WESER-KURIER-Sommersitz in Borgfeld

Hilfe für Flüchtlinge statt Widerstand

In Borgfeld sorgt vor allem die Verkehrssituation für Ärger. Nichts mehr zu spüren ist vom erbitterten Protest gegen die Flüchtlingsunterkunft. Dafür umso mehr vom ehrenamtlichen Engagement für die 32 Jugendlichen.
29.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Hilfe für Flüchtlinge statt Widerstand
Von Ralf Michel

Doch doch, auch in Borgfeld gibt es Sachen, über die man sich mächtig aufregen kann. Über den Verkehr zum Beispiel. Quasi an jeder Ecke ist von „unhaltbaren Zuständen“ die Rede. Und man könnte auch lange über die anscheinend schwer zu überwindende Spaltung des Dorfes diskutieren. Auf der einen Seite der alte Ortskern, auf der anderen „die drüben“ im westlich gelegenen Neubaugebiet. Aber worüber nicht mehr gestritten wird, und das ist die eigentlich gute Nachricht aus Borgfeld, ist das Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Die Aufregung hat sich gelegt, es ist wieder Ruhe eingekehrt, sagen alle, aber auch wirklich alle, die am Freitag zum Sommersitz des WESER-KURIER auf dem Platz zur Linde gekommen sind. Nichts mehr zu spüren vom erbitterten Protest gegen die Flüchtlingsunterkunft. Dafür umso mehr vom ehrenamtlichen Engagement für die 32 Jugendlichen, die heute in dem Anfang April eröffneten Containerdorf leben.

Jugendliche mit Ziel vor Augen

Das war nicht immer so, erinnert sich Jakob Rudolph an den Widerstand gegen das Flüchtlingswohnheim und „das martialische Gebrüll einiger Väter“. Heute sei davon nichts mehr zu spüren. Die Skepsis war groß, aber die Befürchtungen seien nicht eingetroffen, sagt Ortsamtsleiter Gernot Neumann-Mahlkau. Was Martin Schumacher, grüner Abgeordneter im Beirat, nicht wundert. „Das sind Jugendliche, die ein Ziel vor Augen haben. Die wollen ihren Platz finden in unserer Gesellschaft.“

Viele Borgfelder unterstützen sie dabei, betont Neumann-Mahlkau. Eigens dafür wurden Arbeitskreise organisiert, die sich um unterschiedliche Aufgaben kümmern, wie etwa Deutschunterricht, Behördengänge, Sport oder das Beschaffen fehlender Bekleidung. Als „vorbildlich“ lobt Schumacher auch die Rolle der Sportvereine. Gerne noch mehr würde der Schützenverein machen, sagt dessen Vorsitzender Ingo Buchenau. Aber traumatisierte Jugendliche aus Afrika und Gewehre... – das sei noch nicht möglich. „Wir haben ihnen aber zumindest unsere Räumlichkeiten angeboten, für Nachhilfe oder Verkehrsunterricht. Auch wir wollen gerne Teil ihrer Integration sein.“

Jakob Rudolph ist Mentor geworden. Er und seine Frau kümmern sich um einen Jugendlichen aus Guinea, üben Deutsch mit ihm und nehmen ihn mit zu Veranstaltungen, wie unlängst zur Sail. Die Unterstützung von Flüchtlingen hat bei dem ehemaligen Sozialarbeiter familiäre Wurzeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierte sein Vater die Ansiedlung von Ostflüchtlingen in Borgfeld. „250 Wohneinheiten speziell für vertriebene Landwirte wurden hier nach dem Krieg gebaut“, wirft der Vorsitzende des Bürgervereins, Heiko Wagener, ein. Im Faltplan des Bürgervereins ist deren Ansiedlung mit einem gelber Punkt markiert. „Flüchtlingssiedlung“ ist daneben zu lesen, gleichsam ein Beleg dafür, dass dieses Thema in Borgfeld nun wirklich alles andere als neu ist.

