Ansprechpartner für LSBTIQ*-Menschen

Hilfe für Opfer von Hasskriminalität in Bremen

Hasskriminalität nimmt zu, wird oft aber nicht als solche erkannt, sagt Daniel Blida und umschreibt damit einen Teil seines Aufgabenfeldes. Der 42-Jährige ist Ansprechpartner der Polizei für LSBTIQ*-Menschen.
29.01.2020, 20:37
Lesedauer: 4 Min
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Hilfe für Opfer von Hasskriminalität in Bremen
Von Ralf Michel

Zu beschreiben, welche besondere Aufgabe Daniel Blida Anfang des Jahres bei der Bremer Polizei übernommen hat, beginnt mit der Auflösung eines wahren Ungetüms von Akronym. Der 42-Jährige ist AP LSBTI – Ansprechpartner für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Interpersonen. Oder anders ausgedrückt: Kontaktperson für alle Menschen, deren geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung sich nicht auf männlich oder weiblich beschränkt.

Bei der damit angesprochenen Bremer Gemeinschaft gibt es hinter LSBTI noch ein Q und ein *. Das Q steht für Queer, das Sternchen als Platzhalter für alle nicht genannten Identitäten. Blida hat nichts gegen die sperrige Abkürzung für seine Funktion. Im Gegenteil, er arbeitet damit. „Sie ist wie ein Tor: Man kommt darüber ins Gespräch.“ Probleme hat der 42-Jährige dagegen mit der Frage, ob von all dem etwas auf ihn persönlich zutrifft. „Nein, ich bin nicht schwul, aber das tut auch nichts zur Sache“, sagt er mit Nachdruck. „Das Thema umgibt mich. Ich bin nun einmal ein empathischer und weltoffener Mensch.“

Genau das sei es auch gewesen, das seinen Vorgänger in dieser Funktion, Sven Rottenberg, dazu gebracht habe, ihn auf diese Aufgabe anzusprechen. „Du mit deiner emphatischen Art bist der Richtige dafür“, habe Rottenberg gesagt. „Und ich habe dann nach kurzer Bedenkzeit auch sehr sehr gerne zugesagt.“ Für Blida gehört diese Einstellung unbedingt dazu. „Man muss dafür schon eine Affinität und Ambitionen haben.“ Blida soll Opfer trans- oder homophober Straftaten in der Bremer LSBTIQ*-Gemeinschaft unterstützen und in diesem Bereich auch Präventionsarbeit leisten.

Zugleich richtet sich seine Tätigkeit aber auch nach innen. Zum einen soll er seine Kollegen im Umgang mit den Opfern schulen. Was damit beginnt, Hasskriminalität überhaupt als solche zu erkennen. Zum anderen ist Diskriminierung von LSBTIQ*-Menschen natürlich auch innerhalb der Polizeibehörde ein Thema. Knapp unter 2600 Mitarbeiter hat die Polizei Bremen. Wie viele davon zu den genannten Gruppen gehören, könne er natürlich nicht sagen.

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Generell gehe man aber davon aus, dass es zwischen sieben bis zehn Prozent seien, berichtet Blida. Hier setze seine Arbeit an. „Es geht darum, keinen Menschen auszugrenzen.“ Er selbst wisse von mehreren Kollegen, die sich nicht geoutet hätten. Ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld in der Polizei zu schaffen steht deshalb weit oben auf seiner Agenda. Ansatzhebel dafür ist die Sprache, sagt Blida. Oft ginge es um kleine Dinge, um unbewusste Äußerungen.

Wie etwa die locker hingeworfene Bemerkung, dass irgendwas schwul sei oder schwul aussehe. „Aber so etwas verfestigt sich. Als Nächstes kommen entsprechende Filmchen dazu, die auf Whatsapp verschickt werden. Und irgendwann schlägt das Ganze dann um.“ Um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken, schult Blida seine Kollegen.

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Innerhalb der Qualifikation zu Führungskräften zum Beispiel, in den Fachdienststellen oder auch in der Ausbildung der Studenten. „Nicht weil bei uns jeder homophob ist“, betont der Kommissar. „Wie gesagt, oft läuft das unbewusst ab.“ Hier gelte es, alte Strukturen und Denkmuster aufzubrechen.

