Sozialstadtplan für Bedürftige

Bewährungstest für das soziale Netz in Bremen

In der Corona-Krise müssen Hilfsorganisationen und Senat die Angebote für Bedürftige neu organisieren. Ein Sozialstadtplan soll nun wichtige Informationen übersichtlich bereitstellen.
06.04.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Bewährungstest für das soziale Netz in Bremen
Von Björn Struß
Bewährungstest für das soziale Netz in Bremen

Für Bedürftige wie für Polizei und Ordnungsdienst ist das Aufeinandertreffen in Zeiten der Corona-Krise nicht immer einfach. Nach Angaben aus dem Innenressort unterscheidet die Polizei bei der Kontrolle der Corona-Regeln grundsätzlich nicht, ob jemand von Obdachlosigkeit betroffen ist, oder nicht.

Christina Kuhaupt

Das Bremer Netz mit Hilfsangeboten für obdachlose und bedürftige Menschen muss in der Corona-Krise beweisen, wie anpassungsfähig es ist. Weil ältere Helfer nun fehlen, mussten Anlaufstationen wie die Bahnhofsmission schließen. Den Suppenengeln ist es dagegen gelungen, die Essensausgabe binnen weniger Tage neu zu organisieren (wir berichteten). Nach einer zwischenzeitlichen Schließung hat auch die Caritas ihre Duschen in der Johannis-Oase wieder geöffnet. Für die freiwilligen Helfer sind hauptamtliche Mitarbeiter eingesprungen. Und überall gilt es fortlaufend zu prüfen, wie die Ansteckungsgefahr minimiert werden kann.

Die Bedürftigen haben sich in den vergangenen Jahren an feste Anlaufstellen und Öffnungszeiten gewöhnt. Nun ist vieles anders. Um kompakt und übersichtlich zu informieren, haben die Träger von Hilfsangeboten gemeinsam mit der Sozialbehörde einen Sozialstadtplan erstellt. Auf der Internetseite der Diakonie Bremen sind alle Angebote auf einer digitalen Karte verzeichnet. Bei Bedarf ist auch eine Version für den Drucker verfügbar. Zudem ist für jeden Wochentag aufgelistet, wann und wo es in der Stadt etwa eine kostenfreie Mahlzeit gibt.

Menschenansammlung vermeiden

Ziel von Sozialsenatorin Anja Stahman (Grüne) und Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) ist es, größere Ansammlungen von bedürftigen Menschen zu vermeiden. Um Gruppen klein zu halten, habe man mit den Hilfsorganisationen laut Innenbehörde „eine Dezentralisierung der Versorgung abgestimmt“. Weiter erklärt Karen Stroink, Sprecherin im Innenressort: „Auch hier gelten die Hygienestandards und das Abstandsgebot. Dies wird durch die Helfer kommuniziert.“

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Was passieren kann, wenn eine dezentrale Versorgung nicht gelingt, zeigte sich Mitte März in Hamburg. Wie unter anderem die „Welt“ berichtete, kam es dort in der Unterkunft eines Winternotprogramms zu einer Corona-Infizierung. Gut 300 obdachlose Menschen stellte das Gesundheitsamt deshalb unter „häusliche Isolation“. Laut Resi Reinke, Vorsitzende der Bremer Suppenengel, hielten sich aber nicht alle Betroffenen an diese Quarantäne. Sicherheitspersonal habe die Isolation dann mit Unterstützung der Polizei durchgesetzt. Für die Bedürftigen hat sich die Situation in Reinkes Worten wie eine „Einkasernierung“ angefühlt.

Sozial- und Innenbehörde wollen Szenen wie diese gemeinsam mit den Hilfsorganisationen in Bremen verhindern. Das Verhältnis zwischen Polizei, Bedürftigen und Streetworkern ist seit dem Ausbruch der Corona-Krise durchaus angespannt. Dies berichtet Katharina Kähler, leitende Mitarbeiterin der Inneren Mission. „Unsere Steetworker haben seit dem Beginn der Krise viele aggressive Situationen erlebt. Dabei haben Ordnungskräfte auch mit Anzeigen gedroht“, sagt sie.

Bestimmungen nicht immer umsetzbar

Für die Innere Mission sind sechs Streetworker im Einsatz. Sie arbeiten in Zweier-Teams und suchen gezielt Orte auf, an denen sich viele obdachlose Menschen aufhalten. „Natürlich befolgen wir die Corona-Regeln. Es geht um die Gesundheit von uns allen“, sagt Kähler. In manchen Situationen seien die Bestimmungen aber nur begrenzt umsetzbar. „Das ist eine rechtliche Gratwanderung“, sagt Kähler weiter. Letztlich sei von allen Beteiligten auch gesunder Menschenverstand gefragt. „Das Leben auf der Straße fordert den Menschen alles ab. Deshalb müssen wir die Einhaltung Regeln differenziert betrachten.“

Karen Stroink sagt, die Polizei unterscheide bei der Kontrolle der Corona-Regeln nicht, ob jemand von Obdachlosigkeit betroffen sei, oder nicht. Bei Verstößen hätten die Beamten allerdings einen Ermessungsspielraum. „Es besteht die Möglichkeit, den Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, bei Verstoß gegen die Allgemeinverfügung einen Platzverweis zu erteilen“, sagt Stroink. Dies sei das Mittel der Wahl, solange sich die Übeltäter einsichtig zeigten. Die Möglichkeit, ein Bußgeldverfahren einzuleiten, bestehe trotzdem.

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Kältebus weiter im Einsatz

Eigentlich wäre seine Saison am 31. März beendet gewesen. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist der Kältebus der Johanniter nach eigenen Angaben allerdings besonders gefragt. „Gerade in diesen Zeiten können und dürfen wir nicht wegschauen und die Bedürftigen im Stich lassen. Deswegen der logische Entschluss: Wir fahren“, erklärt Andreas Setzter aus dem Regionalvorstand Bremen-Verden. Unter erhöhten Vorsichtsmaßnahmen verteilen die Helfer den Angaben zufolge weiterhin Essen, Kleidung und Schlafsäcke.

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