Neue Serie

Hinrichs im Hochhaus

30 Tage im Aalto-Hochhaus in der Neuen Vahr. Als Mieter und Journalist, der regelmäßig aus dem Haus berichten wird. Heute beginnt unsere neue Serie.
02.06.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Hinrichs im Hochhaus
Von Jürgen Hinrichs

30 Tage im Aalto-Hochhaus in der Neuen Vahr. Als Mieter und Journalist, der regelmäßig aus dem Haus berichten wird. Heute beginnt unsere neue Serie.

Eine Idee, und warum nicht? Mal in den Wolken wohnen, na ja, fast. In dem Haus, das früher das höchste Wohngebäude in Deutschland war. Ganz oben, im 21. Stockwerk. So ein Plan war das, und nun wird er wahr.

Für einen Monat beziehe ich das Aalto-Hochhaus in der Neuen Vahr. Nicht nur, um dort zu wohnen, was schon lange ein Traum von mir ist: Vom Wohnzimmerfenster aus über die Stadt schauen. Den Himmel erleben. Das Wetter, wie es kommt und geht. Die Sonne, den Regen und bitte auch mal ein Gewitter. Das Licht und die Lichter, wenn es Abend ist.

Fernsehen mal anders, könnte man sagen. Vorm Fenster und nicht vor der Glotze. Das Programm wird spannend sein, da bin ich mir sicher.

Gleichzeitig ist es ein journalistisches Projekt.Wie ticken dieses Haus und seine Bewohner? Was für Geschichten sind hinter der Fassade verborgen? Und wie ist das im Alltag, für die anderen Mieter und für mich selbst?

30 Tage in Wohnung 7 auf der höchsten Etage. Regelmäßig wird darüber in unserer Zeitung und auf unserer Homepage im Internet zu lesen sein. Das erste Mal heute, die Wohnung gehört jetzt mir. Doch zunächst ein paar Fakten.

Das Haus: Erbaut wurde es zwischen den Jahren 1959 und 1961 nach Entwürfen von Alvar Aalto. Der Architekt aus Finnland, eigentlich bekennender Hochhaus-Gegner, wollte zeigen, dass es anders geht. Kein gesichtsloser Standardbau mit Menschen darin, die in anonymer Umgebung einen genormten Platz bewohnen und nach Feierabend auf sich selbst zurückgeworfen werden.

Aalto plante ein offenes Haus. Mit Gemeinschaftsflächen auf den Fluren und großen Fenstern in den Wohnungen, die nach Westen zeigen, zur Feierabendsonne. Der Hauseingang sollte ein Willkommen ausdrücken und sah aus wie eine Hotellobby. Heute sitzt dort ein Concierge, der Portier, wenn man so will.

Auf den Etagen ist jede der jeweils neun Wohnungen anders geschnitten und unterschiedlich groß. Gemeinschaft ja, aber genauso auch Individualität und Privatsphäre – so hat Aalto das gewollt. Die Grundflächen reichen von 34 bis 60 Quadratmeter. Mal ist es ein schmales, mal ein etwas breiteres oder auch längeres Tortenstück. Die Fassade wirft Falten, sie ist leicht unregelmäßig und kaschiert damit ihre Monumentalität.

1995 wurde das Haus an der Berliner Freiheit saniert und im gleichen Jahr unter Denkmalschutz gestellt. In den vergangenen zwei Jahren wurden sämtliche Fenster ausgetauscht, unter dem strengen Blick der Denkmalschützer, die darüber wachten, dass nichts neu eingebaut wurde, was nicht dem Original entsprach. In den nächsten Monaten sind die Bäder dran, sie werden komplett erneuert.

Das Aalto-Hochhaus gilt heute als Ikone moderner Baukunst und ist in der Welt so bekannt, dass immer wieder Architekten kommen oder Studenten in dem Fach, die es besichtigen wollen. Das Gebäude kennt mit seinen 189 Wohnungen keinen Leerstand mehr, die GEWOBA als Bauherr und Vermieter kann die Appartements, wenn sie frei werden, immer gleich weiter reichen.

Das Haus – in den Anfangsjahren noch in einer Wüstenei gelegen, inmitten eines Neubaugebietes mit 10 000 Wohnungen – ist heute von viel Grün umgeben und dockt an ein großes Einkaufszentrum an. Es ist zu einem Ort geworden, an dem mehr Menschen leben wollen als Wohnungen da sind. Nichts für Familien, viel aber für Singles und ältere Menschen, die auf eine gute Infrastruktur angewiesen sind.

Der Stadtteil: Die Häuser der Neuen Vahr sind von 1957 an nach und nach förmlich aus der Scholle geschält worden. Die GEWOBA plante einen Stadtteil mit rund 10 000 Wohnungen für insgesamt 30 000 Menschen. Es war damals die größte Baustelle Europas und ein Modell für sozialen Wohnungsbau, das in Deutschland Schule machen sollte. Ein Grundgedanke der Planer war, die Neue Vahr in Nachbarschaften zu untergliedern. Pro Einheit wurde mit etwa 2000 Wohnungen gerechnet, was damals der Größe eines Grundschulbezirks entsprach.

