Der Flohmarkt auf der Straßburger Straße gerät am ersten Juni-Wochenende zu einem großen Fest Hökern vor der Haustür

Gete. Große Augen macht mancher, der an diesem ersten Sonnabend im Juni durch die Straßburger Straße flaniert. Auf den Gehwegen vor den schmucken Altbremer Häusern reihen sich Flohmarktstände, bepackt mit allem, was Schränke, Keller und Dachböden hergeben.
11.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von KRISTINA BELLACH

Große Augen macht mancher, der an diesem ersten Sonnabend im Juni durch die Straßburger Straße flaniert. Auf den Gehwegen vor den schmucken Altbremer Häusern reihen sich Flohmarktstände, bepackt mit allem, was Schränke, Keller und Dachböden hergeben. Vom Snowboard über nostalgische Teedosen bis hin zu Drucken alter niederländischer Seekarten lässt sich fast alles finden, was das Herz begehrt.

„Verkauft Ihr hier den Fahrradkorb?“, fragt Ute Reinschüssel, die ihr weißes City-Cruiser-Rad durch die Straßburger Straße schiebt. „Na, wenn der da hängt, wird der auch verkauft“, entgegnet keck Verkäuferin Helga Strube, ein Schwachhauser Original mit blonden Kringellocken und großer Sonnenbrille. „Der Korb kommt aus Polen, da sind wir von Ahlbeck nach Swinemünde geradelt. So was bekommen Sie sonst nicht“, erklärt sie dazu. Schnell werden sich die beiden Frauen einig über den Preis. Der Korb kommt vorne an den Lenker und Ute Reinschüssel schiebt sich weiter durch die Menge, die sich vor den Ständen schart.

Taschenbücher „für den Sommerurlaub oder Garten“ liefen heute besonders gut, plaudert Helga Strube los und bietet sogleich ein Stück fluffigen Zitronensandkuchen an. „Die jüngeren Leute scheinen nach Vintage-Sachen aus den Fünfzigern und Sechzigern zu suchen.“ Eine alte Tortenplatte mit roten Polkapunkten, Vasen und Gläser im Retro-Look hätte sie bereits an den Mann gebracht. „Es geht den Leuten um die Nachhaltigkeit, falls das kein zu großes Wort ist“, mutmaßt sie. „Viele sagen, ,ich muss nicht alles neu kaufen.‘ Da ist was Gebrauchtes, Individuelles eher angesagt als 08/15-Sachen aus dem Kaufhaus.“ Und was läuft gar nicht? „Tischwäsche“, sagt sie und streicht über einen Haufen sorgfältig gelegter Tücher. „Wenn ich sage, ,die müssen Sie nur noch mangeln und bügeln‘, wollen die Leute schon nicht mehr. Ein echter Ladenhüter.“

Ein bisschen an New Orleans erinnert der „Flohmarkt vor der Haustür“, wie die Anwohner ihn nennen, sagt Organisatorin Ulrike Russ. Vor vielen Jahren nahm sie selbst an einem solchen Nachbarschaftsereignis im amerikanischen Bundesstaat Louisiana teil: „Da habe ich gesehen, wie ein ganzer Stadtteil so einen Flohmarkt machte, es war so locker und entspannt.“ Etwas, das sie, zurück in Deutschland, vermisste. „Ich komme vom Dorf und möchte Leute kennenlernen. Ich möchte wissen, wer in den Häusern lebt. Es ist sonst zu anonym“, erzählt die gesellige Bremerin, während sie mit einer winzigen Espressotasse in der Hand den Preis für einen geblümten Crêpe-de-Chine-Rock verhandelt. „Hier in der Straßburger Straße wohnen sehr unterschiedliche Leute, durch den Markt kommen sie ins Gespräch und lernen sich kennen.“ Anfangs sei es jedoch schwierig gewesen, „die Leute zu motivieren, ihre Sachen nach draußen zu stellen. Es ist ja was ziemlich Privates.“

