konnten sie durch musische, körperliche, handwerkliche und sportliche Betätigung positive Erfahrungen sammeln als Ausgleich für emotionale Belastungen im häuslichen Umfeld.


Einen neuen Ansatz, um Eltern und Kindern den Übergang von der Grundschule in die 5. Klasse zu erleichtern, verfolgt der Schulverein der Oberschule Roter Sand mit dem Projekt „Sprung 5“. Beim gemeinsamen Klettern und Absichern im Hochseilgarten Lesum werden erste Schritte für einen nachhaltig positiven Schulalltag gemacht. Auf spielerische Weise lernen sich alle kennen und erleben die Grundpfeiler des Schulerfolgs: Vertrauen, Zusammenarbeit, Mut, Enttäuschungen wegstecken und neue Anläufe wagen.

WES Findorff Schlachthof  Probe Ensemble  The Next Generation

Die Jugendtheatergruppe „The next generation Bremen“ hat in den vergangenen sieben Jahren zehn Theater-Tanz-Musikstücke im Bürgerzentrum Neue Vahr entwickelt.

Foto: Roland Scheitz

Die Jugendtheatergruppe „The next generation Bremen“ hat in den vergangenen sieben Jahren zehn Theater-Tanz-Musikstücke im Bürgerzentrum Neue Vahr entwickelt und ist für Kinder und Jugendliche aus Familien mit schwachem Einkommen, mit bildungsferner Sozialisation und Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung gedacht. Es soll sie dazu anregen, ihre Fähigkeiten in künstlerischen und digitalen Medien aktiv einzusetzen. Mit dem neuen Projekt „Wir sind auch noch da“ möchte Projektleiterin Saher Khanaqua-Kükelhahn rund 100 jungen Menschen zwischen 15 und 21 Jahren mit Behinderungen und aus der Gruppe der Lesben, Schwulen, Bisexuellen oder Transgender Medienkompetenzen vermitteln.


Um Kinder in Bewegung zu bringen und ihnen eine sinnvolle und gesunde Freizeitgestaltung zu ermöglichen, initiiert der TSV Woltmershausen seit 15 Jahren das Projekt „Bewegungslandschaft“ vom Ende der Herbstferien bis zum Beginn der Osterferien. Krabbelkinder und Kinder bis zu fünf Jahren können sich in Begleitung eines Erwachsenen in einer aufgebauten Kletterlandschaft austoben, auch ohne Vereinsmitgliedschaft.

Der Förderverein des Technischen Hilfswerks, „THW IG Harriersand“, veranstaltet seit zehn Jahren einmal im Jahr den „THW Kinderferientag“.

Der Förderverein des Technischen Hilfswerks, „THW IG Harriersand“, veranstaltet seit zehn Jahren einmal im Jahr den „THW Kinderferientag“.

Foto: THW IG Harriersand

Der Förderverein des Technischen Hilfswerks, „THW IG Harriersand“, veranstaltet seit zehn Jahren einmal im Jahr den „THW Kinderferientag“ mit dem Ziel, Vereine und Ehrenamt vorzustellen. Daran wirken teilweise bis zu 100 freiwillige Helferinnen und Helfer mit und sind diverse andere Vereine und Organisationen beteiligt.


Für die Integration von Geflüchteten engagiert sich der Verein „Fluchtraum“. Er bietet seit 2016 in Kooperation mit dem Jugendhaus Buchte ein Beratungscafé für junge Geflüchtete. In dem offenen Treffpunkt treffen sie auf Freiwillige, die sie in Alltagsfragen unterstützen, zum Beispiel der Suche nach einem Praktikums- oder Ausbildungsplatz oder im Umgang mit Behördenschreiben. Parallel dazu wird ein Lerntreff angeboten als Unterstützung beim Deutsch lernen oder den Hausaufgaben.


Der „Flüchtling für Flüchtling“ ist ein neuer Dachverband von aktuell elf Flüchtlingsvereinen und -institutionen in Bremen und versteht sich als deren Interessenvertreter, Schnittstelle zwischen ihnen und öffentlichen Einrichtung. Er möchte einen Beitrag zur sozialen und politischen Teilhabe und Integration von Menschen mit Flucht- beziehungsweise Migrationshintergrund leisten und will über die Mitgliedsvereine der verschiedenen Nationen vor allem Menschen unterstützen, die bei der Bewältigung im Alltag Schwierigkeiten haben.


