Tabuthema Einsamkeit Hilfe im Hier und Jetzt

Das Gefühl der Einsamkeit treibt einen großen Teil der Anruferinnen und Anrufer der Telefonseelsorge an den Hörer. Dabei handelt es sich beileibe nicht nur um Senioren, auch Jüngere leiden.
28.07.2019, 20:50
Lesedauer: 5 Min
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Hilfe im Hier und Jetzt
Von Silke Hellwig

Herr Brockmann, Frau Remmers, welchen Raum nimmt das Thema Einsamkeit bei den Anrufen bei der Telefonseelsorge ein?

Peter Brockmann: Einsamkeit ist in der Wahrnehmung unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seit Jahren eines der Top-Themen bei den Anrufen. Das gilt nicht nur für Bremen und nicht nur für die Weihnachtszeit, wenn Einsamkeit besonders schmerzhaft gespürt wird, sondern ganzjährig und bundesweit. Leicht übersehen wird, dass manche Menschen, die familiär und/oder beruflich gut eingebunden scheinen oder auch in Vereinen aktiv sind, mit ihrem inneren Erleben dennoch allein bleiben. Sie haben niemanden, mit dem sie manche Gefühle teilen können. Mit manchen Themen kann man sehr einsam bleiben.

Werden Sie auch von jungen einsamen Menschen angerufen?

Heidi Remmers: Durchaus. Vielfach herrscht der Eindruck, dass Einsamkeit vor allem ältere Menschen quält, die ihre Partner verloren haben oder deren Freundeskreis durch Krankheit und Alter immer kleiner wird. Aber es gibt auch Menschen im Alter von 30 bis Ende 40, die sich einsam fühlen. Ich habe den Eindruck, dass das andauernde Kommunizieren, das man überall in der Öffentlichkeit wahrnimmt, diese Gefühle noch verstärkt. Es scheint, als ob alle ständig mit anderen in Kontakt wären, und wer das nicht ist, fühlt sich besonders allein.

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Brockmann: Meinem Eindruck nach gibt es immer mehr Menschen, die trotz oder wegen Social Media eher Glas berühren als eine wärmende Hand, nach der sie sich eigentlich sehnen. Manche von ihnen rufen bei uns an. Die hohe Zahl von Menschen, die wiederholt die Nummer der Telefonseelsorge wählen, um mit einer oder einem der ehrenamtlich Mitarbeitenden zu sprechen, dokumentiert, dass es in der Gesellschaft entsprechende Defizite gibt.

Gibt es bei einsamen Anrufern Auffälligkeiten, was die Lebensverhältnisse betrifft?

Brockmann: Wir stellen keine gezielten Fragen für die Statistik, das widerspräche dem Schutz der Anonymität. Das Alter beispielsweise fragen wir nicht ab, sondern erschließen es, so gut es geht, aus dem Gespräch. Daraus können wir ablesen, dass Einsamkeit weder Alter noch Geschlecht kennt und auch keinen sozialen Status.

Remmers: Wir können in den Anrufen feststellen, dass bestimmte Lebensumstände zu Einsamkeitsgefühlen führen können. Oft sind das Lebensbrüche wie Trennungen, Orts- oder Berufswechsel, Arbeitslosigkeit. Gerade wenn Krisen wie der Verlust des Arbeitsplatzes nicht bewältigt werden, beispielsweise, weil das Thema schambesetzt ist, besteht die Gefahr des Rückzugs. Wir stellen oft fest, dass schon ein Gespräch mit der Telefonseelsorge, bei dem die die Anruferinnen oder Anrufer über ihre Situation und ihre Ängste reden können, zu einer Entspannung führt. Sorgen und Nöte zu teilen, löst schon viel. Es verringert die Einsamkeit nicht, aber es macht sie erträglicher.

Äußern die Anrufer klar, dass sie anrufen, weil sie einsam sind?

Remmers: Es gibt Anrufer, die direkt äußern, dass sie jemanden zum Reden brauchen. Manchmal wird auch erst durch das Gespräch deutlich, dass dieser Anruf der einzige Kontakt zu anderen Menschen an diesem Tag oder seit mehreren Tagen ist.

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Brockmann: Es ist eher heikel, das Thema Einsamkeit anzusprechen, weil es zu den Tabuthemen der Gegenwart zählt. Vor dem Hintergrund der Freundschaftsmöglichkeiten in Social Media und dem allenthalben vernehmbaren Gebot vielfältiger Vernetzungen in Familie, Nachbarschaft und im Beruf gilt Einsamkeit fast als unanständig, mindestens als ein Makel. Wir bekommen zu hören, dass wir die Einzigen sind, an die man sich mit einem bestimmten, oft schambesetzen Thema zu wenden wagt.

Geben Telefonseelsorger auch praktische Tipps, wie man der Einsamkeit womöglich entrinnen kann?