Als die Herrenrunde sich längst verabschiedet hat, schaut Brunhilde Christoph vorbei, die Leiterin der Flüchtlingseinrichtung. Sie bestätigt die allgemeine Einschätzung. Der anfängliche Gegenwind habe sich gelegt. Heute unterstütze ein großer Kreis von Borgfeldern die Jugendlichen – vom Sprachunterricht über die Einrichtung einer Fahrradwerkstat bis hin zum Filmprojekt mit den Flüchtlingen. Daraus hätten sich etliche Kontakte entwickelt, und aus den Kontakten seien Mentoren hervorgegangen, daraus Einzelvormundschaften – und das alles in einem so kleinen Ortsteil wie Borgfeld. „Das gibt den Jugendlichen viel Auftrieb, ich erlebe eine hohe Zufriedenheit.“

Ruhe also in Sachen Flüchtlinge. Zeit, sich wieder anderen Themen zuzuwenden. Die Verkehrssituation wird unisono als Problem betrachtet, nicht zuletzt auch wegen der immer neuen Ausweisung von Baugebieten in der niedersächsischen Nachbarschaft, erklärt Beiratssprecher Karl-Heinz Bramsiepe (CDU). „Lilienthal baut eine Umgehung, aber bei uns geht der Verkehr weiter.“

„Borgfeld ist ein Transit-Ortsteil“, bringt es Cornelia Schmidt auf den Punkt. Seit 2001 wohnt sie hier, und das gerne, wie sie betont. „Das einzige, was nervt, ist der Verkehr.“ Reiner Strenge hofft, „dass uns der ländliche Charakter noch ein wenig erhalten bleibt“ und spricht damit das Wachstum der Ortschaft an. 5000 Einwohner waren es im Jahr 2000, heute sind es mehr als 9000.

„Durch die Neubaugebiete ist Borgfeld ein junger Stadtteil geworden“, sagt Bramsiepe. Sehr erfreulich sei das, bringe aber auch Probleme mit sich. Die Grundschulsituation habe man inzwischen im Griff, Engpässe gebe es aber noch bei den Krippenplätzen. Wie auf Stichwort kommt Christina Geiger mit ihren Söhnen Magnus und Hugo vorbei. Seit fünf Monaten wohnt sie im alten Teil von Borgfeld. Gerade kommt sie vom Einkaufen. Der dörfliche Kern, alles zu Fuß in Reichweite – für sie ein dicker Pluspunkt. Manchmal vermisse sie die Nähe zur Stadt. „Man ist hier ein bisschen weit vom Schuss.“ Aber das sei eben der Preis für das dörfliche Idyll.

Wunsch nach kulturellem Zentrum

Heiko Wagener vom Bürgerverein und Kunsthistorikerin Rena Noltenius wünschen sich ein kulturelles Zentrum. Sie träumen von einem Dorfgemeinschaftshaus. Johannes Huesmann und Jürgen Linke vermissen bezahlbaren Wohnraum für Senioren. Und wenn die Buslinie 31 der BSAG auch das Ortszentrum abdecken würde, wäre das auch sehr im Sinne der Senioren.

Einig sind sich aber alle, dass es sich in Borgfeld harmonisch leben lässt. Viel Grün überall und vor allem: „Hier leben sehr freundliche Menschen.“ Der Beweis folgt – unabgesprochen – auf dem Fuße: Gegenüber vom Sommersitz, an diesem Vormittag eher ein Herbstsitz, liegt die Bäckerei Ruchel. Eine Mitarbeiterin kommt mit einem Kaffee über die Straße. „Sie sehen aus, als ob Sie den gebrauchen können.“

Die weiteren Sommersitz-Termine

31. August: Oberneuland

1. September: Blockland

2. September: Burglesum

3. September: Blumenthal

4. September: Osterholz

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