Wie in der Gartenstadt staffelt sich die Bebauung von zwei Geschossen am Rand über vier- und achtgeschossige Häuser zur Mitte hin bis zu einem 14-geschossigen „Punkthaus“ als städtebauliche Dominante. Der unübersehbare Mittelpunkt für das gesamte Gebiet ist ein Solitär, höher als jede andere Bebauung: das Aalto-Hochhaus.

Der neue Bewohner: Ich bin kein Single und rüstig genug, lange Wege zu gehen. Kein typischer Bewohner also, nicht für das Haus und auch nicht für die Gegend. Meine eigentliche Heimat ist seit vielen Jahren das Ostertor – vom Image her liegt das so weit weg von der Neuen Vahr wie die Erde vom Mond.

Das quirlige Viertel mit seinen Kneipen und Cafés. Die vielen Altbremer Häuser. Ihre Bewohner, die oft Eigentümer sind. Die Nähe zu Innenstadt und Weser, zu Kunst, Kommerz und Kultur. So ist das im „Viertel“, deswegen ist es beliebt.

In die Neue Vahr zogen früher Menschen, die froh waren, in Zeiten krasser Wohnungsnot ein Dach über dem Kopf zu bekommen. Sie freuten sich über den ungewohnten Komfort, über die Heizung vor allem, kein Kohleschleppen mehr. Es waren Menschen mit wenig Geld auf dem Konto, ein ganz anderes soziales Gefüge als im Viertel, in Schwachhausen oder in Horn.

Heute mischt sich das. In meinem Haus, das ich für einen Monat bewohnen darf, leben Angestellte, Rentner, Hartz-IV-Empfänger, Akademiker und jetzt eben auch ein Redakteur: Jürgen Hinrichs, 52 Jahre alt und seit 20 Jahren beim WESER-KURIER. Ich bin der Mann von der Zeitung und werde regelmäßig aus dem Haus berichten.

Oben angekommen

Tagebuch

Am Freitag habe ich die Schlüssel bekommen. Fürs Haus, für die Wohnung, für den Briefkasten, und einen Chip gibt es auch, der ist für die Müllbehälter unten an der Straße. Es war der letzte Akt an dem Tag, und seitdem gehört die Wohnung mir, obwohl: formal gilt das erst ab dem 1. Juni, aber so pingelig ist mein Vermieter nicht.

Am Freitag die Übergabe, zwei Stunden mit Carsten Hilse, dem Hauswart, der für den Papierkram zuständig ist. „Hier bitte unterschreiben“, sagt er, „hier und hier auch noch.“ Haarklein wird aufgelistet, was ich mit der Wohnung übernehme, die Einrichtung in Küche und Bad, die Schlüssel, alles. Dazu ein Protokoll über Decke, Wände, Türen – eine fehlt und wird nachgeliefert. Über Heizkörper, Fenster und Fußbodenleisten, über den Balkon schließlich, der einen Vermerk bekommt: Taubenkot!

Hilse, seit 24 Jahren Hauswart und überreich an Geschichten, die er aus dieser Zeit erzählen kann, ist gründlich, „sonst gibt es hinterher nur Ärger“. Er liest in der Wohnung auch noch sämtliche Zählerstände ab und ist irgendwann tatsächlich mal fertig. Tür zu bis zum Einzug – „haben Sie Ihre Schlüssel dabei?“ Die Wohnung, 34 Quadratmeter, mit Küche, Bad und Abstellraum. Der Blick bleibt nirgendwo haften und geht wie im Sog gleich zum Fenster hin, zur Aussicht, phänomenal. Die Stadt liegt einem zu Füßen, und man staunt: so viel Grün! Da ist das Stadion, dort der Dom, der Weser-Tower, die Stahlwerke, der Fallturm. Das alles schnurrt zu einem Gesamtbild zusammen. Tout Bremen, würde der Franzose sagen.

Beim Einzug ist klar: Tisch, Sessel und Bett werden zum Fenster hin ausgerichtet. Mehr nicht, denn mehr gibt es nicht, und für mehr ist eigentlich auch kein Platz im Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer. Sehr kompakt, aber das stört überhaupt nicht, die Weite und Freiheit ist draußen, bis zum Horizont. Die wenigen Möbel schleppen ein Kollege und ich am Wochenende ins Haus. Das dauert keine Stunde, weil es zwei Fahrstühle gibt, kein Problem.

Die Menschen im Haus gucken, wer da kommt. Erste Begegnungen. „Haben Sie eine Zeitung mitgebracht?“, fragt ein älterer Herr, als er den Lieferwagen vom WESER-KURIER vor der Haustür stehen sieht. „Nein“, antworten wir und zeigen auf die leere Lagerfläche, „leider ausverkauft.“

Der Concierge hilft und sorgt dafür, dass die Türen nicht immer wieder zufallen. Mieter gehen vorbei, sie grüßen, alle grüßen, das war schon am Freitag so – die Zeit und Freundlichkeit für ein „Hallo“, „Guten Morgen“ oder „Guten Tag“ hat hier offenbar jeder. Ein gutes Gefühl für den Anfang. Mal sehen, was draus wird.

Die Silhouette des

Aalto-Hochhauses in der Neuen Vahr.

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