Philosoph Nicolas Dierks gibt im Rahmen der Sonderausstellung im Universum Tipps für den Alltag Hilfe beim Entscheiden

Entscheidungen zu treffen ist oft schwierig, nicht erst seit es scheinbar unendlich viele Möglichkeiten gibt. Eine Sonderausstellung im Universum geht diesem Phänomen auf den Grund. Zur Eröffnung hat der Bremer Philosoph Nicolas Dierks Anregungen für den hektischen Alltag gegeben.
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Von JOSCHKA SCHMITT

Entscheidungen zu treffen ist oft schwierig, nicht erst seit es scheinbar unendlich viele Möglichkeiten gibt. Eine Sonderausstellung im Universum geht diesem Phänomen auf den Grund. Zur Eröffnung hat der Bremer Philosoph Nicolas Dierks Anregungen für den hektischen Alltag gegeben.

„Entscheide lieber ungefähr richtig als genau falsch“: Das soll einst der Dichterfürst Goethe gesagt haben. Im heutigen Alltag gibt es gefühlt mehr Möglichkeiten und Optionen denn je. Dadurch wird die Entscheidungsfindung zunehmend schwieriger, und die Chancen steigen, genau falsch zu liegen.

Das Science-Center Universum widmet diesem Umstand noch bis 10. Mai eine Sonderausstellung, die helfen soll, möglichst richtige Entscheidungen zu treffen. Den Auftakt für ein abwechslungsreiches Begleitprogramm gestaltete Nicolas Dierks mit einer Lesung aus seinem Bestseller „Was tue ich hier eigentlich? Philosophisch denken lernen und nebenbei das Leben verstehen“.

Seit anderthalb Jahren wohnt der Autor mit seiner Familie in Schönebeck im Bremer Norden. Der gebürtige Hamburger lehrt und forscht an der Leuphana Universität Lüneburg, wo er Kulturwissenschaften studierte und in Philosophie promovierte. „Vor einiger Zeit habe ich entdeckt, dass es mir großen Spaß macht, außerhalb der universitären Zirkel tätig zu sein – und so bin ich jetzt auch Sachbuchautor geworden“, bekennt er.

In der modernen Welt von vernetzten Job-Hoppern, sprunghaften Fast-Liebespaaren und unentschlossenen Nichtwählern dominieren oft Unsicherheiten und Qualen der Wahl. Für Nicolas Dierks ist die Philosophie eine hilfreiche Unterstützung, um im hektischen Alltag zu bestehen. Das möchte er in seinem Buch und im Vortrag vermitteln.

Unter dem Titel „Entscheiden – eine Ausstellung über das Leben im Supermarkt der Möglichkeiten“ verspricht das Universum dem Besucher ein Blick hinter die Kulissen der Entscheidungsfindung und persönliche Tipps. Glaubt man dem Kulturwissenschaftler Dierks, gibt es dafür jedoch keine Musterlösung – doch Philosophieren könne helfen.

Keine einfachen Antworten

Er beschreibt Philosophie als „eine Art, sich mit dem eigenen Denkstil auseinanderzusetzen“. Fragen wie „Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Was ist eigentlich ein gutes Leben?“ gehen jeden konkret etwas an. Nur: Wo sind nun Lösungen für diese Jahrhunderte alten Rätsel? „Ich würde sagen, die Philosophie versucht nicht den Anschein zu erwecken, als gäbe es einfache Antworten, als könnte man den richtigen Kurs belegen, das richtige Buch lesen und hätte dann pauschal das erfüllte Leben gebucht“, sagt Nicolas Dierks. Er fügt hinzu: „Es ist ein Training, bestimmte Denkfehler nicht ganz so leicht zu machen. Dafür trainiert man die eigene Urteilsfähigkeit und kommt langfristig damit viel besser klar, als wenn man nach Schema F versucht, glücklich zu sein“. Jeder sei bekanntlich seines Glückes Schmied, und wer das Leben verstehen wolle, müsse sich aus philosophischer Sicht auf einen lebenslangen Prozess einlassen. Jedoch ist das Leben laut Dierks durch neue Phasen, geänderte Umstände oder die Personen, die einen umgeben, ständigen Änderungen unterworfen. Und jedes Mal beginne dieser Verständnisprozess neu.

