St. Johann zeigt in Ausstellung Leben der Lübecker Märtyrer / Geistliche leisteten Widerstand gegen NS-Diktatur

Hingerichtete als Vorbilder für Zivilcourage

Wegschauen oder sich einmischen? Geistliche hatten in der NS-Zeit Zivilcourage bewiesen und wurden hingerichtet. Davon handelt die Ausstellung über die Lübecker Märtyrer, die in St. Johann zu sehen ist. Für Hermann Queckenstedt, Direktor des Diözesenmuseums Osnabrück, ist das Thema aktueller denn je: "Wir erleben einen dramatischen Rückgang des persönlichen Verantwortungsbewusstseins."
04.07.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Rainer Kabbert

Wegschauen oder sich einmischen? Geistliche hatten in der NS-Zeit Zivilcourage bewiesen und wurden hingerichtet. Davon handelt die Ausstellung über die Lübecker Märtyrer, die in St. Johann zu sehen ist. Für Hermann Queckenstedt, Direktor des Diözesenmuseums Osnabrück, ist das Thema aktueller denn je: "Wir erleben einen dramatischen Rückgang des persönlichen Verantwortungsbewusstseins."

Altstadt·Walle. Im November 1943 starben vier Geistliche in der Untersuchungshaftanstalt Hamburg auf dem Schafott. Der Vorwurf: "landesverräterische Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft", begangen in Predigten in ihren Lübecker Heimatgemeinden nach britischen Luftangriffen. Auch wurde ihnen vorgeworfen, die aufrüttelnden Predigten des Münsteraner Bischofs Clements August von Galen verbreitet zu haben.

In der katholischen St.-Johann-Gemeinde in der Altstadt wird nun in einer Ausstellung die Lebenswege der vier Männer nachgezeichnet, die sich zum Teil auch mit Bremer Biografien kreuzen: Der in Hamburg ermordete Hermann Lange hatte einen gleichnamigen Onkel im Bremer Westen, erläuterte Hermann Quecken-

stedt, Direktor des Osnabrücker Diözesenmuseums, in seiner Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung.

Onkel predigte in Waller Gemeinde

Dieser predigte als Pfarrer in der Waller St.-Marien-Kirche, lieferte wissenschaftliche Arbeiten über das Christentum und war Abgeordneter der Zentrumspartei in der Bremer Bürgerschaft. Bereits 1917 war Hermann Lange Gründer und Leiter der Bremer Caritas und führend im katholischen Sozialwesen. Er gehörte auch zu den Initiatoren der bremischen Kirchenzeitung "Ansgarius" und fungierte als deren Chefredakteur. 1942 starb er im Alter von 64 Jahren.

Offenbar war Lange, vermutete Queckenstedt in seiner Rede, der geistliche Mentor seines in Hamburg ermordeten Neffen. Dies gehe aus den Briefen des Lübecker Kaplans hervor. Vermutlich habe er seinen Onkel bisweilen auch im Pfarrhaus von St. Marien in Walle besucht.

Der Museumsdirektor hat die gemeinsame Ausstellung der Bistümer Osnabrück und Hamburg mitgestaltet. Für ihn ist es mehr als nur historischer Stoff, der sich den Ausstellungsbesuchern präsentiert: "Die Erinnerung an die Lübecker Märtyrer hat eine aktuelle Dimension", sagt er im Gespräch, "es geht um das Thema Zivilcourage in unserer heutigen Zeit." Der ermordete Hermann Lange ist für Queckenstedt ein Vorbild, bei gesellschaftlichen Problemen und Gewalt nicht wegzuschauen und sich einzumischen. "Geschichte ist nicht nur Vergangenes, man kann daraus auch lernen."

Heutzutage sei persönliche Verantwortung auf den abstrakten Staat übergegangen, argumentiert er. Die Folge: Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen für seine Mitmenschen ist nach Queckenstedts Beobachtung auf dem Rückzug und heute nicht stärker ausgeprägt als in der NS-Zeit – obwohl es während der Nazi-Diktatur mit sehr viel höheren Risiken verbunden war, zivilen Ungehorsam zu leisten. Diese schwindende Mitmenschlichkeit beginnt für Queckenstedt schon bei banalen Ereignissen wie Verkehrsunfällen: Bei einem fingierten Unfall in Osnabrück hätten über 1600 Fußgänger und Pkw-Fahrer den Ort passiert, ehe jemand sich um die – scheinbar – Verletzten kümmerte.

Den vier regimekritischen Geistlichen – neben Hermann Lange die beiden katholischen Kaplane Johannes Prassek und Eduard Müller sowie der evangelische Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink – wurden nun die zwölf Schautafeln in der St.-Johann-Gemeinde gewidmet. Im Juni 2011 sind die drei katholischen Geistlichen selig gesprochen worden, wobei auch ihres evangelischen Mitstreiters gedacht wurde. Während des Gottesdienstes in Bremen sah Queckenstedt darin einen "ökumenischen Kompass": In Zeiten, in denen sich weniger als die Hälfte der Deutschen zum Christentum bekenne, müssten die Konfessionen zusammenrücken und Wege zur Einheit finden.

Die Ausstellung über die Lübecker Märtyrer ist zu sehen bis zum 21. Juli in St. Johann, Hohe Straße 2, von 1o bis 17.30 Uhr.

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