Remmers: Wir geben keine Tipps. Wir vermitteln die Anrufer nicht weiter. Wir respektieren die Anruferinnen und Anrufer in der Situation, in der sie sich gerade befinden. Wir relativieren die Gefühle nicht, geben keine klugen Ratschläge und sagen nicht etwas wie: Sehen Sie das doch mal von der Seite. Es geht in den Gesprächen nicht darum, etwas zu liefern, sondern darum, etwas so stehenlassen zu können.

Brockmann: Bei der Telefonseelsorge geht es um das Hier und Jetzt. Sie ist nicht dazu da, einen Therapeuten zu ersetzen oder Menschen einen Weg aus der Krise aufzuzeigen. Wir halten den Moment der Einsamkeit, den die oder der Anrufende gerade spürt, mit ihm zusammen aus. Es lässt sich nicht quantifizieren, welchen Beitrag die Telefonseelsorge leistet, um Menschen beizustehen, die unter ihrer Einsamkeit leiden. Dass sie es tut, ist unstrittig und wissenschaftlich belegt. Im Gespräch kann sich auch mal ergeben, dass man gemeinsam auf die Suche nach Möglichkeiten geht, der Einsamkeit zu entrinnen. Aber das Gespräch wird von unserer Seite nicht dorthin gelenkt.

Wie hoch ist Ihrer Erfahrung nach die Hemmschwelle, die Telefonseelsorge anzurufen? Wird sie eher als eine Art Dienstleister wahrgenommen oder als Rettungsanker in höchster Not?

Brockmann: Das ist ganz unterschiedlich. Manchen fällt es sicher leichter, anderen schwerer, sich zu melden. Das Angebot ist sehr niedrigschwellig: Man braucht nur ein Telefon, keinen Termin, man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit bei uns anrufen. Manchmal braucht man etwas Ausdauer, weil man nicht gleich drankommt. Mit Anrufern, die so verzweifelt sind, dass sie mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen, haben wir es manchmal auch zu tun. Das ist aber die Ausnahme, nicht etwa die Regel.

Haben Sie durch Ihre praktische Arbeit und den Austausch mit anderen Telefonseelsorgern den Eindruck, dass die Zahl derer steigt, die unter Einsamkeit leiden?

Brockmann: Das lässt sich schwer sagen. Was sich meinem Eindruck nach verändert hat, ist die Aufmerksamkeit für das Thema. Das gilt nicht nur für die Medien, sondern auch für die Politik. Vielleicht führt das dazu, dass sich mehr Menschen dazu bekennen, einsamer zu sein als sie eigentlich sein wollen. Ich bin allerdings der Meinung, dass man Einsamkeit nicht vorschnell pathologisieren sollte. Auch einsame Phasen gehören zum Leben dazu. Einsamkeit ist eine wichtige Erfahrung für den Menschen, die auch eine schöpferische Wirkung haben kann.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Telefonseelsorge, wo einsame Menschen Gehör finden, immer und immer wieder von ein und derselben Personen angerufen wird?

Brockmann: Das gibt es, aber nur selten. Es gehört zu unseren Aufgaben, das zu verhindern. Entsprechend werden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgebildet. Die Anrufer können sich ihre Gesprächspartner auch nicht aussuchen, wir lassen keine Abhängigkeit zu.

Es gibt einsame Menschen, die beklagen, dass ihnen durch das Internet Kommunikation mit der ganzen Welt möglich ist, ihnen aber ein Gegenüber fehlt, ein Gesicht. Damit kann die Telefonseelsorge auch nicht dienen.

Brockmann: Hier in Bremen kann sie es nicht, aber es gibt auch Beratungen von Angesicht zu Angesicht. Außerdem gibt es die Seelsorge inzwischen auch per Mail und Chat, weil wir feststellen mussten, dass das Telefon nicht mehr das Medium jeder Generation ist. Wir in Bremen planen ebenfalls, unser Angebot auf einen Chat auszuweiten.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Heidi Remmers ist seit mehr als einem Jahr beraterisch-seelsorgliche Mitarbeiterin der Telefonseelsorge Bremen.

Peter Brockmann ist Theologe und leitet seit 2014 hauptamtlich die Telefonseelsorge Bremen.

Info

Zur Sache

Ein Ehrenamt

Rund 75 ehrenamtliche Frauen und Männer engagieren sich für die Telefonseelsorge Bremen, 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Bundesweit engagieren sich rund 7500 Frauen und Männer in 105 Telefonseelsorge-Stellen. In der Bremer Stelle werden pro Jahr rund 9500 seelsorgerische Gespräche geführt. Die Zahl der entgegengenommen Anrufe liegt deutlich höher, bei rund 14 000. Bundesweit sind es rund acht bis neun Millionen Anrufversuche, aus denen sich etwa 1,2 Millionen Gespräche entwickeln. Die Telefonseelsorge wird von der Evangelischen und der Katholischen Kirche getragen und finanziert, die Telekom trägt die Gesprächskosten. Die Ausbildung zum Telefonseelsorger dauert ein Jahr. In Bremen sind weitere Interessenten willkommen.

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