In unserem schnelllebigen Alltag bezeichnet Nicolas Dierks die Philosophie als eine Art ständigen Begleiter. Wenn man den falschen Weg verfolge und Unzufriedenheit erkenne, könne sie uns sensibilisieren, solche Momente ernst zu nehmen, eine frische Perspektive zu ergreifen und wirklich grundlegende Dinge zu hinterfragen. Allerdings kann Philosophieren laut Dierks auch bremsen, etwa wenn unmittelbarer Handlungsbedarf besteht. Sollte man dann bei der Entscheidungsfindung auf den Kopf oder den Bauch hören? Diese Einteilung kommt auch in der Ausstellung vor, der Philosoph ist jedoch kein Freund davon. „Ich würde sagen, man hört immer mit dem Kopf.“ Und das nicht nur, weil sich dort die Ohren befinden. „Letztlich ist es immer der Kopf, der die Frage stellt, welchen Gründen gebe ich jetzt nach?“, sagt Dierks. Er nennt Verstand, Vernunft oder Moral als Ursachen.

Allerdings können auch Emotionen entscheidend sein, das wären für den Kulturwissenschaftler dann Herz- oder Bauchgefühle. Demnach muss ein aufgeklärter Erwachsener für ein selbstbestimmtes Leben all diese Motive beachten.

Immer wenn sich Nicolas Dierks unsicher ist, ob er etwas wirklich tun sollte, fragt er sich: Was meine ich eigentlich damit? Könnte ich das nicht auch anders formulieren, und würde ich dann vielleicht auf neue Denkwege kommen? Aus diesen Ansätzen ist sein Buch entstanden, das auch Generelles über die Philosophie vermittelt. Der Autor hält es besonders geeignet für Menschen, „die wenig Zeit haben, hektisch durch den Tag gehen und Schwierigkeiten haben runterzukommen“. Mit seinem Werk möchte er die Leser aus ihrem geschäftigen Treiben abholen, Möglichkeiten liefern, in Momenten der Entschleunigung über das eigene Leben nachzudenken und so wieder in den Alltag zurückzufinden. „Das ist vielleicht das, was für die heutige Zeit so wichtig und gleichzeitig so schwierig ist, diese Verlangsamung.“

Doch auch abseits des alltäglichen Trotts biete „Was tue ich hier eigentlich?“ Anstöße, um sich persönlich mit größeren Zusammenhängen auseinanderzusetzen. „Beispielsweise gibt es eine Episode in dem Buch, wo ich mit einem Schulfreund darüber rede, welchen Weg man im Leben so genommen hat“, erzählt der Autor. Dieser habe seine Leidenschaft aufs Rentenalter verschoben. Ein sehr erschreckender Gedanke für Nicolas Dierks. Gefreut haben ihn dazu Leserzuschriften, die sich an der Stelle ertappt gefühlt haben und sich fragten, warum sie ihren Lebenstraum auf später vertagt hätten.

Zur Eröffnung der Ausstellung las Dierks aus seinem Buch. Die Ausstellung selbst gefällt dem Philospohen gut: „Sie ist nicht überladen, das finde ich toll, sie thematisiert den Supermarkt der Möglichkeiten in der heutigen Zeit.“ Der nächste Termin im Begleitprogramm ist ein Kurzvortrag des Neurobiologen und Buchautors Henning Beck zur Funktionsweise des Gehirns bei kreativen Ideen und Entscheidungsfindungen sowie deren Optimierung am Freitag, 16. Januar. Unter dem Titel „Biologie des Geistesblitzes. Wie das Gehirn neue Entscheidungen trifft” wird eine naturwissenschaftliche Herangehensweise gewählt, die Nicolas Dierks‘ Ansatz womöglich gegenübersteht. Und am 29. Januar referiert Professor Gerhard Roth zum Thema „Freier Wille – wie frei können wir eigentliche entscheiden?“.

Als praktischen Tipp zur Bewältigung des Alltags, hat Nicolas Dierks eine Anregung parat: „Mein Vorschlag wäre, immer zu versuchen, eine bestimmte Routine des Nachdenkens, des sich Sammelns zu finden.“ Dies könne beim Spaziergang oder zusammen mit einer bestimmten Person geschehen, wenn man sich selbst plötzlich Dinge sagen hört, die einem noch gar nicht so klar waren. „Das sind, glaube ich, die wirklich wichtigen Momente. Und diese Routinen, die sollte man rückhaltlos beschützen“, rät der Philosoph. In dem Moment sollte das Smartphone ausgeschaltet bleiben und aufs Internet verzichtet wird. „Es ist leicht, das einmal zu tun. Aber daraus eine Gewohnheit zu machen, das ist das Wichtige.“ Damit wäre vielleicht schon ein großer Schritt Richtung Goethes Philosophie getan.

Die Sonderausstellung „Entscheiden“ im Universum Bremen, Wiener Straße 1a, läuft bis zum 10. Mai. Sie ist geöffnet montags bis freitags 9 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 8, ermäßigt 6 Euro. Weitere philosophische Anregungen gibt Nicolas Dierks auch in seinem Blog im Internet unter der Adresse www.nicolas-dierks.de.

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