Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft

Der Krieg „ging gegen uns mit anderen Mitteln weiter“, sagt Mario Franz, der Vorsitzende der Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma. Es sei die Geisteshaltung der Mehrheit der deutschen Bevölkerung gewesen, die diese Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus ermöglicht habe.
09.04.2018, 00:00
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Von Gerald Weßel

Der Krieg „ging gegen uns mit anderen Mitteln weiter“, sagt Mario Franz, der Vorsitzende der Niedersächsischen Beratungsstelle für Sinti und Roma. Es sei die Geisteshaltung der Mehrheit der deutschen Bevölkerung gewesen, die diese Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus ermöglicht habe. Und auch nach dem Krieg und dem Ende der Hitlerdiktatur wurden Sinti und Roma weiter diskriminiert.

Die Erinnerungen, die die Überlebenden aus seiner Elterngeneration quälten, spiegelten sich noch oft im Alltag wider: „Er hat jedes Jahr zur gleichen Zeit Violine gespielt“, entsinnt sich Mario Franz an die Gewohnheiten seines Vaters Johann Franz. „Wir wussten, welche Bilder er dabei sieht.“ Die seiner toten Verwandten, inklusive seines Vaters Gustav und seiner Mutter Franziska, Marios Großeltern. Sprechen konnte Johann Franz viele Jahre nicht über das Erlebte. Zahlreiche Erlebnisse und Empfindungen der zweiten Generation gleichen sich. Die Söhne und Töchter haben mit den nie verheilenden Wunden ihrer Eltern leben müssen. „Die Menschen sind aus dem KZ gekommen, aber das KZ ist nie aus den Menschen“, sagte Mario Franz im Wallsaal der Zentralbibliothek.

Es war ein Gespräch am Täterort, wie Henning Bleyl von der Heinrich-Böll-Stiftung ausführte. Vom Wall aus seien in der NS-Zeit die Einsätze gegen Sinti und Roma für ganz Nordwestdeutschland koordiniert worden. Für Mario Franz ist es sichtlich ein emotionaler Moment, an dieser Stelle vor der Mehrheitsbevölkerung zu stehen, vor Menschen, deren Vorfahren unbehelligt blieben, als seine Verwandten gequält und ermordet wurden. Er spreche heute an diesem Ort dank seines Vertrauens in eine neue Generation an Menschen, die frei von alten Denkmustern sei, sagte Mario Franz. Das habe leider einige Jahrzehnte gebraucht.

Die fortgesetzte Diskriminierung und Benachteiligung der Sinti und Roma nach dem Krieg habe auf dem gleichen Denken beruht wie der Massenmord. „Die negative Sonderbehandlung wurde, als wäre sie naturgegeben, weitergelebt“, sagte Mario Franz. „Wir können uns nicht aussuchen, wann wir mit Rassismus umgehen wollen. Wir tun es jeden Tag.“

Aufgewachsen ist er in „Kleintexas“ in Osnabrück, einem Nachkriegsgetto für sogenannte „asoziale Elemente“, wie Sinti und Roma auch nach der Nazizeit von zahlreichen Behördenmitarbeitern, Polizeibeamten, Richtern und Nachbarn eingestuft wurden. Hätte Hitlers Herrschaft angedauert, wäre auch dort wohl ein Konzentrationslager entstanden, sagt Mario Franz. „Wir waren sehr arm. Ich kannte nichts anderes. Ich wusste nicht, dass man sanitäre Anlagen in der Wohnung haben kann.“ Die Kälte sei in den Baracken allgegenwärtig gewesen.

Seine Schulzeit gestaltete sich schwierig bis unmöglich. Immer nur für kurze Zeiten habe er Klassen besucht, in denen er ständiger Drangsalierung durch Schüler und Lehrer ausgesetzt gewesen sei. Sprüche wie „Zick Zack Zigeunerpack“ hätten noch zu den harmlosesten Vorkommnissen gehört. Dabei habe er noch Glück gehabt. Viele seiner Altersgenossen seien als „genetisch nicht in der Lage“ eingestuft worden, eine normale Schule zu besuchen und auf eine Hilfsschule abgeschoben worden. Aber auch er hat Schlimmes durchgemacht. „Ich hatte irgendwann Angst, in die Schule zu gehen.“ Er habe sich stets gewehrt, was die Situation aber nicht vereinfachte: „Ich habe immer zurückgeschlagen.“ Auch dort seien gewalttätige Lehrer keine Ausnahme gewesen. Nur wenige Lehrer hätten ihn gefördert. In der Berufsschule sei es nicht besser geworden. Lesen und Schreiben habe er sich irgendwann mit Comics selbst beigebracht.

Inzwischen ist Mario Franz Stammgast an vielen Schulen. Er leistet vielerorts Bildungsarbeit mit Jugendlichen der Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft. So bietet er zum Beispiel mehrere Antirassismus-AG an. Er tue es auch, machte er deutlich, weil er ehrliche und absolut echte Signale aus der Mehrheitsbevölkerung sehe, die Zukunft anders zu gestalten. Was er an den Schulen erlebe, mache ihm viel Hoffnung für eine bessere und zudem gemeinsame Geschichte von Mehrheit und Minderheit.

Eine Frau aus dem Publikum traf den Nagel auf den Kopf: „Was macht Sie denn anders? Sie sind doch wie wir alle.“ Mario Franz lächelt: Historische Gründe seien es, obschon Deutschland seit Jahrhunderten die Heimat vieler Sinti und Roma sei. Anfang des 15. Jahrhunderts seien die Sinti erstmals in Deutschland urkundlich erwähnt. Handwerkszünfte störten sich als Erste an den Neuankömmlingen. „Man brauchte ein Feindbild.“ Letztlich sei das Ganze eine Konstruktion in den Köpfen der Mehrheitsgesellschaft. „Manche denken noch heute, dass ich mein Lagerfeuer im Kofferraum habe“, berichtet Mario Franz belustigt. „Nichts ist zwischen uns anders.“ Aber eines erleichtere den Sinti und Roma heutzutage die Situation ebenfalls: „Heute sind sehr viele Ausländer hier, da fallen wir nicht mehr so auf.“

Gefragt, ob er glaube, dass auch heute eine Minderheit unter Mitwirken der Mehrheit in Deutschland unterdrückt oder sogar systematisch schlechter gestellt werden könnte, antwortete Mario Franz prompt: „Ja, es könnte durchaus wieder passieren.“ Es sei eine Sache der Gewohnheit, Repressalien gegen Minderheiten zu dulden. Irgendwann falle es gar nicht mehr so auf, und dann gehöre es eben zum Alltag. Das Schweigen sei dabei das Hauptproblem. „Die schlimmste Diskriminierung ist, kein Interesse an unserem Schicksal zu haben“, so fasste es Mario Franz zusammen. Auch das lasse sich auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen.

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