Bei Nachbarschafts- oder Straßenflohmärkten, zumindest in Bremen, mag man an ein paar Tische vor einigen, wenigen Wohnhäusern denken. Der „Flohmarkt vor der Haustür“, der inzwischen zum zwölften Mal stattfindet, setzt sich nicht nur über dieses magere Bild hinweg, sondern bereichert die Kategorie um einen imposanten Vertreter: Antje Cordes aus Fischerhude nennt ihn den „schönsten Flohmarkt in ganz Bremen“. Schon in den letzten Jahren hätte sie hier tolle Sachen erstanden, wie eine Reihe schicker Handtaschen. „Es gibt hier hochwertige Sachen, die wirklich ihr Geld wert sind“, sagt sie überzeugt.

Der Vegesacker Burkhard Kröger stöbert nach Schallplatten aus den 70er-Jahren. „Erinnerungsstücke an meine Jugendzeit“, schwärmt er. „Das Angebot ist hier einfach interessanter, weil nur Privatleute verkaufen. Außerdem hat so ein Straßenflohmarkt in alter Tradition ein tolles Flair, das genieße ich.“

War früher ausschließlich die Straßburger Straße Ort des Geschehens, haben sich heute die Colmarer Straße und die Geisbergstraße dazugesellt. Auf der Kreuzung zur Elsasser Straße haben sich so viele Händler angesiedelt, dass „es schon fast wie in Kreuzberg aussieht“, findet Ulrike Russ. Insgesamt 137 Stände hat sie dieses Jahr gezählt.

„Es ist irre voll, selbst in der Colmarer, wo sonst nie was ist. Das hat sich etabliert“, meint Marie-Luise Kahrweg, deren Flohmarkttag mit einem Familientreffen einhergeht. Extra zum Hökern sind Schwester und Schwager aus Brake, die Töchter und Schwiegersöhne samt vier Enkeln aus Seckenhausen und Achim sowie eine Schar von Freunden angereist.

Die dekorativen Tee-Probierdosen vom Schwiegervater, der einen Teehandel besaß, waren als erstes vergriffen. Doch auch alte Schallplatten und selbst genähte Topflappen laufen gut. Zudem sei der Markt „sehr kommunikativ. Normalerweise kennt man rechts und links nur zwei, drei Nachbarn. So aber geht man die Straße runter und schnackt mit allen mal“, erzählt Kahrweg. „Zurzeit gibt es einen großen Umbruch, viele Häuser stehen zum Verkauf, viele Alte sind weg“, sagt sie und deutet auf zwei benachbarte Reihenhäuser, die offensichtlich leer stehen. „Es ziehen viele Jüngere zu. Wer neu zuzieht, wird durch so ein Ereignis gleich integriert“, so Kahrweg. „Wer ein bisschen aufgeschlossen ist, sagt ,toll, so‘n Straßenflohmarkt‘ und macht mit.“

Selbst Nachbarn, die inzwischen weggezogen sind oder solche wie Alexander Beck, der nie in der Straßburger Straße gewohnt, sondern stets nur gastiert hat, sind zugegen. „Mit den alten Nachbarn meiner Partnerin sind wir noch immer befreundet. Ich habe damals in Hamburg gewohnt“, erzählt Beck. Vor vier Jahren sei seine Partnerin weggezogen, die Bindung an die Straßburger Straße habe jedoch gehalten.

Während Beck fleißig Crêpes für die Besucher wendet, freut er sich schon auf das anschließende gemeinsame Essen. Denn wenn die Stände abgebaut sind, soll die Party beginnen. Dann will er gemeinsam mit Freunden bei Bier und Grillwurst den Tag gemütlich ausklingen lassen. „Es ist schon eine besondere Straße“, sagt Beck. „Die Nachbarschaft ist einfach toll hier.“

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