WESER-KURIER-Reihe „Hoffnungsstifter“ Hirnforscher Roth: „Es ist eine Frage des Temperaments“

Die Menschen gehen unterschiedlich mit Schicksalsschlägen um. Das wird schon sehr früh in ihnen angelegt, erläutert der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth im Interview.
11.04.2020, 08:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Hirnforscher Roth: „Es ist eine Frage des Temperaments“
Von Silke Hellwig

Herr Roth, wie gehen Menschen aus neurobiologischer Sicht mit Schicksalsschlägen um?

Gerhard Roth: Die Fähigkeit, mit Schicksalsschlägen fertig zu werden, ist eine Grundeigenschaft der Persönlichkeit. Menschen unterscheiden sich in kaum etwas so sehr wie im Umgang mit Belastungen und Problemen, also in ihrer Stressresilienz. Es ist ein Temperament-Merkmal, das also schon sehr früh im Leben auftaucht.

Das heißt, psychische Widerstandsfähigkeit trägt man in sich wie beispielsweise Humor oder Geduld?

So ist es. Schon im Kleinkind- oder sogar im Säuglingsalter fällt auf, wie unterschiedlich widerstandsfähig Menschen sind. Die einen Säuglinge müssen sofort alles haben und schreien ausdauernd, wenn das nicht geschieht. Andere sind, kaum dass sie auf der Welt sind, deutlich ruhiger und geduldiger. Das alles ändert sich im späteren Leben nur selten grundlegend.

Lesen Sie auch

Bekommt man sogenannte Stehaufmännchen-Qualitäten also gewisser­maßen in die Wiege gelegt?

Viele Forscher glaubten, Resilienz sei überwiegend genetisch bedingt. Heute wissen die Neurowissenschaftler, dass es mehrere Faktoren gibt, die sie bedingen. Dazu gehören zwar auch bestimmte Gene, aber noch entscheidender sind sogenannte epigenetische Prozesse, also gen-regulatorische Mechanismen, die bestimmen, wann welche Gene in welchem Maße eingesetzt oder abgeschaltet werden. Diese Prozesse können in einer Person auch durch deren Mutter während ihrer Schwangerschaft beeinflusst worden sein. Die Traumaforschung belegt, dass furchtbare Erlebnisse bei etwa einem Drittel der Opfer in deren Gehirn schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, die bei einer Schwangerschaft an das Gehirn des ungeborenen Kindes weitergegeben werden können. Bei einem weiteren Drittel der Opfer kann die Traumatisierung überwunden werden, und das dritte Drittel verkraftet Schlimmes ohne gravierende Folgen. Hier kommt es zu keinem vorgeburtlichen Traumatransfer von der Mutter an das Kind.

Was geschieht im menschlichen Gehirn, wenn Menschen von einem Schicksalsschlag getroffen werden?

Wenn jemand beispielsweise in große finanzielle Schwierigkeiten oder anders unter Druck gerät, wird in seinem Gehirn ein Cocktail von Stresshormonen ausgeschüttet, insbesondere Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin. Sie stellen den Menschen und den Körper auf die Bewältigung der Schwierigkeiten ein. Ob man in Panik gerät, ob man kühlen Kopf bewahren kann, Pessimist oder Optimist ist oder ob man die Veränderungen gleichgültig über sich ergehen lässt, ist eine Frage des Temperaments. Dieses Wissen der Hirnforscher und Psychologen deckt sich mit den Erkenntnissen der Sozialpsychologie, wonach es verschiedene Typen gibt im Umgang mit schwierigen Lebenssituationen, die sich schon oft im Kindesalter voneinander unterscheiden und dies auch ihr Leben lang tun.

Die Stresshormone fluten bei allen das ­Gehirn, aber sie werden – je nach Charakter – anders abgebaut?

Das kann man durchaus so sagen. Die Optimisten richten sich schnell auf und verlassen sich darauf, dass es neue Chancen für sie gibt. Sie behalten ihre grundoptimistische Stimmung bei, selbst wenn ein naher Mensch stirbt. Es dauert zwei, drei Jahre, dann haben sie ihre tiefe Trauer kompensiert. Bei Pessimisten wird diese Belastung oft nicht nur intensiver empfunden, sondern sie kommen auch sehr viel schwerer darüber hinweg, wenn überhaupt. Realisten gehen konstruktiv mit ihrer Trauer um. Sie nehmen sie gewissermaßen als einen Teil des Lebens an.

Lesen Sie auch

Die Deutschen gelten als eher ängstlich und pessimistisch, sofern man das verallgemeinern kann. Stimmt das?

Es gibt Länder, in denen die Menschen schon von Kindesbeinen an nicht nur per Temperament, sondern auch per frühkindlicher Prägung eine gewisse Zuversicht in sich tragen. Sie nehmen das Leben als ein beständiges Auf und Ab. Wenn sie ihre Arbeit verlieren, sind sie sich sicher, auch wieder eine zu finden. Sie stellen sich schnell auf Veränderungen ein. Das ist zum Beispiel in den USA weit verbreitet. In Deutschland ist die allgemeine Besorgtheit deutlich größer. Die Deutschen haben ein enormes Sicherheitsbedürfnis, viele tun sich schwer damit, sich auf Unbekanntes einzulassen und wechseln beispielsweise ungern den Wohnort oder Arbeitgeber. Unserer deutschen Gesellschaft fällt es deutlich schwerer, sich auf neue ökonomische und gesellschaftliche Bedingungen einzustellen.

Zuversicht kann man also nicht lernen oder sich antrainieren?

Nur in begrenztem Maße und nur mithilfe lang anhaltender Übung zur Gelassenheit. Wie man mit Krisen umgeht, ist sehr tief in uns verwurzelt. Mit rationalen Argumenten erreicht man wenig. Es ist unser Gefühl, das uns leitet und unsere Sorgen bestimmt. Einen Menschen, der angesichts der Corona-Pandemie in Panik gerät und Toilettenpapier hamstert, kann man mit Fakten über die Toilettenpapierversorgung nicht erreichen. Seinem Verstand leuchtet das vielleicht ein, aber sein Gefühl rät ihm, sicherheitshalber einen enormen Vorrat anzulegen. Anderen sagt man, sie sollten besser auf sich aufpassen und sich den Schutz-Auflagen beugen, aber sie gehen lässig damit um. Menschen sind unendlich unterschiedlich in der Art, wie sie mit Belastungen wie mit der Corona-Krise umgehen, die ja jeden betrifft.

Sie haben keinen Tipp für die Menschen, die derzeit den Kopf hängen lassen?

Das, was neben langanhaltender Übung zur Gelassenheit wirklich hilft, ist die Anteilnahme und die Fürsorge anderer. Denn diese Zuwendung wirkt emotional, nicht intellektuell. Also gilt mein Tipp eher denjenigen, die Beistand leisten möchten. Statt verzagten Menschen bloß vernünftig zu raten, was zu tun ist, hilft ihnen sehr viel mehr, dass man ihnen zuhört und ihre Ängste ernst nimmt. Geteiltes Leid ist halbes Leid – das kann man übrigens auch im Gehirn nachweisen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Gerhard Roth

lehrte von 1976 an als Professor für Verhaltensphysiologie an der Uni Bremen, von 1989 an war er Direktor des Instituts für Hirnforschung. Vor zwölf Jahren gründete er die Bera­tungsfirma Roth GmbH.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+