Freirad bietet Speichen und Dynamo auf dem Gelände der ehemaligen Wurstfabrik Könecke

Hilfe zur Fahrradselbsthilfe

Hemelingen. Ob Kette, Reifen oder Bremsen – bei Problemen am Fahrrad fehlt vielen Radlern nicht nur das richtige Werkzeug, sondern auch das Know-how. Dies zu ­ändern ist die Aufgabe, die sich die Fahrradschrauber von Freirad gestellt haben.
01.08.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Hasemann

Hemelingen. Ob Kette, Reifen oder Bremsen – bei Problemen am Fahrrad fehlt vielen Radlern nicht nur das richtige Werkzeug, sondern auch das Know-how. Dies zu ­ändern ist die Aufgabe, die sich die Fahrradschrauber von Freirad gestellt haben. In der ehemaligen Wurst- und Fleischwarenfabrik Könecke helfen sie Bewohnern im Stadtteil, ihre Drahtesel wieder flott zu bekommen.

Die drei jungen Männer, die direkt im Erdgeschoss ihre Werkstatt eingerichtet haben, sind Christian Stiller, Paul Kiesow und Nabil Sreane. Sie arbeiten teilweise seit mehreren Jahren für die Freischrauber, eine Fahrradselbsthilfewerkstatt im Freizeitheim Friesenstraße im Viertel, die derart gut besucht wird, dass sich dort Warteschlangen bilden. Nach diesem Vorbild funktioniert auch die Werkstatt in Hemelingen.

Gefördert wird Freirad in Hemelingen von der Sozialbehörde, der Sparkasse Bremen und der Zwischenzeitzentrale (ZZZ), und ist erst mal bis zum Ende des Jahres angelegt. Ziel der Fahrradwerkstatt ist es außerdem, die Mobilität im Stadtteil zu fördern. Träger des gesamten Projekts ist die Arbeiterwohlfahrt (Awo).

Geht es nach dem Willen des jungen Werkstatttrios, soll es auch im neuen Jahr weitergehen. „Erfahrungsgemäß ist man erst nach einem Jahr richtig bekannt im Stadtteil“, sagt der Student Christian Stiller. Jeden Montag von 15 bis 18 Uhr und jeden Dienstag von 17 bis 20 Uhr steht die kostenlose Werkstatt allen Hemelingern offen. „Bei uns sind auch Reparaturen möglich, die im Fahrradladen zu aufwendig und zu teuer wären“, sagt Christian Stiller. Die drei sind von der Awo als Übungsleiter angestellt, steuern aber außerdem noch zahlreiche ehrenamtliche Stunden bei. Warten muss in Hemelingen bisher noch keiner, und das nutzen manche Radler, um ganz aus Huchting nach Hemelingen zu fahren und sich dort helfen zu lassen, wie ­Christian Stiller berichtet.

Bei Freirad ­besteht diese Hilfe vor allem in der Hilfe zur Selbsthilfe. Christian Stiller: „Der beste Tag ist ­eigentlich, wenn wir gar kein Werkzeug ­angefasst haben.“ Das Trio bringt neben seinen technischen Fertigkeiten außerdem viel Idealismus mit nach Hemelingen.

So verlassen die hilfesuchenden Radfahrer die ehemalige Wurstfabrik also nicht nur mit einem wieder lauffähigen Fahrrad, ­sondern auch mit einem größeren Wissen und vielleicht ja auch dem Interesse, noch mehr Dinge selbst zu erledigen. Was das sein könnte, erklärt Christian Stiller: „Es kommen zum Teil Menschen, die noch nie ein Werkzeug in die Hand genommen haben.“

Diese seien total glücklich, wenn sie unter fachkundiger Aufsicht, das erste Mal etwas selbst repariert haben. „Und das überträgt sich dann vielleicht auf den Haushalt, man versucht sich an eigenen Projekten.“ Er nennt als Beispiel das Tauschen eines Zahnriemens an einer Waschmaschine. Mit der Zeit trauten sich die Menschen immer mehr zu und die Hemmschwelle sinke, etwas selber zu reparieren. „Letztlich nimmt man so sein Leben ein Stück weit selbst in die Hand.“ Dies ist jedenfalls der Gedanke hinter der sogenannten DIY-Bewegung (Do it yourself – mach es selber).

In Hemelingen kann so ziemlich alles repariert werden, was an einem Fahrrad kaputt gehen kann, und auch Ersatzteile sind in einem begrenzten Umfang vorhanden. Und Christian Stiller erklärt, dass es auch nicht immer der neue Schlauch sein muss: „Häufig werden Fahrräder abgegeben, an denen zwar etwas kaputt ist, aber einzelne Teile noch wiederverwendet werden können.“

In der Werkstatt lagern ein paar dieser Teile: Dynamos, Schläuche und Ketten. Gegenüber auf der anderen Hofseite steht außerdem ein Schuppen zur Verfügung. Dort lagern Fahrräder, die entweder aufgearbeitet oder ausgeschlachtet werden. Die Fahrräder sind eine großzügige Spende eines Hausmeisters einer Wohnanlage, der auf diese Weise lange unbenutzte Fahrräder einem neuen Zweck zuführte. „Fahrradspenden werden auch gerne weiterhin hier vor Ort angenommen“, sagt Paul Kiesow aus Schwachhausen.

Er hat gerade sein Abitur gemacht, und hatte als 15-Jähriger mit der eigenen Reparatur seiner Räder angefangen. „Damals habe ich mir ein teureres Fahrrad geholt und gleich einen Platten gehabt und musste nun lernen zu flicken.“ Inzwischen könne er fast alles reparieren. Und er gibt sein Können bei den Freischraubern im Viertel und bei Freirad in Hemelingen weiter. Auch wenn die drei jungen Männer fast alles am Rad reparieren können – es gibt dennoch ein paar ungeliebte Arbeiten: „Ketten zum Beispiel sind immer nervige Fummelarbeit“, sagt Paul Kiesow.

Sein Tipp, um weiter im Besitz des wieder flottgemachten Fahrrades zu bleiben: „Am besten sollte man das Fahrrad mit in die Wohnung nehmen.“ Wenn dies nicht möglich ist, sollte es ein wirklich gutes Schloss sein und stets Rahmen und Hinterrad angeschlossen werden. Letztlich sei aber jedes Fahrradschloss aufzubrechen. Weiter sei die Investition in einen Sicherheitsschnellspanner sinnvoll.

Die Selbsthilfewerkstatt Freirad in der ehemaligen Wurstfabrik Könecke an der Straße Zum Sebaldsbrücker Bahnhof hat jeden Montag von 15 bis 18 Uhr und jeden Dienstag von 17 bis 20 Uhr geöffnet.
„Erfahrungsgemäß ist man erst nach einem Jahr richtig bekannt.“ Student Christian Stiller
„Fahrradspenden werden auch gerne weiterhin hier vor Ort angenommen.“ Paul Kiesow aus Schwachhausen
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