Einen Großteil dessen, was zur Ausstattung einer ersten Wohnung gehört, finden Geflüchtete bei der Ökumenischen Starthilfe Grohn, einer Initiative der evangelischen St. Michaels-Gemeinde und der katholischen Gemeinde Heilige Familie. Ehrenamtlich betreibt sie einen „Supermarkt“, in dem sich Geflüchtete kostenlos bei Bekleidung, Wäsche, Spielwaren, Geschirr, Haushaltwaren und Möbelstücken bedienen können.

Besuch im Blauhaus in der Überseestadt - Haus 10

Um die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen zu verbessern, ist das inklusive Wohnprojekt „Blauhaus“ in der Überseestadt entstanden.

Foto: Frank Thomas Koch

An traumatisierte oder von Gewalt bedrohte Frauen mit und ohne Kinder richtet sich das Projekt „Garten der Vielfalt“ im Übergangswohnheim Walle der Caritas. Bei dem Gartenprojekt, das zu 80 Prozent ehrenamtlich läuft, werden pro Projekttag jeweils acht Bewohnerinnen und ihre Kinder von zwei Mitarbeiterinnen auf Deutsch in die Gartenarbeit eingeführt und lernen nebenbei die Sprache.


Um die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen zu verbessern, ist das inklusive Wohnprojekt „Blauhaus“ in der Überseestadt entstanden. Dort leben rund 170 Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen aller Altersgruppen in 84 Wohnungen. Das Herzstück ist die „Blaue Manege“. An dem bürgernahen Beschäftigungs- und Kulturprojekt, das der Verein „Blaue Karawane“ in Kooperation mit der Gewoba, dem Martinsclub und Quirl Kinderhäuser umsetzt, kann sich jeder Interessierte beteiligen.


In dem Bereich Freizeit und Hobby hat die Lebenshilfe Bremen in den vergangenen zehn Jahren über 100 Tandempartnerschaften initiiert. Rund 30 Freiwillige unterstützen und begleiten erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung bei deren individuellen Freizeitaktivitäten, Konzertbesuche, Ausflüge und anderem wird dieser Zielgruppe dadurch erst ermöglicht.


Der Verein „Ambulante Versorgungsbrücken“, den die im Mai 2020 verstorbene Elsbeth Rütten gegründet hat, hatte sich anfangs drauf konzentriert, dafür zu kämpfen, dass Menschen nach der Entlassung aus einer Klinik nicht plötzlich zu Hause ganz auf sich gestellt sind, sondern unterstützt werden. Inzwischen hat er viele Kooperationspartner, um unter anderem auch Senioren fit im Umgang mit Internet, Handy und Co. zu machen. Die Vereinsaktivitäten umfassen ferner Patenschaftsprojekte wie „Selbstbestimmt im Alter“ oder „Chancenpatenschaften“, bei denen Ehrenamtliche zum Beispiel Geflüchteten mit Kompetenz und Zeit zur Seite stehen.

Rolf und Erika Diehl

Das Ehepaar Erika und Rolf Diehl produziert seit elf Jahren den „Vahr-Report“, ein Stadtteilmagazin im Internet mit Berichten, Informationen, Terminen, Fotostrecken und Videos über Veranstaltungen in der Vahr.

Foto: Petra Stubbe

Schwer und unheilbar kranken Tumorpatienten und ihren Angehörigen gibt der Förderverein Palliativstation am Klinikum Links der Weser mit dem Projekt „Palliativlotsin“ eine kostenlose Hilfe an die Hand. Die Fachfrau berät die Betroffenen zu allen sozialen Fragestellungen und begleitet sie in einer palliativen Situation.


Um Gutes für die Seele hat sich die DKV-Residenz in der Contrescarpe während der strikten Schließungsphase durch die Pandemie bemüht und mit der Sopranistin Julia Bachmann im Innenhof der Einrichtung Balkonkonzerte veranstaltet.


