Kirchengemeinde St. Johann zeigt Wanderausstellung über Geistliche im Widerstand gegen NS-Diktatur

Hingerichtete als Vorbilder für Zivilcourage

Wegschauen oder sich einmischen? Geistliche hatten in der NS-Zeit Zivilcourage bewiesen und wurden hingerichtet. Davon handelt die Ausstellung über die Lübecker Märtyrer, die in St. Johann zu sehen ist. Für Hermann Queckenstedt, Direktor des Diözesenmuseums Osnabrück, ist das Thema aktueller denn je: "Wir erleben einen dramatischen Rückschritt des persönlichen Verantwortungsbewusstseins."
04.07.2013, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Rainer Kabbert

Wegschauen oder sich einmischen? Geistliche hatten in der NS-Zeit Zivilcourage bewiesen und wurden hingerichtet. Davon handelt die Ausstellung über die Lübecker Märtyrer, die in St. Johann zu sehen ist. Für Hermann Queckenstedt, Direktor des Diözesenmuseums Osnabrück, ist das Thema aktueller denn je: "Wir erleben einen dramatischen Rückschritt des persönlichen Verantwortungsbewusstseins."

Altstadt·Walle. Im November 1943 starben vier Geistliche in der Untersuchungshaftanstalt Hamburg auf dem Schafott. Der Vorwurf: "landesverräterische Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft", begangen in Predigten in ihren Lübecker Heimatgemeinden nach britischen Luftangriffen. Auch wurde ihnen vorgeworfen, die aufrüttelnden Predigten des Münsteraner Bischofs Clements August von Galen verbreitet zu haben.

In der katholischen Kirchengemeinde St. Johann im Schnoor werden in einer Wanderausstellung die Lebenswege der vier Männer nachgezeichnet, mit Bremer Bezügen: Der in Hamburg hingerichtete Hermann Lange hatte laut Hermann Queckenstedt, Direktor des Osnabrücker Diözesenmuseums, einen gleichnamigen Onkel im Bremer Westen.

Dieser Hermann Lange war von 1906 bis 1931 Priester in Bremen, die meiste Zeit war in der Waller Gemeinde St. Marien eingesetzt, zeitweise auch in St. Johann. Er schrieb wissenschaftliche Arbeiten über das Christentum und war von 1927 bis 1931 Abgeordneter der Zentrumspartei in der Bürgerschaft. Bereits 1917 hatte er die Bremer Caritas mitgegründet und war deren Leiter. Er gehörte auch zu den Initiatoren der bremischen Kirchenzeitung "Ansgarius" und fungierte als deren Chefredakteur. Queckenstedt vermutet, dass der "intellektuell brillante", sozial engagierte Patenonkel, der 1942 im Alter von 62 Jahren in Osnabrück starb, der geistliche Mentor seines Neffen gewesen war. Dies gehe aus den Briefen des Kaplans hervor.

Der Museumsdirektor hat die gemeinsame Ausstellung der Bistümer Osnabrück und Hamburg mitgestaltet. Für ihn ist es nicht allein historischer Stoff, der den Ausstellungsbesuchern präsentiert wird: "Die Erinnerung an die Lübecker Märtyrer hat eine aktuelle Dimension", sagt Queckenstedt. "Es geht um das Thema Zivilcourage in unserer heutigen Zeit."

Aus der Geschichte lernen

Der ermordete Hermann Lange ist für ihn ein Vorbild dafür, bei gesellschaftlichen Problemen und Gewalt nicht wegzuschauen und sich einzumischen. "Geschichte ist nicht nur Vergangenes, man kann daraus auch lernen."

Heutzutage sei persönliche Verantwortung auf den abstrakten Staat übergegangen, sagt Queckenstedt. Das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen für seine Mitmenschen sei heute nicht stärker ausgeprägt als in der NS-Zeit – obwohl es während der Nazi-Diktatur mit sehr viel höheren Risiken verbunden war, zivilen Ungehorsam zu leisten. Als Beispiel für schwindende Mitmenschlichkeit nennt Queckenstedt die Reaktionen auf einen fingierten Verkehrsunfall in Osnabrück: Über 1600 Passanten und Autofahrer seien an der Stelle vorbeigekommen, ehe jemand sich um die – scheinbar – Verletzten kümmerte.

Den vier regimekritischen Geistlichen – außer Hermann Lange die katholischen Kaplane Johannes Prassek und Eduard Müller und der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink – sind zwölf Schautafeln gewidmet. 2011 sind die drei katholischen Geistlichen selig gesprochen worden. Dass auch ihres evangelischen Mitstreiters gedacht wurde, darin sieht Queckenstedt einen "ökumenischen Kompass": In Zeiten, in denen sich weniger als die Hälfte der Deutschen zum Christentum bekenne, müssten die Konfessionen zusammenrücken und Wege zur Einheit finden.

Die Ausstellung ist bis zum 21. Juli montags bis freitags von 10 bis 17.30 Uhr in St. Johann, Hohe Straße 2, zu sehen.

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