Trinkwasser könnte knapp werden

Wasserverbrauch in Bremen über dem Normalmaß

Der Bremer Netzbetreiber SWB schließt Versorgungsengpässe beim Trinkwasser nicht mehr aus. Kurzfristig helfe nur eine Reduzierung des Verbrauchs in den Privathaushalten, mahnt das Unternehmen.
11.08.2020, 05:00
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Wasserverbrauch in Bremen über dem Normalmaß
Von Jürgen Theiner
Wasserverbrauch in Bremen über dem Normalmaß

Noch fließt das Trinkwasser wie gewohnt in den Bremer Haushalten. Doch das ist nicht dauerhaft gesichert, wenn sich der Verbrauch weiter so entwickelt wie zuletzt.

Lino Mirgeler / dpa

In Bremen könnte es wegen des anhaltend hohen Verbrauchs zu Einschränkungen bei der Trinkwasserversorgung kommen. Umweltsenatorin Maike Schaefer (Grüne) und der Netzbetreiber SWB rufen deshalb die Haushalte auf, mit Wasser sparsamer umzugehen als bisher. Andernfalls drohten „Versorgungslücken“, sagte Unternehmenssprecher Alexander Jewtuschenko am Montag.

Die aktuelle Zuspitzung ist zum Teil eine Folge der Corona-Krise. Viele Bremer sind nicht in den Urlaub gefahren, sondern verbringen die Ferien zu Hause, wo sie angesichts schweißtreibender Temperaturen mehrfach täglich duschen, den Rasen sprengen und womöglich auch noch einen Gartenpool mit mehreren Tausend Litern Fassungsvermögen aufstellen. All das treibt den täglichen Wasserverbrauch in Bremen über das Normalmaß von rund 90.000 Kubikmetern. Aktuell sind es rund 103.000 Kubikmeter, also etwa 14 Prozent mehr. Bei einem täglichen Trinkwasserverbrauch von 120 Litern pro Kopf wäre das vergleichbar mit einer Steigerung der Einwohnerzahl Bremens um mehrere Zehntausend Menschen, rechnet Jewtuschenko vor.

Damit deutet er bereits an, worin im Kern das Problem besteht. Es geht nicht um erschöpfte Ressourcen. Das Trinkwasser für Bremen stammt aus Grundwasserbrunnen mit einer Tiefe von 60 bis 280 Metern. Die dort genutzten Vorkommen dürften für Jahrzehnte gesichert sein, auch wenn ihre Ergiebigkeit je nach Lage leichten Schwankungen ausgesetzt ist.

Versorgungssystem stößt an seine Grenzen

Die Engstelle ist das Versorgungssystem. Aufbereitungskapazitäten und Leitungssystem sind so ausgelegt, dass sie für den täglichen Bedarf und gewisse Spitzen ausreichen. „Bei extremen Steigerungen wie derzeit stößt das System aber an seine Grenzen“, erläutert der SWB-Sprecher. Der Verbrauch in Bremen und Bremerhaven habe zuletzt in beunruhigendem Maße zugenommen. Sollten sich die Abgabemengen um weitere zehn Prozent erhöhen, „könnte es tatsächlich zu Versorgungslücken beziehungsweise zu Versorgungsunterbrechungen beim Trinkwasser kommen, und das geschätzt binnen weniger Tage bis zu einer Woche“, prophezeit Jewtuschenko.

Was käme dann auf die Bremer zu? In einem ersten Schritt würde die SWB den Druck in den Leitungen verringern. Dadurch flösse weniger Wasser durch das System, Verbrauchsspitzen würden sich also auf einen längeren Zeitraum verteilen. Auf einer zweiten Stufe würde der Versorger einzelne Abnehmer, die nicht von existenzieller Bedeutung sind, von der Leitung abtrennen – beispielsweise Autowaschanlagen.

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Erst in einem deutlich fortgeschrittenen Szenario müsste die Versorgung in einzelnen Straßenzügen oder Stadtteilen zeitweilig unterbrochen werden. „So weit wollen wir es aber gar nicht erst kommen lassen“, unterstreicht der Sprecher der SWB. Daher rufe man jetzt die Verbraucher auf, „bewusst möglichst sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen“. Konkret heiße das: Nicht mehrmals am Tag duschen, den Rasen nur jeden zweiten oder dritten Tag bewässern, auf frisches Wasser im Pool verzichten oder wenigstens nur halb füllen. „Das würde schon reichen, wenn es einfach jeder so macht.“

Umweltsenatorin Schaefer schließt sich an. „Trinkwasser ist ein sehr wichtiges Gut. Und es gewinnt in den aktuellen Zeiten der Corona-Pandemie zusätzlich an Bedeutung, weil Hygiene einen sehr hohen Stellenwert hat“, sagt die Grünen-Politikerin. „Ich appelliere daher an alle Bremerinnen und Bremer, mit unserem Trinkwasser verantwortungsbewusst und sparsam umzugehen.“

Frühzeitiger Appell an die Bevölkerung

Noch vor wenigen Tagen hatte sich die SWB entspannter zur Lage geäußert. Man sei „im Grunde gut aufgestellt, auch wenn es nun draußen heißer wird und der Verbrauch etwas ansteigt“, hatte Alexander Jewtuschenko dem WESER-KURIER gesagt. Die Daten der vergangenen Tage haben die Tonlage offenkundig geändert. „Wir haben mit Blick auf mögliche zu erwartende Entwicklungen im täglichen Wasserverbrauch entschieden, nun frühzeitig einen Appell an die Bevölkerung zu richten“, begründet der Unternehmenssprecher die veränderte Haltung.

Auch im Bremer Umland hoffen die Versorger auf die Einsicht und den Gemeinsinn der Menschen. Beim Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV), zu dessen Einzugsgebiet unter anderem die Wesermarsch und der Landkreis Oldenburg zählen, laufen gegenwärtig alle Wasserwerke auf Volllast. Mit etwa 320.000 Kubikmetern täglicher Abgabemenge ist dort der Durchschnittswert um rund 90.000 Kubikmeter überschritten. Verbandssprecher Gunnar Meister sieht insbesondere das Rasensprengen mit Leitungswasser kritisch. Warum, verdeutlicht er mit einem Zahlenvergleich. „In unserem Verbandsgebiet liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei 115 Litern am Tag. Bei einem Rasensprenger sind es 800 Liter – und zwar in der Stunde.“

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