Auch und gerade natürlich im Umgang mit Opfern, die sich bei der Polizei melden. Aus Unkenntnis der Kollegen würden viele Anzeigen, bei denen es sich eigentlich um Hasskriminalität handele, als Beleidigung im Berg der Massendelikte untergehen, berichtet Blida. Auch deshalb würden viele Betroffene gar nicht erst Anzeige erstatten. „Man weiß nicht, wie die Polizei darauf reagiert. Und bringt das überhaupt was?“

Dass sich bislang nur wenige Betroffene zu einer Anzeige entschließen, ist für Daniel Blida nachvollziehbar und hat für ihn auch keineswegs nur mit der Polizei zu tun. „So weit sind wir in unserer Gesellschaft insgesamt mit der Toleranz noch nicht.“ Nicht vergessen werden dürfe in diesem Zusammenhang, dass der Gang zur Polizei für die Betroffenen bedeutet, sich zwangsweise outen zu müssen. Genau hier setzt der 42-Jährige einen Schwerpunkt seiner Arbeit.

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„Ich sehe meine Stelle als sicheren Hafen für alle Betroffenen.“ Unter dem Mailpostfach lsbti@polizei.bremen.de kann sich jeder an ihn wenden, der Probleme hat. „Ich versuche dann, zu helfen, gehe auch mit zur Wache und wir erstatten gemeinsam Anzeige. Oder ich mache das sogar allein.“ Absolute Vertraulichkeit ist selbstverständlich. Einzige Einschränkung: „Auch ich habe eine Strafverfolgungspflicht. Wenn ich von Straftaten höre, muss ich handeln.“ Außerdem gilt: „In dringenden Fällen sollte der Notruf 110 gewählt werden.“

50 Prozent seiner Dienstzeit stehen Blida, der in der Zentralen Polizeidirektion für Nachwuchsgewinnung und Praktika zuständig ist, für seine neue Tätigkeit zur Verfügung. Was man durchaus als Beleg für die zunehmende Bedeutung betrachten kann, die Bremens Polizeiführung diesem Aufgabenbereich beimisst. Bei seinem Vorgänger Sven Rottenberg waren es lediglich 25 Prozent.

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Begonnen hat Blida diese Tätigkeit schon im November 2019, offiziell dann am 1. Januar dieses Jahres. Die Resonanz darauf sei überaus positiv gewesen, erzählt er. „Das wurde wunderbar aufgenommen, innen wie außen. Ich habe wahnsinnig viele Glückwunschschreiben aus allen Richtungen bekommen.“ Aber auch Fragen von ein paar Kollegen, ob er denn jetzt auch „warm“ werde. Dies wiederum könnte man als Beleg dafür nehmen, dass ein Ansprechpartner für LSBTIQ*-Menschen bei der Bremer Polizei genau richtig ist.

Info

Zur Sache

Hasskriminalität – besondere Bedrohung mit hoher Dunkelziffer

Das Bundeskriminalamt spricht nicht nur von politisch motivierter Kriminalität, wenn es bei Straftaten um Nationalität, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder politische Haltung geht. Sondern auch dann, wenn sie auf Abneigung oder Hass des Täters auf die sexuelle Orientierung, sexuelle Identität oder das äußere Erscheinungsbild des Opfers beruhen.

In diesen Fällen wird auch von „Hasskriminalität“ gesprochen. Das Bundesinnenministerium sieht hierin eine „besondere Bedrohung unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung“. Liegen Anzeichen dafür vor, muss die Polizei dies dem Staatsschutz melden. 2018 wurden in Deutschland rund 350 Straftaten angezeigt, die aufgrund von Homo-, Bi-, Trans- oder Interfeindlichkeit verübt wurden. 97 davon waren Gewalttaten.

Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass nur wenige dieser Straftaten angezeigt werden und die Dunkelziffer bei über 90 Prozent liegt. In anderen Ländern gibt es deutlich höhere Zahlen: In England und Wales wurden 2018/19 insgesamt 103 000 Fälle von Hasskriminalität angezeigt. LSBTIQ*-Menschen sind häufig von Beleidigung, Bedrohung, Körperverletzung, Erpressung, übler Nachrede und Verleumdung betroffen.

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