Gemeinschaft stiften ist ebenso der Ansatz von Erika und Rolf Diehl. Das Ehepaar produziert seit elf Jahren den „Vahr-Report“, ein Stadtteilmagazin im Internet mit Berichten, Informationen, Terminen, Fotostrecken und Videos über Veranstaltungen in der Vahr. Bisher haben Diehls rund 6000 Beiträge und etwa 250 Fernsehsendungen mit hohem Aufwand produziert, alles durch Eigenmittel und Spenden finanziert.


Für rund 800 bedürftige Menschen in Bremen richtet der DRK-Kreisverband Bremen mit weiteren Veranstaltern jeweils am Dienstag in der Woche vor Weihnachten in der Halle IV ein großes Festmahl aus. Die Gäste werden über die Caritas, Innere Mission, Bremer Suppenengel und Tafeln eingeladen. Über 250 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sind daran beteiligt, mehr als 20 prominente Unterstützer engagieren sich ehrenamtlich als Bedienung, Firmen und Privatpersonen spenden dafür.

Die Bürgerinititative Grambker Sommerbad betreibt das Bad seit 2016.

Die Bürgerinititative Grambker Sommerbad betreibt das Bad seit 2016.

Foto: Reimer Kanje

Wie sozialer Zusammenhalt ist einem Ortsteil lebendig werden kann, dafür liefert die Bürgerinititative Grambker Sommerbad ein schönes Vorbild. Sie betreibt das Bad seit 2016, wird vom Beirat, Sportverein 1. FC Burg und privaten Spendern unterstützt, und deren Mitglieder initiieren ehrenamtlich außerdem eine Fülle von nachbarschaftlichen Aktivitäten in Grambke.

Witha Winter von Gregory

Witha Winter-von Gregory hat mit ihrem Verein dafür gesorgt, dass im Rhododenronpark 2003 der Garten der Menschenrechte eingeweiht worden ist.

Foto: Petra Stubbe

Um ein Projekt anzustoßen, bedarf es auch immer ehrenamtlicher Initiative Einzelner. Witha Winter-von Gregory hat mit ihrem Verein dafür gesorgt, dass im Rhododenronpark 2003 der Garten der Menschenrechte eingeweiht worden ist, der die wichtigsten Passagen der Charta der Menschenrechte ins Bewusstsein rückt. Sie sind in Form von Wegeineeinfassungen dargestellt. Ein Freundeskreis stellt regelmäßig einen bestimmen Artikel der UNO-Menschenrechtserklärung durch Kulturspaziergänge oder den Kultur-Mitmach-Markt heraus. Kinder und Jugendliche werden vielfach eingebunden.

Als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 hat Regina Heygster fast im Alleingang den Rembertitunnel zu einem Symbol des Friedens umgestaltet und den Verein „Friedenstunnel“ gegründet.

Als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 hat Regina Heygster fast im Alleingang den Rembertitunnel zu einem Symbol des Friedens umgestaltet und den Verein „Friedenstunnel“ gegründet.

Foto: Rafael Heygster

Als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 hat Regina Heygster fast im Alleingang den Rembertitunnel zu einem Symbol des Friedens umgestaltet und den Verein „Friedenstunnel“ gegründet. Das wäre ohne Hilfe zahlreicher Privatpersonen nicht möglich gewesen. Der Verein unterstützt sie, den „Friedenstunnel“ als Symbol des Friedens unter dem Credo Verständigung fördern als Lern- und Begegnungsort zu etablieren.


Ihr professionelles Know-How nutzt Astrid Touray für ihr vielfältiges ehrenamtliches Engagement. Die Sozialarbeiterin beim Landessportbund engagiert sich für mehr Teilhabe im Sport und hat in diesem Jahr mit vielen Mitstreitern und Kooperationspartnern den Verein „Schwimm mit“ gegründet, um die Schwimmfähigkeit von Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiigten Familien zu verbessern. Bei der „Mobilen Schwimmschule“ wird ein mobiles Becken in Kindergärten und Grundschulen aufgebaut und erfahrende Trainer führen die Kleinen ans Wasser und Schwimmen heran.

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